Unter der Mitternachtssonne von Keigo Higashino

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Byakuyako, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Tropen.
Ort & Zeit der Handlung: Japan / Osaka, 1970 - 1989.

  • Tokio: Shueisha, 1999 unter dem Titel Byakuyako. 506 Seiten.
  • Stuttgart: Tropen, 2018. Übersetzt von Ursula Gräfe. ISBN: 978-3-608-50348-7. 720 Seiten.

'Unter der Mitternachtssonne' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Osaka, 1973. Der Pfandleiher Kirihara wird in einem Abbruchgebäude ermordet aufgefunden.Wie sich herausstellt, hatte er eine beträchtliche Summe Geld bei sich, die nun verschwunden ist. Das Team rund um Kommissar Sasagaki ermittelt, findet aber trotz des verschwundenen Geldes kein stichhaltiges Motiv und auch keinen Täter. Als aber weitere, in das Geschehen verstrickte Personen sterben, hat Sasagaki einen Verdacht. Doch es dauert fast 20 Jahre, bis er den Fall abschließen kann.

Das meint Krimi-Couch.de: Eine sehr lange – aber spannende – Geschichte aus Japan 85°Treffer

Krimi-Rezension von Carola Krauße

Ein gewichtiges Buch

Was an »Unter der Mitternachtssonne« als erstes auffällt, ist sein Umfang und sein Gewicht. 720 Seiten Papier sind schon ein ganz schöner Stapel, aber Keigo Higashino weiß sie mit einer spannenden Geschichte zu füllen. Der Mord an Pfandleiher Yosuke Kirihara ist der Auslöser für einen Handlungsstrang, der sich in einzelnen Episoden über nahezu 20 Jahre hinweg zieht.

Die separaten Kapitel sind wie in sich abgeschlossene Kurzgeschichten angelegt und dabei ist nicht immer gleich ersichtlich, welche Bedeutung jede Episode für das Gesamtgeschehen und die Aufklärung des Mordes hat. Erst nach und nach verbinden sich die Geschichten zu einem Strang, in dem sich die Verflechtungen der einzelnen Personen zeigen – und der am Ende das Motiv für den Mord liefert.

Zwei Protagonisten, die zum Fürchten sind

Nach Schilderung der erfolglosen Ermittlungen im Jahr 1973 konzentriert sich der Rest des Geschehens auf Yukiho und Ryo. Yukiho ist die elfjährige Tochter der Hauptverdächtigen, Ryo der gleichaltrige Sohn des Ermordeten. Sind sie zu Beginn der Geschichte lediglich Kinder, die sich zwar etwas merkwürdig verhalten, aber ansonsten eher Randfiguren bleiben, wird dem Leser sehr schnell klar, dass die beiden die Täter sein müssen.

Rücksichtslos räumen sie alle aus dem Weg, die ihnen Probleme bereiten könnten, oder die sie für ihre Zwecke nicht mehr brauchen. Dabei geht es nicht nur um den Mord, sondern auch um die Lebensplanung der beiden. Yukiho, eine ausgesprochene Schönheit, lebt ihren Traum von der selbständigen, erfolgreichen Businessfrau. Dabei nutzt sie Jeden und jede Gelegenheit vorwärts zu kommen. Wer ausgedient hat, wird entsorgt.

Ryo ist genauso geschäftstüchtig. In den Anfängen des Computerzeitalters entwickelt er großes Geschick als Hacker und Fälscher von gutgehenden Computerspielen. Auch sein Weg ist mit Leichen gepflastert. Mit jedem neuen Kapitel wird der gefühllose Umgang der beiden mit ihren Mitmenschen deutlicher. Immer mehr erkennt der Leser ihre wahren Gesichter, aber das Motiv bleibt weiterhin im Dunklen.

Obwohl beide nie öffentlich zusammen auftreten ist klar, dass sie in einer Beziehung zueinander stehen, sie Grundel und Krebs sind, sie »eine für beide profitable Zusammenarbeit, so was nennt man Symbiose« haben.

Sehr gut konstruierter Plot in einer zu langen Geschichte

Was Keigo Higashino hier abliefert ist wirklich genial konstruiert. Der eigentliche Mord ist nur der Auslöser für einen Plot, der dem Leser wohl dosiert und häppchenweise Informationen über die beiden Protagonisten preisgibt, die mit jedem Kapitel mehr ihre wahren Charaktere offenbaren. Schnell ist klar, die waren es, aber erst nach und nach kommt heraus, warum sie so handeln, wie sie es tun. Und wirklich erst ganz am Schluss liegt dann das Motiv auf dem Tisch.

Dabei werden alle vorkommenden Personen emotionslos und distanziert beschrieben. Damit wird dem Leser die Möglichkeit einer Identifikation mit den Handelnden genommen, was aber der Geschichte keine Abbruch tut. Im Gegenteil, als neutral Außenstehender ist man mit jedem neuen Kapitel abgestoßener von den beiden Protagonisten, aber gleichzeitig auch faszinierter von deren Rücksichtslosigkeit.
Eine ungewollte Komik kommt auf, wenn von der Hackerszene oder den Problemen aus der Computer-Frühgeschichte der 80-Jahre berichtet wird, oder von der Scheu, mit einer Karte am Automaten Geld abzuheben. Es ist also eine sehr spannende Geschichte, aber auch eben eine sehr lange. Higashino erzählt extrem ausführlich, und so wird jedes Kapitel zu einer eigenen kleinen kurzen Erzählung, in die der Leser eintaucht, sie isoliert sieht, und die ihn teilweise aus dem großen Zusammenhang hinaus katapultiert.

Erst am Ende einer jeden Episode merkt man, dass das Buch aus mehr besteht. Die Detailversessenheit, mit der Higashino jede Handlung und jeden Dialog schildert, lässt die mitreißende Geschichte teilweise langatmig werden, und kann so manchen Leser an den Rand des Aufgebens bringen. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen.

Von den Schwierigkeiten, ein japanisches Buch zu lesen

Die eigentliche Herausforderung von »Unter der Mitternachtssonne« ist jedoch nicht die komplexe Handlung oder die 720 Seiten lange Geschichte, sondern schlichtweg die Tatsache, das es in Japan spielt. Zwar lernt man, dass japanisches Essen aus mehr als Sushi besteht, Tantami Schlafmatten sind und Schiebewände auch heute noch zur Architektur eines japanischen Hauses gehören können, aber wirklich knifflig sind die Namen.

Ihr Klang und auch ihre Schreibweise sind ungewohnt, teilweise zum Verwechseln ähnlich, und manchmal weiß man nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, bis weitere Informationen kommen. Der Lesefluss kann dadurch stark beeinträchtigt werden, und manchmal erkennt man eine Person erst nach einiger Zeit wieder. Aber, dass sollte niemanden davon abhalten das Buch zu lesen, denn der Verlag hat diese Schwierigkeit wohl schon voraus gesehen und eine Liste der wichtigsten Namen mit kurzer Erklärung zur Person dem Buch beigelegt. Wer diese Liste immer neben sich hat, schafft es auch als Japan-unkundiger Leser klar zu kommen.

Durchhalten – der Kommissar hat ja auch 20 Jahre gebraucht

Wer sich an diesen dicken Schinken wagt, sich den Schwierigkeiten der japanischen Namen stellt und auch vor der detailstrotzenden Schreibweise nicht kapituliert, hat mit Keigo Higashinos einen Autor gefunden, der es schafft, den Leser mit einem genialen Plot in den Bann zu ziehen. »Unter der Mitternachtssonne« ist ein spannendes Buch für einen geduldigen Thriller-Liebhaber, der entweder viel Zeit hat – oder sich viel Zeit nimmt – um in einen eine fremde Kultur und in menschliche Abgründe abzutauchen, aus denen es erst nach 720 Seiten ein befriedigendes Entkommen gibt.

Carola Krauße, April 2018

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PMelittaM zu »Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne« 31.07.2018
1973 wird in Osaka ein Pfandleiher ermordet. Es gibt zwar einige Verdächtige, doch der Täter wird nicht gefunden.

Der Leser begleitet in den folgenden Jahren mehrere Personen durch ihren Alltag. Nicht bei allen ist eine Verknüpfung mit der oben genannten Tat oder eine Verbundenheit untereinander offensichtlich. Erst nach und nach erkennt der Leser Zusammenhänge, ahnt Absichten oder Motive oder womöglich sogar Schuld. Der Roman ist sehr komplex und verlangt aufmerksames Lesen. Die japanischen Namen machen es zudem nicht immer leicht, Charaktere direkt früheren Szenen zuzuordnen. Bei meinem Ebook konnte ich leicht nach Namen suchen, und so gut erkennen, ob diese in früheren Kapiteln schon einmal eine Rolle spielten, wer den Roman in gedruckter Form liest, sollte sich vielleicht eine Liste anfertigen, um den Überblick zu behalten – es lohnt sich.

Im Laufe der Geschichte lernt man nicht nur die Charaktere immer besser kennen, wodurch diese zunehmend Tiefe erhalten, auch die Beziehungen untereinander und zur Geschichte an sich werden klarer. Wirkt das Geschehen zunächst wie einzelne Episoden, merkt man mit jedem Kapitel mehr, dass vieles enger zusammenhängt als zunächst gedacht. Schon die einzelnen Teile der Geschichte sind interessant zu lesen, ihre Verbindung macht am Ende aber die Faszination aus, die die Geschichte, zumindest auf mich, ausübt.

Mich hat die Geschichte sehr schnell gepackt, ich kann mir aber vorstellen, dass manch einer seine Zeit benötigt, um sich einzulesen. Es lohnt sich auf jeden Fall am Ball zu bleiben und nicht aufzugeben. Ich fand es ziemlich spannend zu sehen, wie sich nicht nur das Leben der Charaktere entwickelt, sondern dem Leser auch immer mehr offenbart wurde. Sehr gut haben mir auch die zeitlichen Hinweise gefallen, durch Angabe, was z. B. gerade im Kino läuft oder welches Buch momentan in ist, konnte man das Geschehen gut zeitlich einordnen, mir, der ich diese Zeiten selbst miterlebt habe, hat es auch die eine oder andere Erinnerung gebracht.

Auch mit dem Ende wird womöglich der eine oder andere Probleme haben, ich fand es aber perfekt und sehr passend.

Sehr viele japanische Autoren habe ich noch nicht gelesen, jedes Mal war ich aber positiv überrascht. So auch hier – der, übrigens bereits 1999 im Original erschienene, Roman hat mich gepackt, mich unterhalten und meine grauen Zellen arbeiten lassen. Ich empfehle ihn daher auch gerne weiter an jene, die komplexe Geschichten mögen und sich auch auf etwas andere Erzählstile einlassen können. 90°
leseratte1310 zu »Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne« 10.04.2018
Osaka, 1973: In einem verlassenen Gebäude wird ein Toter aufgefunden. Es handelt sich um den Pfandleiher Kirihara, der ermordet wurde. Detektiv Sasagaki ist ein Polizist, der seine Fälle löst, da er beharrlich ermittelt. Doch in diesem Fall kommt er nicht weiter. Es gibt zwar eine Verdächtige, aber keine verwertbaren Indizien und auch kein Motiv. Doch es gibt in den folgenden Jahren weitere Mordfälle, die nicht aufgeklärt werden können. Die Sache lässt Sasagaki nicht los. Er will die Sache aufklären und irgendwann erkennt er eine Verbindung. Es hat mit Ryo, dem Sohn des Pfandleihers, und Yukiho, der Tochter der Verdächtigen von einst, zu tun.
Dies ist mein erstes Buch des Autors Keigo Higashino. Ich hatte anfangs einige Schwierigkeiten, da ich aufgrund der fremden Namen doch einige Schwierigkeiten hatte, bis ich die Personen einordnen konnte. Doch nachdem ich mich eingelesen hatte, hat mich der Schreibstil begeistert. Ganz besonders hat mir aber gefallen, dass ich die Mentalität der Japaner, die von unserer doch erheblich abweicht, näher kennenlernen konnte. Insgesamt kommt mir alles ziemlich hoffnungslos und bedrückend vor.
Die beteiligten Personen kann man sehr gut kennenlernen, denn sie werden sehr ausführlich beschrieben. Sasagaki ist ein fähiger Polizist, er will den Mordfall klären, der ihn nicht loslässt und wie besessen macht er weiter – zwanzig Jahre lang. Aber auch Ryo und Yukiho sind interessante und schwer zu durchschauende Personen.
Eigentlich nimmt der Mordfall beziehungsweise die Morde gar nicht einmal die Hauptrolle ein, nein, es sind die handelnden Personen mit ihrer Persönlichkeit, ihren Verhaltensweisen und auch ihren Abgründen, die für einen fesselnden und spannenden Thriller sorgen.
Es ist eine ausgesprochen komplexe Handlung, deren einzelne Stränge am Ende zu einem Showdown zusammenlaufen.
Ein ungewöhnlicher Thriller, den ich nur empfehlen kann.
walli007 zu »Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne« 05.04.2018
Cold Case - fast.


Wenn Kommissar Sasagaki einen Fall übertragen bekommt, dann löst er ihn, grundsätzlich jedenfalls. Als jedoch im Jahr 1973 ein Pfandleiher in einem verlassenen Haus tot aufgefunden wird, steht Sasagaki vor einem Rätsel, das unlösbar scheint. Er findet einfach kein Motiv. Nur ein Jahr darauf stirbt die Mutter einer Schülerin bei einem Unfall. Es gibt kaum Anzeichen, dass es kein Unfall war. Zwar wird geredet, es könne sich um Selbstmord gehandelt haben, ein Beweis findet sich nicht. Es gibt auch keine Anzeichen, dass die Ereignisse zusammenhängen. Lediglich der Sohn des Pfandleihers und die Tochter des Unfallopfers kennen sich. Nicht überraschend, wenn man die selbe Schule besucht.

Kommissar Sasagaki bleiben die beiden Todesfälle immer gegenwärtig. Er kann einfach nicht davon lassen, er will die Sache aufklären. Über zwanzig Jahre geht er seiner Arbeit nach, doch auch wenn die offizielle Ermittlung schon längst eingestellt ist, im Hintergrund wirkt der Kommissar weiter. Er behält die beiden jungen Leute immer im Blick und findet doch keine Lösung. Doch immer wieder gibt es winzige Hinweise, die sich ganz langsam zu einem Bild fügen.

Fast beiläufig wird die Geschichte eines Mordes und seiner Hintergründe erzählt. In kleineren oder größeren zeitlichen Abständen werden Handlungsteile wie Kurzgeschichten erzählt, in denen die kleinen Hinweise, die nach und nach auftauchen, einen Zusammenhang herstellen. Eine Verbindung, die schließlich dazu führt, dass sowohl der Leser als auch der Kommissar eine Erklärung für die Geschehnisse findet, die vor so langer Zeit ihren Anfang nahmen. Dabei nimmt der Autor sich Zeit. Man kommt zuweilen nicht umhin, sich zu fragen, was eine Episode zum Ganzen beiträgt. Doch würde man meinen, das Geschriebene erfülle keinen Zweck, dann kennt man den Autor schlecht. Keigo Higashino, dessen Romane in Deutschland erst in den letzten Jahren entdeckt wurden, versteht es hervorragend zu fesseln. Er entwickelt mit seinen Handelnden Persönlichkeiten, die sich immer durch irgendetwas auszeichnen. So ist sein Sasagaki ein ruhiger ausdauernder Ermittler, der nicht locker lässt. Täter und Opfer sind durch ein Beziehungsgeflecht verbunden, das aufmerksam zu betrachten und erst nach eingehender Lektüre zu durchschauen ist. Vielleicht ist dieser Kriminalroman von hoher Qualität nicht ganz leicht zu lesen, aber dennoch handelt es sich um eine Lektüre, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
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