Level II

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Münster: New York; München: Waxmann, 2011, Seiten: 455, Originalsprache

Couch-Wertung:

66°
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Jochen König
Faster Pussycat, kill, kill

Rezension von Jochen König Jul 2011

"In der Postmoderne steht nicht die Innovation im Mittelpunkt des (künstlerischen) Interesses, sondern eine Rekombination oder neue Anwendung vorhandener Ideen. Die Welt wird nicht auf ein Fortschrittsziel hin betrachtet, sondern vielmehr als pluralistisch, zufällig, chaotisch und in ihren hinfälligen Momenten angesehen. Ebenso gilt die menschliche Identität als instabil und durch viele, teils disparate, kulturelle Faktoren geprägt. Massenmedien und Technik spielen eine wichtige Rolle als Träger wie Vermittler von Kultur [...].” (Wikipedia, Auszug zum Stichwort "Postmoderne")

Damit ist über Level II eigentlich alles gesagt. Zumindest fast…

Ein weißes, gebundenes Buch ohne Titelbild, das eher so aussieht als enthielte es eine wissenschaftliche Abhandlung. Wenn nicht der Untertitel "Ego-Thriller" und der fette, dem FSK-Logo nachempfundene, rote "18"-Button mit Warnhinweis: "Contains extreme Violence and Gore, Strong Sexual Content, Humor and Drug Use!" wären.

Womit man einerseits den Mut des Waxmann-Verlags anerkennen kann, das Buch eines unbekannten Autors, unter Pseudonym, als Hardcover für stolze 24,90 Euro zu veröffentlichen. Und andererseits der Verdacht geweckt werden soll, bei "Level II" handele es sich um etwas Besonderes. Wenn dann allerdings, der literarisch bislang kaum aufgefallene, Münsteraner Oberskater Titus Dittmann den Buchrücken mit: "Kranke Scheiße – aber irgendwie geil…" ziert, macht sich Skepsis breit. All das berechtigt.

Zunächst einmal könnte man Level II genauso gut auf der Phantastik-Couch besprechen, denn Realismus ist dem Roman fremd, auch wenn Wacker gelegentlich – und ziemlich ausladend – versucht, seinen Stoff in der Realität zu verankern. Doch letztlich ist Level I, in dem unsere Protagonisten herumturnen, nur ein interaktives Action-Rollenspiel, dass seinen Weg aus dem Computer und von der Leinwand herunter in ein Parallel-Universum geschafft hat, in welchem sich Spaßterroristen, Kampfkatzen, eingefrorene Nazis, finanz- und geldadelige Zombies eine munteres Hauen und Stechen liefern. Nun gut, die Nazis weniger, denn die sind nicht nur tiefgekühlt, sondern auch tot.

Wer das lebensgefährliche Spiel entworfen hat und betreibt, wird dem ehemaligen Nierenarzt Christian Schilling bis zum Eingang von Level II nicht klar. Seine Mitspieler, die ihn aus einer Münsteraner Tiefgarage entführen, als er gerade im Begriff ist, den Mörder seiner Frau und Tochter zu liquidieren, halten sich bedeckt und die wenigen Kontakte zu den Drahtziehern, bzw. ihren Handlangern, sind auch nicht gerade erhellend.

So bleibt ein Spiel, bei dem es darum geht, Rätsel zu lösen, Geheimnisse und Geheimwissen aufzudecken, damit die Ergebnisse das eigene Leben verlängern, den Kontostand erhöhen und von den Betreibern an den Meistbietenden verkauft werden.

Wacker beleuchtet die einzelnen Stationen dieser wilden Hetzjagd mit Rasanz, Ironie, einer Menge Action und genügend absurder Situationskomik, damit man dem Buch bis zum Ende erhalten bleibt. Auch wenn es Momente gibt, in denen man es am liebsten in die Ecke pfeffern würde.

Denn Wacker gehört zu den Autoren, die ihre Geschichte(n) nicht nur erzählen, sondern gleichzeitig auch kommentieren möchten. Dazu gesellt sich die Neigung gerne und immerdar politisch inkorrekt und provokant sein zu wollen. Was zu einem flapsigen Ton führt, der irgendwo zwischen misslungener Rainer-Brandt-Synchronisation und Eis am Stiel 1-8 liegt. Pubertäre Pausenhof-Provokationen wie sie vor Jahrzehnten auf den Schulhöfen dieser Nation geübt wurden, um anschließend im Unterricht unbedarfte Lehrkräfte zu "schocken".

Wacker liebt Ausdrücke wie "Schnulli" (wir haben längst begriffen, dass der Herrenausstatter schwul ist, da muss nicht noch ein "sagte der Schnulli" her), "Leckschwestern" oder "Lochschwager"; und lässt seine Hauptfigur Schill prekäre Situationen mit infantilen Sprüchen erörtern wie sie zuhauf auf Schultoilettenwänden zu finden waren und sind. Da lobe ich mir doch Jean Charles Uralt-Klassiker Knilche bleiben Knilche. Denn dies ist bei weitem nicht so provozierend wie Wacker sich das vielleicht vorstellt, sondern einfach nur albern und im Falle des dauergeilen und trinklustigen Schills enervierend.

Womit wir beim Personal wären. Das nur aus Stereotypen besteht. Der russische Gangster mit Spezialausbildung, die eiskalte und verführerische Blondine, der Computer-Nerd, der schwule, dekadente Adelige, der schlagkräftige Kieztürke, der auch einen wunderbaren Gangsta-Rapper abgeben würde, das Emo-Girl mit alptraumhafter Vergangenheit sowie der abgestürzte Arzt, der nach dem Tod von Frau und Kind am Boden zerstört ist und nur noch auf Rache sinnt. Dann in eine Welt gezogen wird, die ihm neue Sichtweisen und Wege eröffnet, die Veränderungen mit sich bringen. Nicht unbedingt zum Guten.

Das gelingt passabel, denn Wacker weiß, womit er spielt und nutzt die verschiedenen Typen, um die actionreiche Handlung standesgemäß voranzutreiben. Auf dieser Ebene funktioniert auch sein Spiel mit Verweisen aller Art. Obwohl er auch hier wieder ZU aufdringlich agiert; werden doch z.B. Resident Evil und Zombieland im Text genannt und die Hoffnung, Goethe-Anspielungen zu erkennen, im Nachwort herbeigefleht.

Überhaupt nicht glückt es beim Simplizissimus Schill, dem man weder den (Ex)-Arzt abnimmt – um das Krankenaus in dem diese Pfeife arbeitet, hätte ich bei Nierenproblemen einen weiten Bogen gemacht –, noch den von Trauer und Wut zerfressenen Ehemann und Vater. Bis zum letzten Drittel des Romans bleibt er eine dummschwätzende Heulsuse, die eigentlich von seinem Team nach wenigen Stunden Gemeinsamkeit hätte eliminiert werden müssen. Erst zum Ende hin, nach diversen, tödlichen Gewaltausbrüchen, gewinnt er ein wenig Tiefe.

Diese Tiefe versucht Wacker auch den anderen Hauptfiguren zu geben, indem er ihnen eigene, kurze Kapitel zugesteht, in denen ihre Vergangenheit – bzw. der Weg zu Level I - rudimentär dargestellt wird. Doch dies bleibt Stückwerk, das zudem im jeweiligen Einzelfall allzu bekannten Schemata folgt. Dass eine Annäherung gar nicht erwünscht ist, sieht man u.a. daran, dass die schlagkräftige Franziska, trotz gelegentlicher intimer Intermezzi, den kompletten Roman über "die blonde Schlampe" für Schill bleibt (manchmal auch "die blonde Heimsuchung". Dabei sucht eher Schill die arme Franziska heim.). Das mag Frau Büchsenkraut-Geißenstein in Stunde 6 die Schamesröte ins Gesicht treiben, verpufft hier aber völlig und wirkt auf Dauer nur öde.

Ebenso die Ausflüge, in denen uns Referate zum Wesen der Welt und ihrer Moral, gerne ausgebreitet am Unwesen und Unmoral der Schönen und Reichen, gehalten werden. Das mag eng an der Realität angelehnt sein, bremst aber die Handlung völlig aus und hat zudem jenen oberlehrerhaften Gestus, dem Wacker ja so gerne aus dem Weg gehen möchte. Auf Teufel komm raus. Dadurch gewinnen die Ausflüge in die Ernsthaftigkeit einen Beigeschmack von Beliebigkeit. Man kann der geäußerten Kritik, dem traurigen Zynismus nickend zustimmen, behält aber das Gefühl, dass es irgendwie auch egal ist. Hauptsache die Story geht weiter.

So bleibt ein zwiespältiges Lesevergnügen. Wenn sich der Roman auf Lust und Launen seines Spiel- und handlungstragenden Teams konzentriert, quer durch diverse Genres, Medien und die halbe Welt pflügt, mit Pauken und Trompeten Krawall verbreitet, macht er Spaß. Wenn er sich im juvenilen Räsonieren übt, Vorträge gehalten werden oder eine Tiefe vorgetäuscht wird, die nicht vorhanden ist, ist man geneigt Seite um Seite zu überfliegen. Und der mit 454 Seiten zu lange Roman verliert endlich jenen Ballast, den er sowieso nicht benötigt.

Aber Wacker hat Potenzial und zudem den Mut abseits von Regio-Krimi und Betroffenheitsliteratur einen eigenen Weg zu gehen. Wenn er sich auf seine Stärken konzentriert, könnten wirkliche Highlights folgen. Im Moment ist noch eine Menge Raum zwischen ihm und Autoren wie Carlton Mellick III, Charlie Huston, Scott Sigler oder Warren Ellis, die in ähnlicher Mission unterwegs sind. Ganz zu schweigen von Robert Anton Wilson und Robert Sheas ausgefeilter und überbordenden Illuminatus-Trilogie.

Level II ist ein typisches Kind der Postmoderne, das wieder belegt, dass die Summe der einzelnen Teile nicht unbedingt ein "Mehr" ergibt. Eher das Gegenteil.

Lassen zu Beginn doppelte Sätze, vergessene Buchstaben, fehlerhafte Artikel und falsch eingesetzte Namen Schlimmes befürchten, ist das Buch im weiteren Verlauf ordentlich redigiert worden. Bloß zwei Fragen bleiben:

Was ist ein "Tornüster"?
Und wer ist "Carmen Schiffer"?

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