Sea Detective - Der Sog der Tiefe von Mark Douglas-Home

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel The woman who walked into the sea, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Rowohlt.
Folge 2 der Cal-McGill-Serie.

  • Dingwall: Sandstone Press, 2013 unter dem Titel The woman who walked into the sea. 340 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017. Übersetzt von Stefan Lux. ISBN: 978-3-499-27247-9. 384 Seiten.

'Sea Detective - Der Sog der Tiefe' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In der Nähe des entlegenen schottischen Städtchens Poltown beobachtet Cal McGill eine junge Frau; anscheinend will sie wie er allem entkom- men. Reglos schaut sie aufs Meer, eine gefühlte Ewigkeit lang. Als er sie wiedersieht und vor einem Schläger rettet, kommen die beiden sich näher: Violet erfuhr vor kurzem den Namen ihrer leiblichen Mutter. Angeblich ging sie in Poltown an jenem Strand ins Wasser, an dem Cal Violet sah. Angeblich tötete sie sich selbst und ihr ungeborenes Kind. Doch Violet lebt. Und sie will wissen, was tatsächlich geschehen ist. Mit Hilfe von Cal forscht sie nach. Sie stoßen auf eine Küstengemeinde, die beharrlich schweigt. Zu beharrlich.

Das meint Krimi-Couch.de: Solide britische Krimikost 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Violet Wells lebt als alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter in Glasgow. In ihrer kleinen Wohnung erhält sie Besuch von einem Mitarbeiter des Sozialamtes von Inverness, der ihr einen anonymen Brief überbringt. Danach wurde sie in der Nacht des 9. September 1983 vor dem Krankenhaus in Inverness ausgesetzt.

Ihre Mutter, die sie nie kennenlernte, lebte in einem kleinen Dorf namens Poltown und hieß Megan Bates und brachte sich angeblich am nächsten Tag um. Sie ging ins Meer, so berichtete eine Nachbarin damals. Übrig blieben ein Hut und ein kleiner Koffer, die an Land gespült wurden. Von der Leiche gibt es bis heute keine Spur. Doch schon damals gab es polizeiliche Untersuchungen, da ein Mord nicht ausgeschlossen werden konnte. Verdächtigt wurde der kauzige Duncan Boyd, der angeblich in Megan verliebt war.

Violet lässt ihre Tochter bei einer Freundin zurück und fährt nach Poltown, um dort mehr über ihre Mutter zu erfahren. Dabei trifft sie den Meeresforscher Cal McGill, der es für höchst unwahrscheinlich hält, dass zwei ungleiche Gegenstände wie ein Hut und ein Koffer an gleicher Stelle an Land gespült werden.Schnell stellt sich heraus, dass die Polizei damals nie richtig ermittelte, sondern mit der Selbstmord-These zufrieden war. Fremde, selbst Polizisten, mag man in Poltown nicht, wie Violet und Cal bald selber feststellen müssen. Beide werden bedroht, sie mögen den Ort umgehend verlassen. Aber die Neugier ist so stark wie die Verschwiegenheit der Dorfbewohner …

Ein altes Verbrechen will aufgeklärt werden

Völlig neu ist der Plot des zweiten Teils der »Sea Detective«-Reihe wahrlich nicht. Ein kleines Kaff, in dem jeder jeden kennt und eine verschlossene Dorfgemeinde, die Fremde mit Argwohn betrachtet, wenngleich der Ort vom Tourismus lebt. Dies soll sich ändern, denn ein Windkraft-Projekt soll den überwiegend armen Menschen endlich zu ein bisschen Wohlstand verhelfen. Neue Wohnungen, Jobs, ein Supermarkt und – das halt eben auch – ein bisschen weniger Natur. Die Stimmung ist gereizt und richtet sich vor allem, einmal mehr, gegen Duncan Boyd der partout sein Haus nicht verkaufen will, obwohl dessen Grundstück von großer Bedeutung für das Projekt ist.

»Beim letzten Mal hat sich die Polizei auf das Naheliegende konzentriert. Schwangere tötet sich und ihr Baby, nachdem ihr verheirateter Liebhaber sie im Stich gelassen hat. Sie wollten unbedingt eine Lösung ohne die Anwesenheit von auswärtigen Ermittlern in Poltown, die hier alles auf den Kopf stellen. Und jetzt machen sie dasselbe. Ich will es nicht kompliziert machen, aber ich habe gelernt, offensichtlichen Erklärungen zu misstrauen, vor allem, wenn noch unbeantwortete Fragen im Raum stehen.«

Auch die übrigen Charaktere sind durchaus bekannt. Ein skrupelloser Machtmensch, der im Ort das Sagen hat, notfalls indem er mit Gewaltanwendung nachhilft. Ein Ehepaar, dass sich in einem Herrenhaus eingerichtet hat, dass zumindest anteilig Violet gehören müsste, denn Megan hatte ein Verhältnis mit dem Vater der jetzigen Besitzerin. Dazu eine grantelnde alte Vettel, die nach Anerkennung lechzt und mit ihrer intriganten Bösartigkeit doch immer nur die Außenseiterin geblieben ist.

Nahezu kein Bezug zum ersten Teil

In diesem Umfeld versuchen Violet und Cal das Geheimnis von Megans Tod aufzudecken, wobei sie erst zögerlich Vertrauen zueinander finden. Dass Cal McGill als Ozeanograph arbeitet und die Gezeiten der Meere verfolgt, kommt ein wenig zu kurz, denn der Autor konzentriert sich lieber auf ausführliche Beschreibungen der Landschaft, welche das fiktive schottische Dorf an der Westküste umgibt. Ungewöhnlich ist für eine Serie zudem, dass es kaum Verbindungen zum ersten Teil gibt.

Zwar wird Cals »Privatleben« (von seiner Frau geschieden, die Mutter verstorben, der Vater lebt in Afrika) nochmals dargestellt, aber keine der Nebenfiguren, welche im ersten Teil (»Ein Grab in den Wellen«) mitspielte, taucht hier erneut auf. So liest sich der zweite Teil wie ein Stand-allone-Plot, dem nur die Überschrift »Sea Detective« als Wiedererkennungsmerkmal geblieben ist. Hier darf man gespannt sein, wie sich die »Serie« fortsetzen wird. Reicht es für mehr als nur die Hauptfigur?

Wer gerne klassisch angelegte »englische Krimis« liest, der findet hier ein ruhiges, entspanntes Lesevergnügen, dass ein paar Seiten zu viel benötigt, bevor die eigentliche Handlung an Fahrt aufnimmt.

Jörg Kijanski, Januar 2018

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walli007 zu »Mark Douglas-Home: Sea Detective - Der Sog der Tiefe« 14.11.2017
Poltown

Eine alte Freundin seiner Eltern ist verstorben und Cal McGill nimmt an der Bestattung teil. Dort hilft er einer alten Frau, die von der Gemeinde seltsam abweisend behandelt wird. Nur wenig später sieht er am Strand eine junge Frau, die aufs Meer hinausblickt. Violet Wells wurde adoptiert, erst jetzt hat sie erfahren, dass sie an einem Krankenhaus ausgesetzt wurde und laut einem anonymen Brief soll ihr Vater einer der angesehensten Bewohner des Ortes Poltown gewesen sein. Violet beginnt mit Nachforschungen, was an dieser Geschichte dran sein könnte. Vorsichtig möchte sie vorgehen, nichts aufrühren, aber dennoch brennt sie darauf, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften.

Zum zweiten Mal beschäftigt sich der Ozeanograph Cal McGill mit einer Ermittlung nach den Umständen eines Todesfalls. Schon vor sechsundzwanzig Jahren verschwand die junge Frau im Meer. Nur ein Kleid und ihre Tasche wurden am Strand angespült. Die Polizei entschied damals, es könne sich nur um einen Selbstmord gehandelt haben. Auf Fragen jedoch reagieren die Bewohner so zurückhaltend, wenn nicht gar abweisend, dass Cal vermutet, es müsse doch mehr hinter den bekannten Fakten stecken. Seine flüchtige Bekanntschaft mit Violet, die sich nur nach und nach etwas öffnet, bestätigt Cals Gedankengänge.

Ist es möglich, wenn schon so viel Zeit vergangen ist, das Schicksal der verschwundenen Frau aufzuklären? Warum schweigen die Menschen, die sie eigentlich gekannt haben müssten? Hatte sie keine Freunde, die sich um sie gesorgt hätten? Je weniger man erfährt, desto neugieriger wird man. Was ist hinter der Fassade der nichtssagenden Freundlichkeit verborgen? Man möchte nachbohren. Man möchte wissen, wie Anspielungen zu deuten sind. Zwar fehlt etwas die Brisanz eines aktuellen Ereignisses, doch geschickt sind Vergangenheit und Gegenwart verbunden. Bande der Abhängigkeiten, die vor Jahren geknüpft wurden, wirken sich bis zu den heutigen Tagen aus. Welch eine Nachwirkung hat ein vergangenes Ereignis, kann ein Unrecht wieder gut gemacht werden, durch einen Brief, der auch nicht aus den besten Motiven entstanden ist. Vertuschung, Neid und Missgunst, Abhängigkeiten und ungute Beziehungen. Poltown ist ein Ort, an dem man nicht leben möchte, von dem es aber sehr spannend ist zu lesen und wo schließlich doch alles anders war, als man selbst erraten könnte.
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