Der Knochenacker

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • London: Pocket Books, 2008, Titel: 'South of hell', Seiten: 385, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2011, Seiten: 528, Übersetzt: Charlotte Breuer & Norbert Möllemann

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Michael Drewniok
Die Ermordeten wollen nicht schweigen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2011

Ein neuer Fall führt Privatdetektiv Louis Kinkaid aus Florida im Winter des Jahres 1989 in den Süden des US-Staates Michigan. Dort bemüht sich Detective Jake Shockey von der Mordkommission der Polizei Ann Arbor, das Schicksal von Jean Brandt aufzuklären. Sie verschwand vor neun Jahren spurlos von der einsamen Farm nahe eines Ortes mit dem vielsagenden Namen Hell, auf der sie an der Seite ihres gewalttätigen Ehemann Owen ein bitteres Dasein fristete.

Shockey, der damals ein Verhältnis mit Jean hatte, vermutet, dass Owen sie umgebracht und irgendwo auf den 25 Hektar der Farm begraben hat. Er will endlich Gewissheit und auch Rache, denn Owen, der wegen eines anderen Verbrechens im Gefängnis sitzen musste, wurde gerade entlassen und will auf seine Farm zurückkehren, wo er möglicherweise Jeans Leiche endgültig verschwinden lassen wird.

Kinkaid will helfen, zumal ihn dieser Fall in die Nähe seiner Freundin Joe Frye führt. Mit ihr führt er eine Fernbeziehung, seit sie aus Karrieregründen nach Michigan gegangen ist. Als Sheriff kann sie ihm Türen öffnen, die Kinkaid sonst verschlossen blieben.

Wie befürchtet taucht Owen auf seiner Farm auf. Dort hat Kinkaid bei einer Durchsuchung Amy, die 13-jährige Tochter der Brandts, entdeckt; Owen hatte sie schon vor Jahren bei seiner Schwester Geneva untergebracht, die nun gestorben ist. Amy kehrte auf die Farm zurück, weil sie von Erinnerungen an eine grausame Bluttat geplagt wird, deren Zeugin sie werden musste. Kinkaid, Frye und Shockey glauben, endlich eine Spur zur verschollenen Jean entdeckt zu haben, und bemühen sich, die verworrenen Erinnerungen des verstörten Mädchens zu entschlüsseln. Sie stehen unter Druck, denn Vater Owen beansprucht das Sorgerecht für seine Tochter, der nach einer Rückkehr auf die Farm womöglich ebenfalls ein gewaltsames Lebensende droht …

Spannung von der Stange

South of Hell lautet der Titel dieses Romans, des in der Originalausgabe bereits neunten einer Serie, die auf dem deutschen Buchmarkt wieder einmal irgendwo einsetzt und den Leser daher immer wieder zwingt sich zusammenzureimen, was dem US-Publikum längst bekannt ist. Diesbezügliche Informationen betreffen in erster Linie das Dreigespann der Figuren Louis Kinkaid, Joe Frye und Mel Landete, eines Ex-Cops, der einst mit Frye zusammen war und heute mit Kinkaid zusammenarbeitet.

Womit klar ist, dass wir es hier mit einem Kriminalroman zu haben, der den privaten Gefühlsstürmen der Protagonisten mindestens ebenso breiten Raum bietet wie der Krimi-Handlung. Diesem Aspekt widmen wir uns weiter unten und bleiben zunächst beim Krimi. Der ist eher routiniert als einfallsreich geplottet und läuft problemlos auf jenem Schienenstrang, den vor allem jene Leser bereisen, die Spannungslektüre im Rahmen bekannter Lese-Erlebnisse vorziehen.

Der etwas anspruchsvollere Leser (auch "Kritiker" oder "Querulant" genannt) kann mit Fug & Recht einwenden, dass Der Knochenacker eine handwerklich sauber und kalkuliert zusammengestellte Sammlung bewährter aber eben tausendfach präsentierter Thriller-Elemente bildet.

Die Hölle ist manchmal tiefer als gedacht

Freilich weiß auch das Verfasser-Duo um diese Tatsache und entwickelt einen gewissen Ehrgeiz, dem abgestandenen Gebräu trotzdem eine eigene Geschmacksnote einzurühren. Sie soll sich aus einem Quäntchen Mystery entwickeln, die jedoch – hier lässt sich Angst vor der eigenen Courage entdecken – zumindest anfänglich "logisch" begründet wird.

So scheint die labile Amy zwar einen Draht ins 19. Jahrhundert zu besitzen, doch könnte es sich auch um eine lebhafte aber fehlgeleitete Fantasie halten – ein Kunstgriff, der aufgrund der Intensität der Visionen eher Feigenblattfunktion besitzt, zumal ihre "Realität" in einem sicherlich als Überraschung geplanten Finaltwists plötzlich bestätigt wird.

Immerhin bringt der Handlungsstrang um ungerächt gebliebenes Unrecht aus der US-Sklaven-Ära wenigstens ein Moment des Unerwarteten ins Geschehen, das dieses inzwischen bitter nötig hat. Routine-Ermittlungen, Kompetenzstreitigkeiten, Indiziensuchen: Diese Aktivitäten, die doch das Salz in der Suppe eines Polizei-Thrillers bilden, werden recht lieblos abgehakt.

Seelenqualen und Liebeskummer

Wie Gewitterwolken schieben sich stattdessen Emotionen in den Vordergrund, wo sie sich etwa ab Seite 200 in einem Unwetter entladen, das überhaupt kein Ende mehr finden will; schließlich hat dieser Wolkenbruch eine achtbändige Vorgeschichte, die seine Wut noch anschwellen lässt. Louis Kincaid ist bereits solo ein von den Autorinnen dramatisch zerrissener Charakter: schwarz und im Süden der USA ansässig, wo die Hautfarbe gern rassistische Attacken auslöst, die ausgiebig in die Handlung einfließen. Da dies in der Darstellung sattsam bekannten Mustern folgt, will sich beim Leser das gewünschte Gefühl von Empörung und Mitleid nicht recht einstellen.

Aber die Verfasserinnen legen ordentlich nach: Just wird Kincaid mit einem bisher unbekannten Sprössling konfrontiert. Selbstverständlich hat er sich als Vater nicht mit Ruhm bekleckert, was nach dem Willen der Autorinnen peinigende Rückblenden und die erneut ausführliche Schilderung einer allmählichen Annäherung sowie der damit verbundenen Seelennöte rechtfertigt.

Weiterhin in der Schwebe ist die On/Off-Beziehung zwischen Kincaid und Joe Frye, was beim Stand Band 9 nun wirklich lächerlich ist aber vom Publikum offenbar so gewünscht wird, das weiterhin mit diesen beiden Königskindern, die einfach nicht zueinander kommen können, mitbarmen möchte.

Hinzu kommt Amy, deren Schicksal sicherlich dem letzten hartgesottenen Leser die Tränen in die Augen treibt: Mutter verschollen, vermutlich ermordet; Vater ein Säufer und Schläger; Pflegemutter wirr im Kopf & tot im Bett. Zu allem Überfluss machen sich jetzt auch noch Geister in ihrem geplagten Schädel breit, denen eine Psychologin gütig aber verschwommen hinterher forscht.

Als Dreingaben gibt’s noch den einsamen Polizisten Shockey, der ebenfalls sein Familienleben versaut hat, wie er wiederum seitenstark zu Protokoll geben darf, und Margi, derzeitige Sandsack-Freundin des fiesen Owen Brandt, die uns selbstredend auch ihre traurige Biografie erzählt. Im Hintergrund aber per Telefon präsent bleibt dieses Mal Mel Landete, obwohl in dieser Menge gepeinigter Seelen ein zusätzlicher armer Tropf gar nicht auffallen würde.

Finales Durcheinander ersetzt Erzählstruktur

Irgendwann merken unsere Autorinnen, dass die Seite 400 nahe und der Kriminalfall keinen Schritt weitergekommen ist. Also setzen sie diesbezüglich zu einer Art Endspurt an. Owen Brandt, bisher ein redneckiger Kretin und Maulheld, mutiert zum messerschwingenden Amokläufer, der fast sämtliche Hauptfiguren (sowie die Logik) niedersticht, was aber beim Zielpublikum dieses Romans als "Action" durchgehen mag.

Damit es mit dem Faktor Bedrohung klappt und der Erzählkreis sich schließt (bzw. übers Knie gebrochen werden kann, bis er sich irgendwie rundet), treffen sämtliche Beteiligten schließlich auf der Brandt-Farm zusammen, die abermals als Geisterhaus mit 1001 geheimen Luken und Verstecken herhalten muss. Anschließend stolpert man möglichst unüberlegt durch das Gelände, um dem schnaubenden Brandt vor die Klinge zu geraten.

Das Ende kommt gewaltreich, aber dann wird es wieder versöhnlich. Schließlich müssen noch diverse lose Fäden "spannend" in das lockere Plot-Gewebe eingewoben werden. Offene Fragen bezüglich des Kriminalfalls werden immerhin beantwortet, offene Beziehungen bleiben weiterhin konserviert, denn auch in den folgenden Serien-Bänden sollen wieder Hände gerungen und Tränen zerdrückt werden. Im Zeitalter der Plattbrunst-Vampire und "Romantic Thriller" könnte dieses Konzept auch in Deutschland funktionieren und P. J. Parrish genug Leser/innen finden, um die neuen sowie – Gott bewahre, aber der hält sich der Bestseller-Hölle schlau fern – womöglich die früheren Bände der Serien zur Erscheinung zu bringen.

Der Knochenacker

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Letzte Kommentare:
10.09.2019 17:48:11
Vielleser

Bin nur schwer reingekommen. Dann fand ich es zum einen durchaus spannend, zum anderen auch interessant wegen der Einbeziehung der underground railroad Thematik.

28.07.2015 09:28:45
vulpecula

ich lese das buch gerade und freue mich jedesmal, wenn ich es in die hand nehme und weiterlese. es ist anders als die masse der krimis und sehr spannend. mir gefallen zudem die charaktere. und selbst in der mitte des buches, ist noch vollkommen unabsehbar, in welche richtung dich die handlung weiterentwickelt. sehr empfehlenswert, genauso wie das gebeinhaus von parrish.

18.11.2011 13:15:22
Markus

Ich fand diesen Buch sehr gut (9/10), sehr spanend besonders zum schluss.Nun müssen ich eine Facharbeit für die Schule schreiben und ich habe dieses Buch ausgesucht. Ich bräuchte aber eine Interpretation (also, was der Autor mit dieses Buch ausdrücken wollte). ich hab schon überall gesucht aber nirgends was brauchbares gefunden... Ich will nur ungern das aus meiner Sicht schreiben, wär nett wenn sich da finden lässt...