Der Unfall auf der A35 von Graeme Macrae Burnet

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The accident on the A 35, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Europaverlag.

  • Glasgow: Contraband, 2017 unter dem Titel The accident on the A 35. 301 Seiten.
  • München: Europaverlag, 2018. Übersetzt von Claudia Feldmann. ISBN: 978-3958901544. 301 Seiten.

'Der Unfall auf der A35' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eigentlich gibt es nichts Außergewöhnliches an dem tödlichen Autounfall auf der A35 unweit des elsässischen Städtchens Saint Louis. Doch eine Frage treibt Kommissar Georges Gorski um: Wo war das Unfallopfer Bertrand Barthelme in der Nacht, in der er mit seinem Wagen frontal gegen einen Baum krachte? Als Barthelmes Spuren zu einer jungen Prostituierten in Straßburg führen, die just in jener Nacht erdrosselt wurde, ist der kauzige Provinzkommissar alarmiert. Schnell verstrickt sich Gorski in einem mysteriösen Rätsel um den Toten, das tief hinter die harmlose Fassade der verschlafen wirkenden Kleinstadt Saint Louis blicken lässt. Und auch Barthelmes Sohn Raymond beginnt dem Geheimnis seines verstorbenen Vaters nachzuspüren, das die wohlgeordnete Welt des 17-Jährigen schon bald gehörig ins Wanken bringt.

Das meint Krimi-Couch.de: Meister der Entschleunigung 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

1982. November. Dienstag. Nachts. Regen. Der Wagen von Bertrand Barthelme kommt auf der A35 von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum. Jede Hilfe kommt zu spät. Kommissar Georges Gorski fährt umgehend zur Familie des Opfers, um die schlechte Nachricht zu überbringen. Schließlich ist er der Polizeichef von Saint-Louis und Barthelme gehörte zu dessen Honoratioren. Lucette, die deutlich jüngere Ehefrau und ihr Sohn Ramond nehmen die Neuigkeit auffällig gefasst auf.

Eigentlich könnte Gorski den Fall zu den Akten legen, denn vermutlich war das Opfer nach reichlichem Alkoholgenuss einfach am Steuer eingeschlafen. Aber Gorski, dessen Ehe gerade den Bach hinunter geht, hat nichts dringendes zu erledigen und so geht er der Frage der attraktiven Lucette nach, warum ihr Mann überhaupt auf der A35 gewesen sei, denn jeden Dienstag ginge er doch mit seinem »Club« in ein Restaurant in Saint-Louis? Die angeblichen »Club«-Mitglieder wissen weder etwas von einem Club noch von regelmäßigen Treffen, was wiederum Gorskis Neugier weckt. Von dieser wird auch der 17-jährige Raymond erfasst, der im Schreibtisch seines Vaters einen in weiblicher Handschrift verfassten Zettel mit einer Adresse in Mülhausen findet …

Mit diese Buch gelingt dem Schotten ein weiteres Kabinettstück

»Graeme Macrae Burnet, das ist die größte literarische Sensation, die Schottland in den letzten Jahren hervorgebracht hat«, so wird Marcus Müntefering (»Der Freitag«) auf dem Buchrücken zitiert. Mit »Sein blutiges Projekt« wurde Burnet weltbekannt und schaffte es auf die Shortlist für den Man Booker Preis 2016.

Tatsächlich war dieser Roman lesenswert, wenngleich die Handlung und deren Folgen über weite Strecken vorhersehbar waren. Mit »Der Unfall auf der A35« gelingt dem Schotten nun ein weiteres Kabinettstück, denn eigentlich gibt es überhaupt keinen Anlass in irgendeine Richtung zu ermitteln.

»Doch dann geht etwas schief. Vielleicht wird die willige Geliebte gierig, oder vielleicht treiben sie es einfach zu wild, jedenfalls erdrosselt unser respektables Mitglied der Gesellschaft sie und flüchtet. Auf der Heimfahrt überkommt ihn die Reue, und er lenkt den Wagen absichtlich von der Straße. Oder vielleicht verliert er in seiner Aufregung die Kontrolle über das Fahrzeug. Das ist nicht wichtig. Aber sagen Sie nicht, Georges, das wäre keine spannende Geschichte.«

»Es ist vielleicht eine spannende Geschichte, aber deshalb muss sie noch lange nicht wahr sein.«

Am Abend des Unfalls wurde in Straßburg die Prostituierte Véronique Marchal ermordet und da die A35 von Straßburg nach Saint-Louis führt, könnte es doch sein & Dumm nur, dass die Strecke von zahlreichen Autofahrern genutzt wird, und so lässt sich der ermittelnde Kollege in Straßburg auch gar nicht erst auf eine Diskussion mit Gorski ein.

Im weiteren Verlauf wird sich das ändern, so dass wenigstens ein bisschen Spannung aufkommt. Derweil ermittelt Raymond über die Adresse in Mülhausen und lernt dabei eine junge Frau kennen, die die Welt des pubertierenden Teenagers ins Wanken bringt.

Der Mief der Kleinstadt und die Gefahren der Pubertät

Der vorliegende Roman lebt von der Tristesse der Kleinstadt Saint-Louis, mit ihren rund 20.000 Einwohnern im Länderdreieck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Hier leben die, die keine Kraft haben wegzuziehen – oder aus irgendeinem Grund mit ihrem Durchschnittsleben zufrieden sind.

Einige Kaffees und Kneipen bilden den kulturellen Mittelpunkt des Stadtlebens, jeder kennt jeden und nicht wenige fragen sich, wozu die Stadt einen Polizeichef benötigt.

Da Gorskis Ehe sich in ihrer Endphase befindet, greift der Ermittler immer mehr zum Alkohol – auch tagsüber. Gut, dass es eigentlich nichts zu ermitteln gibt, doch ausgerechnet jetzt lässt sich der Straßburger Kollege auf Gorskis Hirngespinst ein.

Dem 17-jährigen Raymond ergeht es nicht besser. Die Beziehung zu seiner Freundin wird auf eine harte Probe gestellt, erste sexuelle Erfahrungen hin oder her. Der Tod seines Vaters bietet zudem eine willkommene Ausrede, die Schule zu schwänzen und stattdessen in Mülhausen dem Geheimnis der Zettelnotiz aus Vaters Schreibtisch nachzugehen. Am Ende wird Raymond dies bitter bereuen.

Der Mord wird am Ende gewissermaßen so nebenbei aufgeklärt

Es ist ein düsterer Plot, in dem neben Kleinstadtmief die verkorksten, inhaltsleeren Leben mehrer Menschen im Mittelpunkt stehen. Literarisch durchaus anspruchsvoll umgesetzt, nur wird daraus allein noch kein spannender Kriminalroman. Im Gegenteil, wer bei allen zwischenmenschlichen Dramen nicht genau hinsieht, überliest womöglich gar die unauffällige Stelle, an der der Mord an Véronique Marchal en passant aufgeklärt wird.

Jörg Kijanski, Mai 2018

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