Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 1998, Titel: 'Kim Novak badade aldrig i Genesarets sjö', Seiten: 246, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2003, Seiten: 4, Übersetzt: Dietmar Bär, Bemerkung: gekürzt
  • München: btb, 2004, Seiten: 286
  • München: btb, 2005, Seiten: 286
  • Köln: Random House Audio, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Dietmar Bär, Bemerkung: gekürzt
  • München: btb, 2008, Seiten: 317

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Wolfgang Weninger
Ein modernes Tom Sawyer-Märchen mit Nebenbeitodesfolge

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Sep 2003

"Es kommt, wie es kommt."

Was sollte ein pubertierender, schwedischer Jüngling in den Sechzigern auch sonst zu seinem Leben meinen, als mit einem Achselzucken die ganze Unbill seiner Jugendzeit zu akzeptieren. Die Mutter mit Krebs im Krankenhaus, der Vater tagsüber als Schließer im Knast und in der restlichen Freizeit mit Besuchen der Mutter beschäftigt. Unser Jungspund, namens Erik, hat zwar noch einen großen Bruder, der sein Glück bei der christlichen Seefahrt und als freier Journalist versucht hat, aber im Endeffekt bleibt ihm nur der Alltag eines Heranwachsenden, aufgeteilt in Schule und Freizeit unter Seinesgleichen.

Und so würde es wahrscheinlich immer weiter gehen, käme nicht Abwechslung in Gestalt einer Aushilfslehrerin, die dem damaligen Schönheitsidol Kim Novak in Nichts nachsteht. Jung ist sie, hübsch ist sie, zum Greifen nah und ein platonisches Aushängeschild für die ersten feuchten Knabenträume. Verlobt mit einem schwedischen Handballheros verbringt sie die Wochen bis zu den Ferien an der Schule.

Ferien. Wo soll unser Erik hin, wenn Papa keine Zeit hat und Mama in den Krankenhauslaken vor sich hin siecht? Zum Glück gibt es da ein kleines Häuschen am See, Genezareth genannt, das zur Hälfte einer geistig kranken und dementsprechend isolierten Tante und zur anderen Hälfte Eriks Familie gehört. Und da der große Bruder gerade keine Intentionen zu redlicher Arbeit zeigt und sich in Ruhe als Schriftsteller betätigen will, ziehen die beiden kurzerhand in das Landetablissement ein, einen Schulfreund im Schlepptau, dessen Vater auch nicht weiß, wohin mit dem Kind.

Nach dem Henry, der große Bruder, viel lieber seinen eigenen Interessen nach geht, haben die beiden Halbwüchsigen freie Hand bei der Wahl ihrer Freizeitbeschäftigungen und machen mit Boot und Fahrrad die Gegend unsicher. Mit dem geruhsamen Kinderalltag ist erst ein Ende, als Henry seine neue Flamme anschleppt und dabei nach der Verlobten des Handballers greift. Unsere Jungs haben ganz schön mit ihrer Phantasie zu kämpfen und bekommen es gehörig mit der Angst zu tun, als die eifersüchtige Sportgröße auftaucht, um sein untreues Verhältnis zur Räson zu bringen.

Er hat die Rechnung allerdings ohne den Vorschlaghammer gemacht, der im des Nachts heimtückisch den Garaus macht. So beginnt die Suche nach dem Täter.

Håkan Nessers Roman "Kim Novak badet nie im See Genezareth" ist weit mehr als ein Krimi. Es ist eine psychologische Studie über das Heranwachsen eines Buben unter erschwerten familiären Verhältnissen. Es wäre kein Krimi, wenn darin nicht eine Leiche vorkäme und gelegentlich auch ein Polizist, aber im Endeffekt würde ich dieses Buch als modernes Tom Sawyer-Märchen mit Nebenbeitodesfolge bezeichnen, denn die Spannung ergibt sich nicht (ausschließlich) durch die Tatsache eines Tötungsdeliktes. Weit spannender ist bereits die Vorgeschichte, wie der junge Mann langsam, aber sicher, selbständig wird und seine wachsende Sexualität erkennt. Die wenigen Wochen am See lassen ihn reifen und mit der Situation fertig werden, die er stets nur als das SCHRECKLICHE bezeichnet. Er selbst bezeichnet das Leben mit fünf Worten: Krebs-Treblinka-Liebe-Bumsen-Tod, wobei ich es dem Leser überlasse, sich über die Klärung dieser Liste selbst ein Urteil zu schaffen.

Die Sprache Nessers ist präzise bis knapp gehalten. Nirgendwo findet sich ein unnötiger Schachtelsatz, der die Stimmung verschleppt. Viel lieber kippt er einen Zwei-Wort-Dialog in die Handlung und lässt den Leser damit Raum, den Satz zu Ende zu denken. Dort wo es nichts zu sagen gibt, wird auch geschwiegen. Wie das Verständnis zwischen einem alten Ehepaar, das sich wortlos versteht, so findet sich hier unausgesprochene Übereinstimmung zwischen Erik und seinem Vater, Erik und seinem Freund, Erik und seiner Umwelt und nicht zuletzt Håkan Nesser und seinem Leser.

Dass sich schlussendlich alles aufklärt, ist zwar ein nettes Ende für das Buch, aber eigentlich nicht mehr von Bedeutung. Denn bis zur letzten Seite glaubt man dem Jungen, auch dreißig Jahre später als Mann noch, sein: "Es kommt, wie es kommt."

Dieser Roman ist einer der ganz wenigen Bücher, die ich in die Hand genommen und bis zur letzten Seite nicht mehr beiseite gelegt habe. Trotzdem sich einige psychologische Elemente einschleichen, passiert dies nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern immer aus der Sicht eines Vierzehnjährigen, so dass man, selbst in dieser Zeit aufgewachsen, immer wieder schmunzelnde Parallelen zum eigenen Erwachsenwerden findet. Nesser versteht es großartig, in seiner Sprache immer in der Altersklasse zu bleiben und dennoch nicht ins Einfache abzudriften. Mit Garantie wird auch dieser Nesser-Roman ein zwiespältiges Publikum finden, von mir allerdings eine absolute Höchstnote und eben solche Leseempfehlung für das Kunststück, aus einer alltäglichen Grundidee eine spannende Lebensgeschichte gemacht zu haben.

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