Flucht übers Watt von Krischan Koch

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei dtv.
Folge 1 der Harry-Oldenburg-Serie.

  • München: dtv, 2009.

'Flucht übers Watt' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Kunststudent Harry Oldenburg will endlich etwas gegen die chronische Ebbe in seiner Kasse unternehmen und klaut vier Gemälde von Emil Nolde aus dem Museum in Seebüll. Mit der Beute in der Plastiktüte fl üchtet er nach Amrum, um dort erst mal unterzutauchen. Doch in der herbstlichen Inselidylle sieht sich Harry bald von neugierigen Einheimischen und lästigen Touristen bedrängt. So schnell er die unbequemen Verfolger auch loswird, so schwierig gestaltet sich deren Entsorgung. Vom Leuchtturm gestürzte Urlauberinnen fallen eben auch in der Nebensaison auf. Harry wird das Pflaster auf Amrum zu heiß. Bei seiner dramatischen Flucht über die Inseln muss er eines der Gemälde zurücklassen. Achtzehn Jahre später kehrt er nach Amrum zurück, um die Spur des Nolde-Bildes wieder aufzunehmen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Fällt dem Watt zum Opfer« 35°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Kriminalistisch angehauchte Kabarettisten bringen ein wenig tödlichen Humor auf den Buchmarkt. Nachdem Jörg Maurer im Vormonat sein Debüt auf der Krimi-Couch mit Föhnlage gab und durchwegs brauchbare Kritiken bekam, versucht es nun der Mastermind des »Hamburger Spottvereins« im Deutschen Taschenbuchverlag mit einer knapp 300 Seiten langen Flucht übers Watt.

Harry Oldenburg ist ein verkrachter Kunststudent, der sich mit Gemäldekopien, die als solche nicht gekennzeichnet sind, mehr schlecht als recht über Wasser hält. Der Weg, sich gleich die Originale unter den Nagel zu reißen und zu verhökern, scheint aber deutlich weniger Arbeit zu machen. Und weil Expressionisten gerade en vogue sind und sich Harry seit seiner Kindheit auf den nordfriesischen Inseln auskennt, liegt Nichts näher, als sich auf Seebüll zu begeben, wo das ehemalige Wohnhaus von Emil Nolde heute als Ausstellungshaus seine Bilder zeigt. Aber nicht mehr lange, denn Harry wird sich dort bedienen, nicht ahnend, dass die Putzfrau ihn überrascht und er deshalb zu drastischen Maßnahmen greifen muss.

Zurück aufs Festland will Harry nicht, denn dort würde man ihn zuerst suchen. Deshalb setzt er mit der Fähre nach Amrum über und mietet sich in einer Inselpension ein, ständig auf der Angst entdeckt zu werden. Und diese Angst ist berechtigt, denn an dem Erlös der Bilder wollen auch Andere mit naschen, bevor sich Harry aus dem Dünenstaub machen kann.

Wie Harry das schafft und nach achtzehn Jahren mit Frau und Kunstraubpartnerin Zoe wieder auftaucht, um das größte Bild, das er damals versteckt zurücklassen musste, an sich zu bringen, hat Krischan Koch mit mehr als einem Augenzwinkern in Buchform gebracht. Im Rückblick trotte(l)t der tolpatschige Maler durch die Inseldörfer. Alle Figuren, denen er begegnet, werden vom Autor gnadenlos seziert und in die Gattung Touristenschnösel, Kunstbanause und Dorfblödel eingereiht. Dass so nebenbei der oder die Eine einen bedauerlichen Abgang machen muss, ist natürlich nicht Harrys Schuld, sondern eine weise Fügung des Schicksals.

Die Geschichte erreicht mühelos die tiefgelegt Latte eines Privatfernsehkrimis und auch ein adäquates Spannungsniveau. Wer sich bei einem Krimi nicht damit zufrieden gibt, die überaus schrägen und witzigen Psychogramme der Pensionsgäste und Einheimischen zu lesen und der Flucht Harrys zu folgen, die einem Slapstick-Film von Buster Keaton entnommen sein könnte, der braucht dieses Buch erst gar nicht zur Hand zu nehmen, denn die stimmigen Beschreibungen von Leuchtturm, Sand und Meer und dem dazugehörigen Nordseewetter täuschen nicht darüber hinweg, dass der Schluss vergessen wurde und absolut nicht befriedigen kann.

Herr Koch und sein Versuch dem Leser das Leben von Harry Oldenburg schmackhaft zu machen, hält sich in Grenzen. Nun sind ja die Inseln an und für sich schon kein sehr kriminelles Pflaster, dass man deswegen aber den kleinsten Kommissar Deutschlands aus Kiel holt und einen großen und kräftigen Dorfpolizisten an seine Seite stellt, der mit dem Auto im Watt steckenbleibt etc., ist kriminalistische Leserverdummung erster Klasse.

Grundsätzlich könnte Harry Oldenburg das Zeug zu einem Serienhelden haben, den Kunsträuber haben generell einen hohen Sympathiebonus. Sich im Ablauf jedoch auf (schlechtem) Comedy-Niveau zu bewegen, um damit die Logiklücken zu füllen, hat selbst auf Amrum nicht genügend Krimisubstanz, damit man Flucht übers Watt als Urlaubslektüre dorthin mitnimmt. Schade um die wirklich witzige Ausgangsidee, die in diesem Fall dem Watt zum Opfer fiel.

Wolfgang Weninger, Juni 2009

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Marbez zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 25.01.2013
Ein wenig Kunstszene, ein wenig mehr Amrum,- nicht Sylt, wo die schwarzen Porsche und langweilige Menschen rumstehen. Klasse Krimi, auch wenn mal niemand ermordet wird und dennoch Menschen zu Tode kommen. Obwohl es nur ein "schwerer Diebstahl" ist, der Titel ist flüssig und spannend, - gut zu lesen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
felinette zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 09.06.2012
Also nee! Da freue ich mich auf ein „herrlich boshaftes Debüt,“ möchte noch ein bisschen Lokalkolorit meiner Lieblingsinsel Amrum genießen und denke, genau die richtige Lektüre für die Überfahrt von Wittdün nach Dagebüll und die anschließende Zugfahrt nach Hamburg. Und dann erwische ich diesen zähen Brocken! Die Witze: eher mau. Das Personal: du lieber Himmel! Alle doof, alle mit Macken, keiner mit halbwegs liebevoller Ironie beschrieben, sondern immer eher ätzend. Und Spannung? Na ja, also das war ja wohl nix. Ich habe das Dinge schließlich doch zu Ende gelesen, weil ich wirklich mal sehen wollte, ob es am Ende doch ein bisschen fesselnder, spannender oder auch nur atmosphärisch dichter wird. Nix! Krischan Koch mag Witz haben, einige der Verwicklungen deuten darauf hin, das ist schon mal was. Humor geht ihm, wie mir scheint, eher ab. Schade…
Sig Hamann zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 24.05.2010
Endlich mal kein überfrachteter Skandinavienkrimi, den man immer wieder zurückblättern muss um den Anschluss zu behalten. Diesen Krimi liest man an 2 herrlichen Urlaubstagen mit Spannung und lächeln und kauft sich dann ganz schnell den nächsten und gibt dieses Buch an nette Menschen weiter. Im Sommer fahre ich nach Amrum und suche die Pension! ;)
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
realsatiriker zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 24.03.2010
Es gibt natürlich Pluspunkte für die Umschreibung der Insel, die "Hass-Liebe" zu Sylt und die teilweise greifbare Ironie in Koch`s Ausführungen.

Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einem unfassbar unlogischen Plot zu tun haben, der aneinandergestückelt wirkt und keinerlei Spannung beinhaltet. Geradezu grotesk muten die vielen Todesfälle und der Mann mit den "Rattenzähnen" an. Laut lachen musste ich jedoch, bei der - wohl dem Titel dienenden "Flucht übers Watt" am Ende des Buches. Was man da so alles findet.

Fazit: Eher Realsatire als ein ernstzunehmender Krimi. Nur Amrum ist und bleibt schön...

KC: 50 °
Ulla Vorwerk zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 03.01.2010
Ich schließe mich Anna Hansen an: Habe ebenfalls (vor Jahren schon) "Treibsand" von Uecker gelesen - mit Grausen, wirklich ein miserables Buch. Demgegenüber ist Krischan Kochs "Flucht übers Watt" unterhaltsam und flott zu lesen, und das Amrumer Lokalkolorit stimmig. Für einen Erstling doch ganz beachtlich, ich hoffe auf Fortsetzung (für den nächsten oder übernächsten Amrum-Urlaub).
Anna Hansen zu »Krischan Koch: Flucht übers Watt« 10.11.2009
Da ich dieses Jahr mit dem anderen existierenden Amrum Krimi ("Treibsand" von C. Uecker) das schlechteste Buch 2009 gelesen habe, fand ich diesen von Krischan Koch im Vergleich gar nicht mal so missraten. Vieles, was Amrum-Fans hass-lieben, bekommt hier sein Fett weg. Steigerungsfähig aber trotzdem noch lesenswert.
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