Das Dornröschen-Projekt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Carl´s books, 2011, Seiten: 352, Originalsprache

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Andreas Kurth
Aufrechte Kämpfer für die Gerechtigkeit

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2011

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg gibt es eine Art menschlichen Jurassic Park. Dort leben in der links-alternativen Szene noch viele "Überbleibsel" der Kämpfe aus den 80er Jahren – in Wohngemeinschaften, mit Jobs im normalen Leben, aber vielen Erinnerungen an ihre gute alte Zeit. In der Okerstraßen-WG kommen Matti, Twiggy und Dornröschen - die bürgerlich ganz andere Namen haben – gut mit dieser Situation zurecht. Matti ist Taxi-Fahrer, und eines Tages lässt ein Fahrgast eine Tasche mit einer DVD im Fahrzeug liegen. Mehr aus Neugier nimmt Matti die DVD mit und lässt von Twiggy eine Kopie ziehen, bevor er die Scheibe zurück in die Tasche legt und diese bei seinem Chef abgibt. Beim Versuch, einen alten Kumpel den Inhalt der Dateien knacken zu lassen, kommt dieser ums Leben. Es sieht wie Mord aus, wird von der Polizei jedoch nicht so behandelt. Und plötzlich stecken die Altlinken aus der Okerstraße mitten in einem Kriminalfall, in dem sie es mit alten Stasi-Agenten, Polizei und Verfassungsschutz zu tun haben. Und nicht jeder Verbündete ist so treu, wie man das aus alten Zeiten kennt.

Christian von Ditfurth hat hier einen Roman vorgelegt, der eine Mischung aus Polit-Thriller und Szene-Reminiszenz ist. Die Figuren sind immens authentisch gezeichnet. Im Klappentext heißt es, mit diesen alt-linken Originalen sei der Leser sofort per Du. Das ist keineswegs zu viel versprochen, die drei Protagonisten wirken einfach echt, und auch wenn man Kreuzberg und seine Szene nicht aus eigenem Erleben kennt, hat man von Beginn an den Eindruck, mittendrin zu sein. Und so wird ein großer Teil der Faszination, die das Buch auslöst, von den Figuren bestimmt. Sie sind etwas skurril, aber ungemein konsequent, wie sie da in ihrem "Aquarium" Kreuzberg leben, lieben und leiden.

Wer die Szene und die entsprechenden Berliner Viertel kennt, hat wohl einen noch größeren Lesegenuss. Aber auch für Berlin-Neulinge wird das Geschehen nachvollziehbar geschildert, und zwei Karten auf den Innenseiten der Umschlagseiten bewirken ein Übriges. Und der Autor hat auch alle Utensilien eingebaut, die dazu gehören. Das beginnt bei den Namen – Schlüssel-Klaus und Antifa-Conny – und hört bei den Fahrzeugen wie R4 und VW-Bully noch lange nicht auf. Da gibt es dann eben auch die Cannabis-Plantage auf dem Balkon, und den Küchenplan für den Arbeitsdienst in der WG.

Da werden gebrochene Biografien geschildert, oder Lebensläufe, die sich einfach mäandernd entwickelt haben. Matti wollte eigentlich Lehrer werden, und jetzt fährt er eben Taxi, wie so viele Ex-Studenten und Alt-Linke. Dornröschen arbeitet bei einer Stadtteilzeitung, nein, sie ist die Stadtteilzeitung. Und Twiggy – der wegen seiner Leibesfülle so genannt wird – macht irgend etwas. Allerdings wissen selbst seine Mitbewohner nicht, wie er sein Geld verdient. Und alle drei eint das antikapitalistische Bewusstsein. So schimpft Dornröschen regelmäßig mit ihren WG-Genossen, wenn sie das Licht über Nacht brennen lassen. Schließlich dürfe man dem Strommonopolisten keine Cent schenken. Und wenn Robby, der träge Kater von Twiggy, mal wieder Thunfisch-Katzenfutter bekommt, zetert sie wegen der Ausrottung der Wale. Für Twiggy dagegen ist die Sache klar – bei der Wahl zwischen Robby und einem Wal würde er sich jederzeit für seinen Kater entscheiden.

In dem Kampf gegen die ehemaligen Stasi-Leute, die Polizei und den Verfassungsschutz kommen die drei alten "Recken" schnell an ihre Grenzen, aber davon lassen sie sich nicht unterkriegen. Zu stark ist ihr Gerechtigkeitsempfinden. Und als zwei ihrer Freunde wegen der Daten auf der DVD gestorben sind, wollen sie das "Dornröschen-Projekt" bis zum Ende durchfechten. Die drei Aufrechten kämpfen mehr oder weniger entschlossen gegen das Böse, das sie allerdings am Anfang nur nebulös identifizieren können. Der Autor überrascht den Leser mit mancherlei verblüffenden Wendungen der Geschichte – und am Ende ist der spannende Plot wirklich durchdacht, richtig rund und überaus lesenswert.

Das Dornröschen-Projekt

Das Dornröschen-Projekt

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Letzte Kommentare:
10.04.2012 12:46:08
tom_ate

Das HÖRBUCH ist ungekürzt und wird von Tobias Dutschke vorgetragen. Seine Stimme und seine Vortragsweise haben mich veranlasst, bis zum bitteren Ende durchzuhalten.
Einerseits ist die Geschichte (anfangs) interessant und spannend, andererseits sind aber so viele Unglaubwürdigkeiten einbebaut, dass es schwer fällt, bei der Stange (hier eine geheimnisvolle CD) zu bleiben.

Drei Alt-Linke, die mit Unterstützung einiger Kumpels aus der Szene, den Kampf gegen Ex-Stasi-Leute, Polizei und Verfassungsschutz aufnehmen. Besonders die EX-Statis-Typen sind gewitzt, clever und skrupellos bis hin zum Morden, schaffen es aber trotzdem nicht, unsere drei Helden zu stoppen. Die Polizei ist durch die Bank weg blöd und brutal, der Verfassungschutz so, wie man sich tumbe Schlapphüte vorstellt, eben zu allen Schandtaten bereit. Warum der Berliner VS (fälschlich als "Landesamt für Verfassungsschutz" bezeichnet) jedoch involviert ist, bleibt unklar, da nicht das Land Berlin, sondern der Bund in dem Spiel mitmischt. Dafür hat Herr v. Dittfurth die Straßen- und Ortsangaben so ausführlich beschrieben, dass der Berlin-Kenner einen hohen Wiedererkennungswert hat, der Nichtkenner aber gelangweilt von der Informationsflut sein dürfte.

Wer mit dem Motto "drei Gute gegen den Rest von Berlin" zufrieden ist, der sollte sich das Dornröschen-Projekt anhören. Denn, wie eingangs geschrieben, Tobias Dutsche ist hörenswert, die drei Alt-Linken (und ihren Kater Robby) muss man als Typen auch mögen.

Nur leider ist der Plot überladen und zu sehr in das schwarz-weiß-Schema gepresst.

Weniger wäre ein Mehr gewesen.

80°