Torso

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Detlef Bierstedt

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Dieter Paul Rudolph
Wenn der Lockstoff versagt

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Mai 2011

Es gibt Themen, die kommen uns langsam aus den Ohren raus, aber es hilft nichts: Wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, sie sind zu essentiell. Die Finanzkrise ist so ein Thema. Niemand blickt mehr durch, wir verlangen klare Ansagen, möglichst verständliche Erklärungen – ein ideales Feld für die Kriminalliteratur, die uns mit dem Lockstoff Spannung auch die schwierigsten Zusammenhänge des Daseins transparent machen kann.

Mit Krimis, die "irgendetwas mit Banken" zu tun haben, müssen wir also ab sofort rechnen. Einer der ersten ist Wolfram Fleischhauers Torso. Er spielt – was man aber selbst rauskriegen muss – im Jahr 2003 und behandelt ein höchst reales Ereignis, den "Berliner Bankenskandal" nämlich, dessen Hintergründe bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind und der die Bundeshauptstadt an den Rand der Insolvenz getrieben hat. Dabei beginnt es bei Fleischhauer wie ein gewöhnlicher Leichenshow-Thriller. Ein Frauentorso, auf den ein Ziegenkopf montiert wurde, wird gefunden. Makaber, makaber. Kommissar Zollanger, früher bei der DDR-Polizei und nicht so ganz freiwillig Demokrat geworden, tappt mitsamt seiner Mann- und Frauschaft im genreüblichen Dunkeln. Natürlich tauchen bald weitere gruselig drapierte Leichenteile von Mensch und Tier auf, kryptische Hinweise desgleichen. In einem zweiten Erzählstrang lernen wir die junge Elin kennen, die nicht glauben will, dass sich ihr Bruder erhängt haben soll. Beide Fälle hängen zusammen – wir haben es auch gar nicht anders erwartet.

Was wird das? Ein Thriller halt, wie man sie zur Genüge kennt. Leichen werden kunstvoll arrangiert, der Kommissar befindet sich in einer Sinn- und Lebenskrise, was mittlerweile zum Beamtentum zu gehören scheint wie die Pension. Seine Mitarbeiter grübeln auch herum – und irgendwo zieht das Böse seine diabolischen Fäden und wartet darauf, ein Gesicht zu bekommen.

Aber Torso will eben mehr sein als das. In einer für Liebhaber dieser Spielart von Krimi leichtverdaulichen Gestalt soll uns die skandalöse Wirklichkeit der Zocker und gewissenlosen Banker, der politischen Spielchen und der Massenmanipulation untergejubelt werden. Eine durchaus anerkennenswerte Strategie – aber sie geht gründlich schief. Was vor allem an den Personen liegt, die Fleischhauer auffährt. Kommissar Zollanger ist natürlich ein Gegner des Kapitalismus, ebenso Elin, die am liebsten in einer geld- und fleischlosen Welt leben würde. Der böse Banker ist ein böser Banker, was uns in sehr deutlichen Worten eingebläut wird, damit wir gar nicht erst auf die Idee kommen, es handele sich hier möglicherweise um einen ganz normalen Menschen. Die Politiker haben keine Ahnung, dafür Heidenangst, was sie beliebig lenkbar macht. Und so weiter. In diesem Roman gibt es keinen Platz für Zwischentöne.

Und selbst wenn man ihn auf seine Thrillerhülle reduzieren würde, ginge er letztlich nicht auf. Fleischhauer fährt das volle Programm mit sehr viel Action und Cliffhangern, das Ganze steuert auf einen völlig überzogenen und unglaubwürdigen Schluss zu, bei dem denn noch die Stasi und tiefe Bruderkonflikte herhalten müssen. Es bleibt wohl bei der Auflösung ein bitterer Nachgeschmack, er bleibt aber leider auch beim Leser, der sich hier leicht unterfordert, um nicht zu sagen ziemlich unterschätzt fühlt. Wer aus diesem groben Schnittmuster des Guten und des Bösen so etwas wie "Denkanstöße" zieht oder gar "ins Grübeln" kommt, scheint nicht von dieser Welt zu sein. Die nämlich ist viel spannender und irritierender als Torso – trotz und gerade wegen fehlender Leichenteile mit Ziegenköpfen.

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