Schweinehunde

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Gyldendal, 2010, Titel: 'Svinehunde', Seiten: 399, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck
  • München: Knaur, 2012

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Jürgen Priester
… sie haben bekommen, was sie verdient haben ...

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2011

 

Ein Kind hat rechtlichen Schutz gegen jede Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenzufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs...
(Auszug aus der Kinderrechtskonvention der UN – zitiert aus dem vorliegenden Roman)

 

Gewalt gegen Wehrlose insbesondere gegen Kinder gehört zu den scheußlichsten Verbrechen, die man sich eigentlich nicht vorstellen kann, die aber tagtäglich millionenfach begangen werden. Die Spirale der Gewalt beginnt in globalen Maßstäben mit der Vorenthaltung von ausreichender Nahrung und sauberem Trinkwasser und endet mit der Gewaltanwendung im familiären Umfeld. Wenn nicht gerade ein besonderes mediales Interesse besteht, bleiben Gewalttaten hinter dem Mantel des Schweigens verborgen. Opfer haben keine Stimme oder schweigen aus Scham. Wie lange hat es gedauert bis z.B. der jahrzehntelange Missbrauch von Schutzbefohlenen in der katholischen Kirche ruchbar wurde und zu einer öffentlichen Diskussion führte, wie Kinder grundsätzlich geschützt werden können? Welche Konsequenzen sind gezogen worden?

Der Kriminalroman (einschließlich Thriller) ist die Literaturgattung, die sich fast ausschließlich mit den verschiedensten Formen der Gewalt beschäftigt, die in der Regel unter Erwachsenen ausgetragen werden. Neben einer allgemeinen Verrohung durch explizite Gewaltdarstellungen ist in jüngster Zeit eine Zunahme der Romane festzustellen, die Gewalt gegen Kinder thematisieren. Kindesentführung, Kinderpornographie, Kinderprostitution oder direkter Missbrauch in der Familie oder durch Triebtäter werden von den unterschiedlichsten Autoren mit viel, leider aber auch mit zu wenig Sensibilität behandelt. Der amerikanische Thriller-Autor Cody McFadyen, der ja nicht zu den Sensibelsten seiner Zunft gezählt wird, ist in seinem aktuellen Roman (Der Menschenmacher) besonders auf den Opfer-Täter-Komplex eingegangen (und hat das auch ganz passabel hingekriegt). Wenn kindliche Opfer als Erwachsene Rache an ihren Peinigern nehmen, kann es für den Leser ein Wechselbad der Gefühle werden, denn Rache ist nicht immer süß, wie der Volksmund sagt, sondern kann - exzessiv betrieben – selbst Grenzen überschreiten. Davon handelt der Debütroman Schweinehunde der dänischen Geschwister Lotte und Søren Hammer. Der Roman beginnt mit einer ziemlich drastischen Inszenierung.

Ein Vorort von Kopenhagen. Der erste Schultag nach den Ferien. In der Turnhalle der Volksschule entdecken zwei Kinder frühmorgens die nackten Leichen von fünf Männern, die von der Hallendecke baumeln. Der Genitalien und Hände beraubt, die Gesichter mittels einer Motorsäge bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, einer künstlerischen Installation gleich geometrisch angeordnet, sind sie nicht nur für die Kinder ein traumatisierender Anblick, auch die eingetroffenen Polizisten sind ob dieser Obszönität schockiert. Nicht minder der Leser, der aufgrund des biederen Eindruckes, den die beiden Autoren auf dem Foto des Schutzumschlages machen, mit dezenteren Bildern gerechnet hat, welche sich infolge auch einstellen.

Hauptkommissar Konrad Simonsen von der Mordkommission Kopenhagen, der mit seiner Tochter nach langer Zeit mal wieder einen gemeinsamen Urlaub verbringt, wird vorzeitig zurückbeordert, um die Ermittlungen in diesen monströsen Fall zu leiten. Sein Team ist schon vorort und versorgt ihn mit ersten Erkenntnissen. Eine Identifizierung der Männer scheint angesichts der Verletzungen eher schwierig, wäre aber wie immer ein wichtiger Schritt zu Motiv und Täter. Mehr durch Spekulation als durch Indizien erzielen die Kommissare kleine Fortschritte. Erst das auffällige Verhalten des Schulhausmeisters bringt einen Durchbruch. Bei den Opfern scheint es sich um Männer zu handeln, die sich mutmaßlich an Kindern vergangen haben. War die Gewalttat ein Racheakt eines Einzelnen oder gar eine konzertierte Aktion mehrerer, die eine private Hatz auf Pädophile machen? Während sich für die Polizisten so langsam ein Bild zusammensetzt, ist die Öffentlichkeit weitgehend uninformiert. Das ändert sich, als bei der lokalen Presse ein kompromittierendes Video eingeht. Anni Staal, die skrupellose Redakteurin des "Dagbladet", erkennt natürlich sofort welch Zündstoff ihr in die Hände gespielt wurde, um des Volkes Stimmung so richtig zum Kochen zubringen.

 

". . die Meinungsfreiheit muss ausgenutzt werden, und im Grundgesetz steht nichts davon, dass man sich von einem Mord in jedem Fall distanzieren muss."

 

Lynchjustiz mit weitgehender Billigung des Volkes – eine Situation, die auch den Leser in die Zwickmühle bringt. Atmosphärisch und auch thematisch wurde der Rezensent an Fritz Langs Filmklassiker M – eine Stadt sucht einen Mörder (1931) erinnert, in dem der aufgebrachte Mob den Kinderschänder Hans Beckert jagt und in einer rechtsfreien "Gerichtsverhandlung" zum Tode verurteilen will. Peter Lorre in der Rolle des Triebtäters Beckert verkörpert beeindruckend eine zwiegespaltene Persönlichkeit, die einerseits vom Trieb zu Töten gesteuert wird, die andrerseits daran verzweifelt. Doch Lang ging es in erster Linie nicht um die Darstellung eines Mörders, sondern um die Scheinmoral einer "Kopf-ab"-Fraktion, die sich über eine rechtsstaatliche Ordnung erheben will.

Die Autoren von Schweinehunde gehen noch einen Schritt weiter. Der persönliche Racheakt ist vollzogen. Die Tat wird von interessierter Seite instrumentalisiert, um öffentlichen Druck auf politische Entscheidungsträger auszuüben, Strafen gegen Triebtäter zu verschärfen. "Sie haben bekommen, was sie verdient haben" - eine Aussage, die man als spontane Reaktion – geboren aus Angst und Betroffenheit – gelten lassen kann, die aber als vox populi geflissentlich überhört werden sollte. Sympathie für Menschen zu empfinden, die aus Rachegelüsten selbst zu Mördern werden, ist obskur. Schweinehunde, im Original Svinehunde ist ein ziemlich drastischer Buchtitel, der auf viele Personen der Geschichte zutreffen kann. Auf wen alles, muss der Leser für sich selbst entscheiden.

Schweinehunde, der Deutschland-Auftakt der dänischen Geschwister Lotte und Søren Hammer, ist gleichzeitig der Beginn einer Reihe um das Team der Kopenhagener Mordkommission unter Leitung von Hauptkommissar Konrad Simonsen. Eine sympathische, trickreiche Truppe, der man gerne wieder über die Schultern schauen möchte. Man kann nur hoffen, dass die Autoren ihr Pulver noch nicht verschossen haben. Oftmals legt ein Autor seine ganze Sorgfalt und seinen Ideenreichtum in seinen Erstling, was natürlich logisch ist, will er doch die Aufmerksamkeit eines Verlages und später die der Leser auf sich ziehen. So überzeugt Schweinehunde denn auch mit einem ausgefeilten Plot, der den Rahmen der konventionellen Mörderjagd ausweitet. Aus Tätern werden Opfer, aus Opfern Täter. Eine Konfliktsituation, die den Leser emotional einbindet und verführt, seinen Fuß auf die falsche Seite zu stellen. Ein rundum gelungenes Debüt, das sich deutlich aus der Masse der Veröffentlichungen hervorhebt.

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