Der Fall Kallmann von Håkan Nesser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Eugen Kallmanns ögon, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei btb.

  • Stockholm: Bonnier, 2016 unter dem Titel Eugen Kallmanns ögon. 543 Seiten.
  • München: btb, 2017. Übersetzt von Paul Berf. ISBN: 978-3-442-75728-2. 576 Seiten.

'Der Fall Kallmann' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Wer war Eugen Kallmann? Warum musste der beliebte Gesamtschullehrer in der beschaulichen schwedischen Kleinstadt sterben? Wirklich nur ein Unglücksfall, wie die Polizei behauptet? Als sein Nachfolger im Schwedischunterricht, Leon Berger, nach der langen Sommerpause seinen Dienst antritt, findet er im Pult unter Kallmanns Sachen eine Reihe von Tagebüchern, die sich als eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit entpuppen und ihn schon bald daran zweifeln lassen, dass sein Vorgänger tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben ist. Denn in seinen Einträgen behauptet Kallmann unter anderem, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie gemordet haben. Und er scheint in den letzten Monaten seines Lebens einem nie entdeckten und nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Leon Berger will den Fall Kallmann lösen seine privaten Ermittlungen setzen etwas in Gang, das schließlich die ganze Kleinstadt erschüttert.

Das meint Krimi-Couch.de: Eine Kleinstadt im Schatten des Verbrechens 96°Treffer

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Der Gesamtschullehrer Eugen Kallmann aus der nordschwedischen Kleinstadt K. kommt bei einem Treppensturz im Mai 1995 zu Tode. Die Polizei legt die Angelegenheit schnell als Unfall ab. Kallmann war ein beliebter, charismatischer Sonderling, ein Einzelgänger, stand kurz vor der Pensionierung, hatte weder Freunde noch Familie. Doch was wollte er nachts in der seit langem leerstehenden Villa, die als das Deutsche Haus bekannt ist? Und was hatte sein Schüler, der geniale Charlie Mattis, dort um Mitternacht zu suchen, als er den Toten entdeckte?

Kallmann hinterlässt Tagebücher mit brisantem Inhalt

Studienrat Leon Berger aus Stockholm, der vor kurzem Frau und Tochter bei einem Fährunglück vor der Küste Sansibars verloren hat, tritt im neuen Schuljahr Kallmanns Nachfolge in der Bergtunaschule an. Er findet im Schreibtisch seines Vorgängers mehrere Tagebücher. Deren Inhalt ist so beunruhigend, dass Leon nicht weiß, ob es sich um Wahrheit oder Dichtung handelt. Kallmann, der nebenher Romane schrieb und sich für Kriminologie interessierte, behauptet darin unter anderem, dass er die Gabe besitzt, einen Mörder zu erkennen, wenn er ihm in die Augen sieht; und dass er zufällig einen Mörder in K. entdeckt hat und herausfinden will, wer das Opfer war.

Leon bekommt Zweifel daran, dass Kallmanns Tod ein Unfall war. Er vertraut sich der Beratungslehrerin Ludmilla Kovacs an, einer ehemaligen Kommilitonin, sowie dem Lehrer Igor Masslind, der mit Kallmann befreundet war. Auch Leons 15-jährige Schülerin Andrea Wester betätigt sich mit Freundin Emma als Hobby-Detektivin, allerdings in eigener Sache. Sie bezweifelt, dass ihr Vater ihr biologischer Vater ist. Außerdem scheint es eine alte Verbindung zwischen ihren Großeltern und Kallmann zu geben. Ihr Mitschüler Charlie Mattis weiß mehr darüber, doch der hat Kallmann Diskretion geschworen und hüllt sich in Schweigen. Bald gibt es einen zweiten Toten.

Es kann nicht mehr schlimmer werden?

Gut 19.000 Einwohner zählt die Stadt K. bei der letzten Volkszählung 1994, ein Jahr vor Beginn der Romanhandlung. In den Wäldern des mittleren Nordschwedens gelegen, nahe des 63. Breitengrades, war sie früher ein kleines Zentrum der Schuhproduktion, seit den 70er Jahren haben sich einige kleine, erfolgreiche Industriebetriebe angesiedelt. Dominiert wird K. von einem der ausbruchsichersten Gefängnisse des Landes. Kirche, Trabrennbahn, Slalomhang, zwei Gesamtschulen, eine davon die Bergtunaschule, eine geschlossene Polizeidienststelle, ein träger Fluss, lange kalte Winter. Durchschnittlicher könnte der Ort nicht sein, an dem Håkan Nesser die Handlung seines Romans, abgesehen von einem Abstecher nach England, ansiedelt. Es scheint der ideale Ort für einen Neuanfang, wenn man frisch verwitwet und die Tochter verschollen, vermutlich tot, ist. Weit weg von den eigenen Erinnerungen und dem bald aufgebrauchtem Mitleid der Kollegen. Kaum angekommen, wird Leon Berger in einen mysteriösen Fall hineingezogen, der immer weitere Kreise zieht.

Der scheinbar idyllische Ort hat eine düstere Vergangenheit

Die Menschen in K. leben mit einer düsteren Vergangenheit, deren Schatten in die Gegenwart reicht. Da ist nicht nur der Tod des Lehrers und ein paar Monate später der Mord an einem Schüler. Seit 1979 wird der Prediger Henry Adamsson-Schmidt vermisst, der mit seiner Sekte das Deutsche Haus bewohnte. Seitdem steht es leer und manche Leute glauben, er wurde ermordet, von einem gehörnten Ehemann, denn er hatte zahlreiche Affären. Schnell ist man als Leser dabei, einen Zusammenhang zu Kallmann zu konstruieren, denn Kallmann kam 1979 nach K. Ein paar hundert Seiten später stellt man fest, dass die Romanwelt viel komplexer und komplizierter ist. In der Gegenwart von 1995/1996 haben die Stadt K. und die Bergtunaschule ein massives Skinhead-Problem. Wände werden beschmiert, eine jüdische Lehrerin erhält Drohbriefe, ausländische Schüler werden bedroht, überfallen, verprügelt. Daneben ereignet sich eine Reihe privater Dramen im Leben der Hauptakteure. Ehen zerbrechen, Familien zerfallen. Man kann dabei zusehen. Menschen machen sich Gedanken, was aus ihrem Leben, ihren Familien, ihrer Gesellschaft geworden ist – wie Leon oder Ludmilla. Es gilt, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Leon muss einsehen, dass die Wahrscheinlichkeit, seine Tochter könne noch leben, gegen Null tendiert und seine Ehe in den letzten Zügen lag. Ludmilla ist frustriert von ihrer Ehe, fühlt sich mit Beruf und Kindern überfordert und verdächtigt ihren Mann einer Affäre.

Nesser schneidet seinen Figurendas Fleisch von den Knochen

Unerbittlich und nicht ohne Humor schneidet Nesser seinen Figuren das Fleisch von den Knochen, seziert sie und legt ihre düsteren Gedanken frei, ihre Ängste und Sehnsüchte, lässt sie existentielle Fragen stellen nach ihrer Herkunft, Identität, Geschichte. Es herrscht allseits großes Schweigen und Geheimniskrämerei, man belügt andere und sich selbst, kunstvoll werden unangenehme Fakten und Familiengeheimnisse unter den Teppich gekehrt, wo sie vor sich hinmodern und das Leben aller vergiften, dreier Generationen im Fall der Familie Wester, den Nesser ästhetisch ansprechend mit dem Fall Kallmann verknüpft.

Erzählt werden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven von den Amateurdetektiven Leon, Ludmilla, Igor, Andrea, Charlie sowie Andreas Mutter Ulrika. Auch Kallmann, der ein düsteres Lebensgeheimnis verbirgt, meldet sich zu Wort, in seinen viereinhalb Tagebüchern. Der größte Teil der Handlung spielt im Schuljahr 1995/96, Rückblenden führen ins Jahr 1979 und in die Zeit von Kallmanns Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Der Roman endet mit einem Sprung ins Jahr 2015.

Menschen suchen nach Mustern – und nach Ordnung, Sinn und Wahrheit

Nesser belässt vieles im Vagen, wie seine Welt überhaupt vage ist, voller Ungewissheiten und Zweifel, eine Welt des Mehr-oder-weniger, des Im-Großen-und-Ganzen, der Wiederholungen zur Selbstvergewisserung, der relativierenden Einwürfe, Halb- und Viertelsätze, die das Tasten nach der Wahrheit spiegeln. Seine von Insomnie und Alpträumen geplagten Figuren mühen sich in einer chaotischen Welt auf der Suche nach Mustern und nach Ordnung, Sinn, Wahrheit, nach einer Geschichte, die ihnen das Leben begreifbarer macht. Das Ende klärt einige und wirft neue Fragen auf, beispielsweise ob Kallmann nicht einem Mörder, sondern gar einem Doppelmörder auf der Spur war. Man bekommt nicht auf alles eine Antwort – um Charlie zu zitieren. Der Fall Kallmann ist ein düsterer Kriminalroman aus Schweden, poetisch, tiefgründig, wendungsreich, spannend und mit sprödem Humor. Raffiniert bohrt sich Nesser in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren.

Almut Oetjen, November 2017

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TochterAlice zu »Håkan Nesser: Der Fall Kallmann« 03.01.2018
Ein sehr menschlicher Spannungsroman: Das ist diese generationenübergreifende Milieustudie aus einer schwedischen Kleinstadt, die man aus meiner Sicht getrost auch als Krimi bezeichnen kann. Denn es geht um Mord, Tot, lang Vermisste. Vor allem um Kallmann, den geheimnisvollen Gymnasiallehrer, an den keiner so richtig rankam und der mitten im Schuljahr kurz vor dem Rentenalter plötzlich verstarb. Mord? Könnte gut sein!

Es gibt gleich zwei Ermittlerteams - selbsternannte, die sich mit dem Fall befassen: eines bestehend aus drei Lehrern des Gymnasiums und das andere aus zwei Schülerinnen. Und dann gibt es noch einen einsamen Wolf - auch er ein Schüler, der besonders eigenwillig vorgeht.

Berichtet wird gleich aus einer ganzen Reihe von Perspektiven und eine jede ist sehr gelungen dargestellt, man sieht die Figuren, die sich da äußern, quasi vor sich. Einmal mehr hat Hakan Nesser einen wortgewaltigen, stilistisch wie auch inhaltlich einwandfreien Spannungsroman verfasst, den ich nicht aus den Händen legen konnte.

Besonders gefallen hat mir die Ansammlung der Eigenbrötler in dieser kleinen Stadt, ein jeder mit seinen eigenen Bedürfnissen, Wünschen - und auch Geheimnissen. Die Wege kreuzen sich ab und zu.

Auch ein kraftvolles Buch um den Menschen an sich, um sein Wohl und Weh - vor allem um letzteres - mit durchaus der ein oder anderen Überraschung. Wer gern Spannendes mit Gehalt liest, der sollte zugreifen!
c-bird zu »Håkan Nesser: Der Fall Kallmann« 27.12.2017
Krimi und Gesellschaftsstudie zugleich

Nach dem Verlust seiner Frau und Tochter tritt der Lehrer Leon Berger eine neue Stelle in einer schwedischen Kleinstadt an. Leon ist der Nachfolger für den Lehrer Kallmann, der wenige Monate zuvor unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Doch wer war dieser Kallmann eigentlich?

Per Zufall findet Leon die Tagebücher Kallmanns und beginnt sie gemeinsam mit seiner Kollegin Ludmilla, die er noch aus Studentenzeiten kennt, zu lesen. In diesen Tagebüchern behauptet Kallmann Dinge, die einfach unglaublich sind. Zudem scheint er kurz vor seinem Tod einem ungesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Würde Kallmann gerade deswegen vielleicht ermordet.
Auch an der Schule selbst kommt es zu Unruhen und die rassistischen Tendenzen nehmen zu. Sind die Fälle etwa miteinander verknüpft?

Die Handlung spielt in den 90er Jahren, genau genommen in der Zeit von 95 -96 und fängt die Stimmung von damals gut ein.
Der Erzählstil von Hakan Nesser ist wirklich sehr gut und besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Doch dieses Mal hat der Autor sich zu viel Zeit genommen, um die Geschichte zu erzählen. Fakten wiederholen sich und dies nimmt die Spannung aus dem Buch. Die Perspektiven wechseln zwar ständig zwischen den Lehrern Leon, Ludmilla und dem schon etwas älteren Lehrer Igor. Dazu kommen noch die Sichtweisen von Ulrika und deren Tochter Andrea, einer Schülerin Leons, die seiner Tochter auf fatale Weise ähnelt. All diese Menschen standen in einem besonderen Bezug zu Kallmann.

Das Buch ist nicht als Kriminalroman zu betrachten, sondern eher eine Gesellschaftsstudie der Menschen der 90er. Darin wurde sehr gut ein Krimi verpackt, der einige überraschende Momente besitzt.
Ganz klare Leseempfehlung!
goat zu »Håkan Nesser: Der Fall Kallmann« 10.12.2017
Håkan Nesser steht für mich automatisch für gute Krimis. Aufgrund des Buchtitels, des wirklich gut gestalteten Covers und auch der Beschreibung, war ich der festen Überzeugung, dass es sich hier um einen Krimi handelt. Dem ist jedoch leider nicht so und meine Erwartungen waren, was diesen Roman angeht wohl leider etwas zu hoch.

Leon Berger tritt nach einer langen Sommerpause die Nachfolge im Schwedischunterricht für seinen verstorbenen Kollegen Eugen Kallmann an. Umstände des Todes wurden nie eindeutig geklärt. Die Polizei war sich zwar sicher, dass es sich um einen Unglücksfall handelte, aber nicht jeder war davon überzeugt. Einige Schüler und Kollegen zweifelten diesen Unglücksfall immer an. Als nun Leon Berger den Schreibtisch seines Vorgängers ausräumt, fallen ihm Tagebücher in die Hand und plötzlich beginnt auch er sich zu fragen, ob Kallmann eines natürlichen Todes gestorben ist.

In Nessers neuestem Roman wird die Geschichte aus Sicht von mehreren Charakteren erzählt. Doch das, was Romane sonst immer auflockert, bewirkt hier eher das Gegenteil. Zwar lassen sich die Charaktere gut unterscheiden, der Lesefluss wird jedoch erheblich gestört. Die Schilderungen sind sehr monoton und den Figuren fehlt es an Tiefe. Mit keiner konnte ich mich so richtig anfreunden. Auch Leons Vergangenheit wird irgendwie so nebenbei abgehandelt. Seine Frau und seine Tochter kentern im Urlaub. Während die Leiche seiner Frau gefunden wird, bleibt seine Tochter verschwunden. Hier habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass sich bezüglich seiner Tochter noch irgendetwas tut. Aber außer der Tatsache, dass eine Schülerin seiner Tochter bis aufs Haar gleicht, passiert irgendwie nichts. Die Geschichte zieht sich wie Kaugummi und verliert leider von Seite zu Seite mehr an Spannung. Erst ganz zum Schluss nimmt das Ganze etwas an Fahrt auf.

„Der Fall Kallmann“ ist zwar ein solider Roman, für einen Nesser kann ich aber leider nicht mehr als drei Sterne vergeben.
Sagota zu »Håkan Nesser: Der Fall Kallmann« 20.11.2017
Vorausschicken möchte ich, dass ich noch einige andere Romane von Hakan Nesser gelesen habe, mit dem "Fall Kallmann" jedoch zu einem absoluten Fan dieses mit einer außergewöhnlichen Erzählgabe ausgestatteten Bestseller-Autors geworden bin.

Inhalt:

Leon Berger folgt einem Vorschlag einer früheren Studienkollegin, Ludmilla, sich in K., einer schwedischen Kleinstadt zu bewerben, und tritt als Nachfolger die Stelle des Lehrers Erich Kallmann an der Bengtsuna-Schule an. Leon versucht damit, nach einer schwierigen Zeit und dem tragischen Verlust von Frau und Tochter Judith einen Neuanfang zu starten und wieder als Schwedischlehrer tätig zu werden.

Im Schreibpult seines Vorgängers findet er Manuskripte, bei denen es sich um Tagebücher handelt und erhält aus dem Kollegium nur sparsame Informationen um Erich Kallmann, da dieser sehr introvertiert war und kaum soziale Beziehungen unter den Kollegen unterhielt. Lediglich Igor, ein Lehrer, der mit ihm zusammenarbeitete, erzählt Leon Erinnerungen der letzten Gespräche mit Kallmann, aus denen hervorgeht, dass dieser sich für Literaturgeschichte und Kriminologie (besonders unaufgeklärte Fälle) interessierte. Allem Anschein nach war Kallmann kurz vor seinem Tod über ein unentdecktes und ungeklärtes Verbrechen gestolpert und war kurz vor der Aufklärung - musste er deshalb sterben?

Meine Meinung:

Das perspektivische Erzählen der einzelnen Hauptprotagonisten (Leon Berger, Ludmilla Kovacs, Igor, Andrea Wester, Charlie Mattis) wechselt sich von Beginn an ab, wodurch der Leser immer mehr und sehr detaillierte Einblicke in die Romanhandlung, die fast ausschließlich an der Schule stattfindet, in der unterrichtet wird, durch die einzelnen Protagonisten erhält. So gibt es auch antisemitische und rassistische Drohungen gegenüber einer Lehrerin und einem Schüler, die ein Seitenhieb auf die rechtspopulistischen Entwicklungen sind, die auch vor Schweden nicht haltmachen und die ich als reale Sozialkritik verstehe. Im Eigentlichen geht es jedoch um die Gabe Kallmanns, der behauptet hatte, durch die Augen direkt in die Seele eines Menschen blicken zu können (weshalb er dies stets unterließ und auf Abstand ging). Was war Fiktion, was ist Wahrheit, die in den Tagebüchern zu finden ist, derer sich erst Leon, dann Leon und Ludmilla und schließlich das Dreierteam Leon, Ludmilla und Igor widmen? Was hat Andrea Wester und Charlie Mattis mit dem Fall Kallmann zu tun und in welchem Zusammenhang stehen beide zu dem Tod des bei den Schülern beliebten Lehrers?

Während die Polizei, in persona des Inspektors Marklund, die Akte Kallmann schnell beiseitelegt, forschen die Lehrer um Leon nach; auch Andrea und ihre Freundin Emma gründen ein Detektivbüro auf Zeit, um Nachforschungen anzustellen...
In einer Rückblende geht es in die 80er Jahre: Ulrika, die Mutter von Andrea Wester, unternimmt eine Reise nach England, wo sie sorglose und sehr verliebte Zeiten mit Flynn Branagan, einem etwas älteren Troubadour, verbringt und Ende Juni schwanger zurück nach Schweden fährt...

Die Hauptprotagonisten, allen voran Leon Berger, sind durch die Ich-Form sehr authentisch und ich empfand sie als sehr sympathisch und ihre Handlungen als nachvollziehbar. Ludmilla hilft Leon in einer schweren Zeit der Traumatisierung und sich selbst hinaus aus einer nicht mehr funktionierenden Ehe. Die Kapitel, in denen Andrea Wester (15) "erzählt", empfand ich als besonders erfrischend; ihre tiefgründigen, teils philosophischen Unterhaltungen mit Emma, ihrer besten Freundin, die einen ebenso scharfen Verstand aufweist wie Andrea selbst, besonders, als ein Junge, der als rechtsextrem gilt, an der Schule ermordet aufgefunden wird.

Jeder der Protagonisten gewährt dem Leser (im jeweiligen Augenblick der Handlung, der man mit Spannung folgt) einen Blick in seine Seele und seine Gedankenwelt, die sehr charakterisiert und den ich einfach großartig finde. Sicher spielt das Stilmittel der Ich-Form hier eine nicht unbedeutende Rolle; auch Ludmilla fiel mir da besonders positiv auf. Bei Andrea Wester ist es die Frische und Jugendlichkeit, ihre Intelligenz und auch soziale Kompetenz, die ich an dieser Figur mochte. Auch Charlie Mattis ist von Beginn an ein interessanter, kluger als auch überzeugend, authentisch wirkender junger Mann, der zum Ende hin eine Schlüsselrolle haben sollte: 20 Jahre sind vergangen und die Dinge "um den Fall Kallmann" beginnen sich zu klären; auch für all jene, die nochmal zusammengekommen sind und sich damals mit ihm beschäftigt haben. Schockierend, welche Sachlage sich zum Ende hin darstellt, die so nicht vorhersehbar war.

Fazit:

Subtile Spannung von einem Meister seines Fachs; stilistisch brillant umgesetzt: Ich kann diesen Roman, der starke Krimielemente aufweist, allen Hakan Nesser-Fans nur weiterempfehlen! Spannung, Unterhaltung auf höchstem Niveau halten sich durchaus die Waage. Von mir daher 4,5 * und 95° auf der "Krimi-Couch".
subechto zu »Håkan Nesser: Der Fall Kallmann« 25.10.2017
Gut, besser, Nesser
Die Van-Veeteren-Reihe von Håkan Nesser habe ich geliebt. Stand-alones wie „Strafe“ hatten mich begeistert und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Worum geht es?
Eine Kleinstadt in Nordschweden, 1995. Lehrer Eugen Kallmann kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Die Polizei stuft seinen Tod als Unfall ein. Da findet sein Nachfolger an der Bergtunaschule, Leon Berger, Kallmanns Tagebücher. Sie verleiten zu unterschiedlichen Spekulationen und Deutungen. Wer war Kallmann wirklich?
In seinen Aufzeichnungen behauptet Kallmann, seine Mutter getötet zu haben, weil sie einen Liebhaber hatte. Seitdem könne er in den Augen anderer Menschen erkennen, ob sie gemordet haben. Tatsächlich scheint er kurz vor seinem Tod einem alten, nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Wurde Kallmann deshalb ermordet?
Was ist wahr und was ist nur das Ergebnis unserer Fantasie? Nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint. Leon begibt sich auf die Suche…
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Aus Sicht von Leon und zwei Lehrerkollegen, Ludmilla und Igor. Aber auch aus Sicht der 15-jährigen Schülerin Andrea. Irgendwie scheint sie der Schlüssel zu dem unbekannten Verbrechen von damals zu sein.
Håkan Nesser, der früher selbst als Lehrer tätig war, gibt gute Einblicke in den Lehreralltag. Auch mit Gesellschaftskritik spart der Autor nicht. Es geht um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Erst ganz am Ende schließt sich dann der Kreis. Die Auflösung ist erschütternd, aber absolut stimmig.
Gut geschrieben, ohne Frage. Ähnlich wie „Strafe“ ist „Der Fall Kallmann“ ein spannender, brillant erzählter Roman, mehr Belletristik als Krimi.
Fazit: Ein anspruchsvolles, sehr besonderes Leseerlebnis!
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