Spur der toten Mädchen

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Little, Brown, 2010, Titel: 'The reversal', Seiten: 389, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2011, Seiten: 512, Übersetzt: Sepp Leeb

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Jürgen Priester
Brothers in Arms

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2011

Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in So wahr uns Gott helfe haben sie sich noch kritisch beäugt. Nun setzen sie sich Seite an Seite für Recht und Gerechtigkeit ein. Gemeint sind der altgediente Detective im Los Angeles Police Department Hieronymus "Harry" Bosch und der smarte Strafverteidiger Michael Haller.

Autor Michael Connelly spielt mit seinen Figuren und es scheint ihm sichtlich Spaß zu machen. Schon früh hat er neben seinem Dauer-Serienhelden Harry Bosch wiederkehrende Charaktere entwickelt, die nicht nur in gewichtigen Nebenrollen auftraten, sondern auch in Einzelromanen die Hauptrolle innehatten. Einen guten Überblick wer wo mitgespielt hat, findet man auf Connellys Homepage unter "Novels ’ Series order".

Des Autors jüngstes "Kind" ist der Anwalt Mickey Haller, der seine Geschäfte bevorzugt aus einer seiner Lincoln-Town-Car-Limousinen abwickelt, deshalb heißt der Roman seines ersten Auftrittes auch "The Lincoln Lawyer" - bei uns als Der Mandant veröffentlicht. In den beiden Haller-Romanen erleben wir ihn als ausgefuchsten Strafverteidiger, der weniger an der Schuld oder Unschuld seiner Mandanten interessiert ist, als daran, für sie das Optimum herauszuholen. Wer den amerikanischen Gerichtsalltag kennt, weiß, dass das eine elende Kungelei ist. Eine Strategiespiel, das schon im Vorfeld des Prozesses umfangreiche Recherchen erfordert, in dem die Auswahl der Geschworenen von entscheidender Bedeutung ist, in dem der geschickte Einsatz von Zeugen oder die Demontage von Zeugen der Gegenseite die Urteilsfindung der Jury maßgebend beeinflussen ein Spiel, das Mickey Haller vorzüglich beherrscht.

In Spur der toten Mädchen hat er nun die Seiten gewechselt und versucht sich erstmalig als Vertreter der Anklage. Der Hintergrund hierfür ist, dass sich die Leitende Staatsanwaltschaft in einem Revisionsverfahren um größtmögliche Neutralität und Transparenz bemüht. Vor 24 Jahren wurde der Abschleppwagenfahrer Jason Jessup wegen Entführung und Ermordung der zwölfjährigen Melissa Landy zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Beweislage war eindeutig, das Urteil schnell gefällt. Bei routinemäßigen Kontrollen älterer Beweismittel wurde jetzt festgestellt, dass die DNA aus dem Sperma, das an der Kleidung des Opfers entdeckt wurde, nicht mit der des Täters übereinstimmt. Das damalige Urteil gerät ins Wanken. Der Oberste Gerichtshof ordnet eine Neuverhandlung an. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt ist verunsichert. Im Falle eines Freispruches droht dem Staat eine millionenschwere Zivilklage. Haller soll als unabhängiger Ankläger den Staat vertreten. Eine neue Herausforderung ist so ganz nach Hallers Geschmack. In seinem Beruf als Strafverteidiger hat er eine längere Auszeit nehmen müssen, weil er in seinem letzten spektakulären Fall lebensgefährlich verletzt wurde. Die Zeit der Rekonvaleszenz brachte ihm eine Medikamentenabhängigkeit ein, die er nun überwunden zu haben glaubt. Die Arbeit für die Staatsanwaltschaft nährt in ihm außerdem die Hoffnung, seiner Ex-Frau Maggie wieder näherzukommen. Diese ist schon immer als Staatsanwältin tätig, soll ihm in diesem komplizierten Fall assistieren. Die polizeilichen Ermittlungen liegen in den bewährten Händen von Detective Harry Bosch. So kommt der anstehende Prozess auch einer Familienzusammenführung der Hallers und Boschs nahe. Die beiden Halbbrüder, die zwar von der Existenz des jeweilig anderen wussten, aber jahrzehntelang keinen Kontakt miteinander hatten, lernten sich während des Verfahrens gegen den Medienmogul Walter Elliot (So wahr uns Gott helfe) kennen, was aber nicht über ein distanziertes Beschnuppern hinausging. Jetzt werden richtige Familienbande geknüpft, weil auch beider Töchter gut miteinander auskommen.

Zwei dominante Hauptfiguren in einem gemeinsamen Plot auftreten zu lassen, ist mit einigen Risiken verbunden. In So wahr uns Gott helfe spielte Harry Bosch sicher zum Leidwesen seiner treuen Fangemeinde gegenüber dem "Neuling" Haller eine untergeordnete Rolle, was aber durchaus zu Connellys Konzept, neben Bosch noch eine zweite starke Persönlichkeit aufzubauen, passt. In Spur der toten Mädchen ist nun das Gleichgewicht beider Protagonisten hergestellt, ohne dass einer seine Eigenständigkeit verliert. Haller erzählt wie gewohnt aus der Ich-Perspektive, deren eingeschränkter Blickwinkel jetzt durch die Bosch-Erzählung in der 3. Person ergänzt wird. Das bedeutet zweifache Spannung im Wechsel, einmal mit Mickey Haller im Gerichtssaal und einmal mit Harry Bosch "auf Streife".

Michael Connelly ist ein Routinier, der nicht nur mit den Lokalitäten seiner Plots vertraut ist, sondern sich auch bestens in den Berufen seiner Protagonisten auskennt. Mögen die Jahre seiner Tätigkeit als Gerichts- und Polizeireporter in Los Angeles auch schon länger zurückliegen, haben seine Romane nichts an ihrer Detailgenauigkeit und Atmosphäre verloren. Solche Erfahrungen kann man sich nicht erlesen, die muss man erlebt haben. So zeichnen sich Connellys Romane durch ihre gleichbleibend hohe Qualität aus. Vertraute Figuren, die in ihren Konstellationen variieren, sorgen für gewünschte Abwechslung im Personal. Die Zusammenführung der beiden Brüder beruflich wie privat hat zu einem packenden Kriminalroman geführt und bietet Connellys kleinem Universum eine weitere Perspektive, die der Autor hoffentlich weiter verfolgen wird. 

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Letzte Kommentare:
26.08.2017 22:42:52
UP

Detailierte Gerichtszenen entschädigen für Schwächen in der Handlung. Conelly kann wie so viele seiner Zunft keine überzeugenden Kindercharaktere schreiben. Ausgerechnet die Charaktere des Opfers und ihrer Schwester wirken nicht wie 12-13Jährige, sondern bestenfalls wie 6-7Jährige. Und auch Boschs Tochter kommt nicht über den quengeligen aber braven Hausaufgabenschreiber hinaus den sich so manche Eltern wohl wünschen. Insgesamt eher ein mäßiger Bosch/Haller-Krimi, auch wenn die detailiert geschriebenen Gerichtszenen wiedeer einmal ein Highlight der Krimiliteratur sind.

05.06.2012 15:44:46
manni

Connelly wieder at his best! Nachdem die letzten Krimis schwächelten, hier nun wieder ein spannender M.Haller/H.Brosch (Gerichts)Thriller wie er sein soll. Nebenbei erfährt der Leser viele interessanten Details aus dem amerikanischen Gerichts- /Justizwesens, alles passend in die story eingeflochten. So freue ich mich schon auf den nächsten Harry Brosch ! Satte 80 °

27.12.2011 19:09:29
Dirty-Harry

Ein Thriller wie er sein muß. Spanneng, gut aufgebaut und die handelnden Personen sind authentisch. Connelly schafft es die aus den anderen Romanen bekannte Darsteller, allen voran Micky Haller und Harry Bosch, hervorragend in Szene zu setzen ohne es zu übertreiben. Es wird hier kein Heldenepos aufgebaut. Es lohnt sich diesen Thriller zu lesen.

27.11.2011 11:47:33
koepper

Ich mag Gerichtsthriller, daher mag ich auch dierses Buch. Weil Connelly gut schreiben kann. In "Spur der toten Mädchen" gibt uns der Autor einen spannenden Eiblick in die amerikanische Justiz. Er beschreibt sehr anschaulich mit welchen Tricks und Kniffen die Protagonisten vor Gericht arbeiten. Richtige Action gibt es erst auf den letzten Seiten des Buches, aber das störte mich überhaupt nicht, das Buch war dennoch sehr spannend. Hoffentlich schreibt Connely weitere Thriller dieser Reihe.

10.11.2011 19:41:56
Sim_mone

Der Roman beginnt, wie viele von Connellys Büchern, recht langatmig und schwerfällig. In diesem Buch werden viele Details über das amerikanische Strafprozeßgeschehen vermittelt. Wenn jedoch der kritische Punkt überwunden wurde, läßt sich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Connelly baut Spannung auf, bis zu den letzten Seiten.
Die Hauptpersonen werden gut charakterisiert und Connellys Protagonisten erscheinen glaubwürdig und authentisch.