Gangsterbräute 1934 von Max Allan Collins

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1984 unter dem Titel True crime, deutsche Ausgabe erstmals 1986 bei Bastei Lübbe.

  • New York: St. Martin’s Press, 1984 unter dem Titel True crime. 357 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1986. Übersetzt von Jürgen Langowski. ISBN: 3-404-13036-7. 361 Seiten.

'Gangsterbräute 1934' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Detektiv zwischen feindlichem Staat und Staatsfeind Nr. 1« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Chicago im Sommer des Jahres 1934: Die USA befinden sich weiterhin im Würgegriff der »Großen Depression«. Auch die Geschäfte von Nate Heller, einem ehemaligen Polizeibeamten, der sich vor einiger Zeit als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat, gehen schlecht. Deshalb übernimmt er gern den an sich reizlosen Auftrag, eine des Ehebruchs verdächtige junge Frau zu beschatten – und gerät erneut (s. »Chicago 1933«, Bastei-Lübbe-TB Nr. 13015) in eine ganz faule Sache, der das FBI und Chicagos korrupte Polizei ebenso einschließt wie Frank Nitti, der in der Nachfolge Al Capones über das organisierte Verbrechen der Stadt herrscht.

Der Mann, mit dem besagte Dame ihren Gatten tatsächlich betrügt, könnte John Dillinger sein, ein berüchtigter Bankräuber, der sehr erfolgreich der Polizei und dem FBI nicht nur mehrfach entkam, sondern manches saure Schnippchen geschlagen hat. J. Edgar Hoover, der faschistoide Chef des FBI, hat deshalb die Parole ausgegeben: Stellt Dillinger – und legt ihn um! Der »Staatsfeind Nr. 1« ist damit zum Abschuss freigegeben. Heller will sich an dieser Treibjagd nicht beteiligen, obwohl ihn Nitti, dem er im Vorjahr das Leben gerettet hat, wissen lässt, dass auch er ein gewaltsames Ende Dillingers forciert; der Outlaw lässt das Gesetz nervös und übereifrig agieren und stört dadurch Nittis Geschäfte, die keine öffentliche Aufmerksamkeit vertragen.

Heller ahnt inzwischen, dass ein »Dummy« die Rolle Dillingers nur spielt. Als dieser von der Polizei in eine Falle gelockt und ermordet wird, gilt der Gangster als tot. Alle sind zufrieden, und Heller scheut den nutzlosen Kampf für eine unerwünschte Wahrheit. Er stürzt sich in einen neuen Fall, der ihn – die Welt ist klein – direkt unter Dillingers Spießgesellen bringt: Er soll eine durchgebrannte Tochter finden, die sich ausgerechnet der Barker-Karpis-Bande angeschlossen hat. Mit Nittis Hilfe lässt sich Heller hier einschleusen und findet mehr heraus, als seiner Gesundheit zuträglich ist …

Moderne Großstadtgangster vs. Outlaws vom Land

Frank Nitti, in den 1930er Jahren Herrscher über Chicagos Unterwelt, hatte im Gegensatz zu seinem »Vorgänger« Al Capone eine wichtige Lektion gelernt: Das Gesetz kannst du nicht besiegen. Du musst es stattdessen dort schmieren, wo es möglich ist, und es ansonsten in Ruhe lassen. Also wurden munter Konkurrenten umgelegt, während Polizisten (weitgehend) tabu waren. Die Balance zu halten war schwierig, doch es gelang, solange sich beide Seiten an die »Regeln« hielten. Als dritte Partei kam die Presse ins Spiel, die nicht mit allzu deutlichen Hinweisen auf die Koexistenz von Polizei, Justiz und Stadtverwaltung mit dem organisierten Verbrechen angestachelt werden durfte, denn dies hätte die Öffentlichkeit alarmiert und den Staat oder die Regierung womöglich dazu gebracht, dem Filz den Krieg zu erklären; Capones Untergang war ein warnendes Beispiel.

John Dillinger stellte in diesem Spiel einen echten Störenfried dar. Er war kein Mitglied einer Gang, sondern »selbstständig«. Mit diversen Kumpanen reiste er über Land und machte sehr erfolgreich in Banküberfällen. Dabei war er geschickt genug, sich zum modernen Robin Hood zu stilisieren, indem er stets nur das Geld der Bank stahl und die anwesende Kundschaft ungeschoren ließ. Die Presse liebte Dillinger, der zudem gern den furchtlosen Desperado gab, der trickreich den Fallen der Polizei entrann und notfalls seine Spießgesellen aus dem Gefängnis befreite. Dillinger war ein Ärgernis – für die Polizei und für das FBI, die gleich mehrfach kläglich dabei versagten, den »Staatsfeind Nr. 1« zu stellen, aber auch für das organisierte Verbrechen in Chicago, denn in dieser Stadt machte Dillinger zwischen seinen Coups gern Ferien. Vor allem das FBI suchte ihn hier und brachte Unruhe in die Unterwelt. Dillinger war lästig und musste weg. Am 22. Juli 1934 wurde ihm vor dem »Biograph«-Kino eine Falle gestellt, und FBI-Beamte legten ihn wie angeordnet um.

Hier setzt Collins’ fiktive Fortsetzung der Affäre ein. Schon viele Zeitgenossen fragten sich, ob der Mann, der vor dem »Biograph« starb, tatsächlich John Dillinger war. Zu viele Fragen blieben offen, zu offensichtlich waren diverse Vertuschungen. Wie es stattdessen hätte sein können, beschreibt Collins in »Gangsterbräute 1934«, seinem zweiten Band der fabelhaften Nate-Heller-Serie, der (trotz des blöden deutschen Titels) wieder ein Highlight des Genres Historienkrimi darstellt. Kongenial setzt der Verfasser die mit »Chicago 1933« begonnene Chronik seiner Hauptfigur fort. Heller gerät einmal mehr in die Mühlen der großen Politik, die im Chicago dieser Ära stets ein schmutziges und gefährliches Geschäft ist. Das organisierte Verbrechen bestimmt die Geschicke der Stadt mit, und die Verwaltung duldet es, solange die »Vertreter des Volkes« ihren Schnitt machen. Auch die Polizei ist korrupt; die Zeiten sind schlecht, die Moral verkommt. Wo Menschen in Millionenzahl auf der Straße leben müssen, hält man lieber die Hand auf als ihr Schicksal teilen zu müssen.

John Dillinger wählte eine anderen, »klassischen« Weg: Er nahm sich gewaltsam, was ihm, wie er meinte, zustand. Gemeinsam mit farbenfrohen Gestalten wie Clyde Borrow & Bonnie Parker, George »Machine Gun« Kelly, George »Baby Face« Nelson oder den Barker-Boys gehörte er zu den letzten Outlaws, die der »Wilde Westen« hervorbrachte. Planen, zuschlagen, weiterziehen, erneut zuschlagen – nach diesem Schema lief es ab, nur dass man inzwischen nicht mehr auf Pferden in die Stadt ritt, sondern Automobile benutzte. Die unendliche Weite nur dünn besiedelter Landstriche und die Abwesenheit einer Technik, die es heute leicht macht, Autos und Menschen zu orten, ließ sie einige Jahre durchaus erfolgreich operieren. Die traditionelle Feindseligkeit der Landbevölkerung, die mit der Polizei und dem Gesetz vor allen dann zu tun bekam, wenn man ihre überschuldeten Farmen beschlagnahmte, förderte die Chance zum Untertauchen: Auch Verbrecher wurden nicht verraten, wenn sie »den Feind« schädigten. Das Gesetz hatte das Nachsehen; bis in die 1930er Jahre genügte es, nach einem Raubzug die Staatsgrenze zu passieren – weder das FBI noch die Polizei durfte den Verbrechern in einen anderen Staat folgen.

Dennoch arbeitete die Zeit gegen diese schlecht oder gar nicht organisierten Kriminellen. Sie ließen sich am Ort ihrer Verbrechen oder auf der Flucht in Feuergefechte verwickeln, wurden gejagt und fanden nie Ruhe. Ihre Lebenserwartung war kurz, sie wussten es und lebten entsprechend. Max Allan Collins lässt Dillinger einen Ausweg finden, doch er stellt klar, dass es sich um eine Fiktion handelt. Sämtliche Outlaws, die Nate Heller im Verlauf seiner Ermittlungen trifft, nehmen ein böses Ende. Die modernen Zeiten erreichen letztlich auch das Hinterland.

Dabei wurde auf beiden Seiten wenig Rücksicht genommen. Collins stellt klar, dass die Weltwirtschaftskrise nicht nur finanzielle Not, sondern auch eine Verrohung von Moral und Sitte bedeutete. Jeder war sich selbst der Nächste in einem Land, deren Bewohner Scheitern mit persönlicher Unfähigkeit gleichsetzten und Elend folgerichtig selbst »verschuldet« war. Wer fiel, blieb liegen; nur wenige fühlen sich zur Hilfe verpflichtet. Die Depression entlarvte den »Amerikanischen Traum« als Illusion, was allerdings nur jene verinnerlichten, die ihm zum Opfer fielen. Die nicht betroffen waren, wehrten mit Händen und Füßen die Unglücklichen ab, die zurück ins Boot wollten. Die Nate-Heller-Krimis, die in den 1930er Jahre spielen, zeichnen die Hilflosigkeit und den Zorn der Verlierer und die Rücksichtslosigkeit und – manchmal – Scham der Gewinner nach. Nur in diesem Umfeld sind die von Collins entworfenen Plots möglich. Dass sie im Gegenzug ebenso spielerisch wie eindringlich über das historische Umfeld informieren, trägt zur Qualität der Serie bei.

Ein Idealist wird zum Realisten

In dieser gnadenlosen Welt ist Nate Heller im Vorjahr 1933 als »Spielverderber« aufgefallen, der sich an den krummen Geschäften der Stadtverwaltung ebenso wenig beteiligen wollte wie an den kriminellen Aktivitäten der korrupten Polizei. Auch als Sündenbock ließ er sich nicht verheizen. Dieses Mal missbraucht man ihn als nützlichen Dummkopf, der einer Verschwörung den Erfolg bringt, die so geschickt eingefädelt wurde, dass Heller sie nicht mehr stoppen kann, nachdem er endlich durchschaut, was er ungewollt angerichtet hat.

Heller ist kein Heiliger, auch ihn haben die harten Zeiten gebeugt – aber nicht gebrochen. Nach wie vor ist er der »true detective«, ein Mann mit festen moralischen Grundsätzen, die ersetzen, was das Gesetz offenbar nicht mehr leisten kann oder will. Heller möchte keine Mitschuld an einem Attentat tragen, auch wenn das Opfer John Dillinger heißt. Dafür darf er keine Dankbarkeit erwarten – nicht einmal von Dillinger, der selbst Teil des Komplotts um seinen »Tod« ist.

Collins lässt zahlreiche reale Personen der Zeitgeschichte auftreten. Er hat genau recherchiert und ansonsten keine Furcht, Lücken mit der eigenen Vorstellungskraft zu füllen. Er profitiert dabei von den Erkenntnissen, die in der Jahrzehnten nach den Ereignissen gewonnen wurden. Collins bemüht sich um Objektivität. Er unterscheidet zwischen den »Guten«, den »Bösen« und den »Opfern«, aber er macht stets deutlich, wie seine Figuren in diese Rollen schlüpften bzw. gezwungen wurden. Sogar der gern als verrückter, schießwütiger Killer geschilderte »Baby Face« Nelson gewinnt bei Collins menschliche Züge.

Worauf man allerdings nicht hoffen kann, ist »Gerechtigkeit« – nach Collins ein abstraktes oder besser behauptetes Ideal, das nur mit Leben erfüllt werden kann, wenn sich möglichst viele Menschen an die ihm zu Grunde gelegten Regeln halten. Im Chicago des Jahres 1934 sind diese eindeutig in der Minderheit. Heller bemüht sich sein Scherflein beizutragen, doch die meiste Zeit wirkt er wie ein Blatt Papier, das die Zeitläufe vor sich hertreiben. Das passt gut zu seinem Charakter, wie Collins ihn entwarf, ist aber auch dem Genre geschuldet: Die Konstanten eines Historienkrimis stehen fest. Der Autor kann historisch verbürgte Ereignisse nicht bzw. nur dort ändern, wo die Überlieferung lückenhaft ist. Deshalb »darf« Collins Dillinger ein zweites Leben schenken, jedoch nicht z. B. Al Capone zum Bürgermeister von Chicago ernennen, weil das nachweislich nie geschehen ist.

Heller ist es vergönnt hinter die Kulissen zu schauen und das dort Entdeckte zu kommentieren. Dies ist seine hauptsächliche Aufgabe, so dass es nicht verwundern sollte, dass wir ihn nur nebenbei von seiner »richtigen« Arbeit erzählen hören. Heller überprüft durchaus Scheckbetrüger, beschattet Ehebrecher, sucht nach Taschendieben. Ihn dies tun zu sehen, ist jedoch uninteressanter als ihn als Chronisten und Führer durch eine seltsame, fremde, bedrohliche und doch faszinierende Vergangenheit zu begleiten.

Michael Drewniok, Juni 2007

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