Der frühe Tod

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 304, Originalsprache

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Jochen König
Bittere Medizin für alle Beteiligten

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2011

Es gibt Tage, an denen sollte man lieber im Bett bleiben. Das hätte auch Caitlin Anderson beherzigen sollen, bevor sie an jenem Morgen am Ufer des Loch Katrine joggen ging. Dass sie eine Leiche findet, ist eigentlich schlimm genug, dass es sich dabei um ihren Ex-Lebensgefährten Thomas handelt, von dem sie sich nicht gerade in Freundschaft getrennt hat, macht den Fund noch unerquicklicher. Doch was hatte ihr geschiedener Mann, der eigentlich in London lebt, an jenem Ort zu suchen, außer seiner ehemaligen Gattin, die sich bis dato erfolgreich vor ihm versteckte? Und wer hätte einen Grund gehabt, ihn fern der Heimat zu ermorden?

Für die Polizei steht die Täterin schnell fest: Caitlin selbst, die mehr als ein Geheimnis hütet und sich äußerst verdächtig verhält. Weitere Verbrechen geschehen und Caitlin weiß bald ganz genau, wie sich Dr. Richard Kimble fühlte. Doch dies ist nicht das einzige Ungemach, das die Pressereferentin der Hilfsorganisation "we help" bedroht. Denn der Journalist Ben Edwards ist auf Recherchetour, nachdem ihn ein anonymes Schreiben auf mögliche Zusammenhänge der Organisation mit dem Tod einiger Jugendlicher hinwies, die "we help" betreute. Dass da zwei Gehetzte aufeinander zutreiben, dürfte kein großes Geheimnis sein. Während Edwards seinen Durchbruch als investigativer Reporter sucht, wünscht sich Caitlin nur ihr Leben zurück. Ein selbstbestimmtes Leben. Endlich.

Zoë Beck gelingt es – nicht ganz mühelos – Psycho- und gesellschaftspolitischen Thriller zu vereinen, ohne dass ihr Roman wie disparates Flickwerk aussieht. Die Geschichte einer Frau, die die Chance sucht, ein eigenständiges Leben zu führen und fast umgehend mit der Bedrohung ihrer gesamten, neu aufgebauten Existenz dafür bestraft wird. Dazu gesellen sich Blicke auf eine desolate Gesellschaft, in der der Kluge ausgegrenzt wird und hilf- bzw. interesselose Eltern ihre Kinder opfern, für die vage Hoffnung auf ein besseres Leben. Oder einen Plasmafernseher…

Ein Tableau von ganz unterschiedlichen Personen, die meisten zwischen Untergang und Absprung. Caitlin wird missbraucht, erst jahrelang von ihrem despotischen Mann, dann von jenen Unbekannten, die ihr einen Mord und andere Verbrechen in die Schuhe schieben wollen. Obwohl intelligent und in entscheidenden Situationen auch selbstbewusst, braucht sie Jahre, bis sie sich von ihrem Ehejoch befreien kann. Obwohl selbstreflexiv gibt Caitlin ihr eigenes Verhalten Rätsel auf. Sie weiß um ihre Situation, in der von Liebe keine Rede mehr ist, bzw. immer nur dann, wenn Thomas West vom Schläger zum reuigen Sünder mutiert, erfährt sogar Unterstützung durch ihre beste Freundin Val und schafft doch lange Zeit den Absprung nicht.

Zoë Beck schildert diese Situation distanziert und aus der Rückschau Caitlins. Die Frage nach dem "Warum" steht immer im Raum, wird aber nicht endgültig beantwortet. Die scheinbare kühle Beschreibung der Qualen, die Caitlin während ihrer Ehe erlitt, macht das ganze Szenario umso bedrückender. Denn so schwer die Beweggründe zu verstehen sind, warum Caitlin ihren Mann nicht nach frühen verbalen und schnell darauf folgenden körperlichen Misshandlungen umgehend verlässt, sie sind unzweifelhaft der alltäglichen Realität abgeschaut.

Ebenso die Verhältnisse in der herunter gekommenen Suburbia Edingburghs, in die sich der Journalist Ben Edwards begibt. Hier regiert die Arbeitslosigkeit, damit verbundene Frustrationen, Sprach- und Hoffnungslosigkeit. Nur manchmal gibt es ganz bescheidene Träume und Sehnsüchte. Und immer jemand, der bereit ist, sie für seine eigenen Interessen zu verwerten. Geschäftsinteressen natürlich. Dass diese skrupellosen Machenschaften im Windschatten sozialen Engagements reisen, macht sie umso perfider. Glücklicherweise findet Ben Unterstützung vor Ort. Den Jugendlichen Sander, die vielleicht stärkste Figur des Romans. In dem Ben sein jüngeres Abbild sieht. Jemand, der im Strom eines Alltags voller Armut, Perspektivlosigkeit und Alkohol mitschwimmt und insgeheim verbissen darum kämpft, irgendwann ein rettendes Ufer zu erreichen. Dank Ben Edwards, den Sander in die Kunst der Recherche vor Ort erst einweist, und vor allem dessen hyperreichen Chef Cedric Darney hat der Junge möglicherweise tatsächlich eine Chance, dem Elend zu entkommen.

Natürlich ist das eine hehre Utopie, die sich Zoë Beck da erlaubt. Ist auch okay, denn wir wünschen doch so sehr, dass sie wahr wäre, und es tatsächlich Chancen abseits des Regelfalles gäbe. Doch Beck weiß genau, auch wenn es für Einzelne womöglich einen Ausweg gibt, viel mehr gehen zugrunde. Dass sich derartige Überlegungen überhaupt ergeben, ist eine der Stärken von Der frühe Tod. Denn der Roman funktioniert schlicht auch als spannender Psychothriller, als die Geschichte einer Frau, der der Boden unter den Füßen weggerissen wird – mehrfach -, und die das Glück hat, dass von gänzlich unerwarteter Seite Hilfe naht. Dabei ist Caitlin keine wahre Heldin, sondern eine mehrfach gebrochene Frau, die nur dann aus ihrer Passivität erwacht, wenn es keine Alternativen gibt. Man möchte so gerne, dass sie wächst, am Ende als erstarkte Person aus einem Alptraum erwacht. Doch so leicht macht es sich Beck nicht. Sie weiß genau, dass eine neue Liebe nicht unbedingt ein neues Leben bedeutet. Und so autark man sich Romanfiguren wünscht, am Ende werden Kompromisse eingegangen, und das betrifft Caitlin genauso wie Ben oder Sander oder Cedric. Manche davon sind faul, aber immerhin besteht die Chance, dass zumindest dies erkannt wird.

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