Der Riss

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Buenos Aires: Alfaguara, 2009, Titel: 'Las grietas de Jara ', Seiten: 250, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 260, Übersetzt: Peter Kultzen

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Jürgen Priester
Pablos Risse

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2011

Wer mal vorhat, einen Roman von Claudia Piñeiro zu lesen und die Autorin bisher nicht kennt, sollte nicht unbedingt mit dem hier vorliegenden Der Riss beginnen. Da bieten sich die anderen drei in Deutschland erschienen Romane als kostengünstigere Alternative an. Zwar besitzt jeder Roman seinen ganz individuellen Reiz, doch stilistisch und thematisch kann man schon von Ähnlichkeiten sprechen. "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" ist ihr Thema. Ihre Figuren könnten alle dem gleichnamigen Film von Luis Buñuel entsprungen sein. Beziehungskrisen und Gesellschaftskonflikte plagen das (gehobene) argentinische Bürgertum und sie sind es gewohnt, kritische Situationen zu meistern. Doch kommt es mal ganz dicke – Unfall, Tod, Selbstmord oder Mord – zeigen sich auch in ihren Fassaden ernstzunehmende Risse. Mit einem Riss, erstmal ganz physikalischer Natur beginnt auch Claudia Piñeiros im Sommer dieses Jahres erschienener Roman.

Ein Riss in der Außenwand seines Wohnzimmers ist der Grund, warum Nelson Jara seit drei Jahren unter den Fundamenten eines Hochhauses begraben liegt. Eine angrenzende Baugrube schien ihm ursächlich für den Schaden in seiner Wohnung im 5.Stock. Mit dieser Theorie und einer Dokumentation über die tägliche Fortentwicklung des Risses wurde er beim zuständigen Architekten-Büro vorstellig. Schadenersatz forderte er und zwar nicht zu knapp, sonst würde er bei Gericht eine einstweilige Verfügung für einen Baustopp erwirken. Die Architekten versuchten es mit einer Verzögerungstaktik, doch Jara blieb penetrant am Ball. Dann war er tot.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Über die damaligen Ereignisse denkt der im besagten Büro angestellte Architekt Pablo Simo nur noch selten nach. Hatte er ja nur zweimal mit Jara verhandelt und wie Jara zu Tode gekommen ist, weiß er nicht. Er hatte nur bei der Beseitigung der Leiche geholfen.

Wie fast alles Unangenehme in seinem Leben hat er auch diese Nacht verdrängt. Er gibt sich seinen Tagträumen hin, in denen er Hochhäuser in Eigenregie erbaut, seine attraktive Kollegin bespringt oder für ein harmonisches Zuhause sorgt. Träume sind Schäume, das weiß er wohl, aber er kann sich zu keinerlei Aktivitäten aufraffen. Die Routine seiner Arbeit und die Monotonie seines Ehelebens haben ihn zum Zombie werden lassen. Aus dieser tiefen Trance wird er plötzlich geweckt, als die quirlige Leonor im Büro auftaucht und nach Nelson Jara fragt. Seine Sünden fallen ihm wieder ein und er wünscht sich unsichtbar zu sein, doch die Ausstrahlung der jungen Frau lässt ihn nicht mehr los. Er hält weiter Kontakt zu ihr und kommt so nicht nur den großen Geheimnissen des Nelson Jara auf die Spur, sondern gelangt auch an einen Wendepunkt in seinem Leben.

Obwohl Der Riss kein Krimi im eigentlichen Sinne ist, schleicht sich Spannung auf leisen Sohlen ein. Als Leser ahnt man die ganze Zeit, dass hinter dem offensichtlichen Verhalten des Nelson Jara etwas anderes stecken muss. Die Autorin gibt auch kleine versteckte Hinweise. Die überraschende Auflösung fällt dann humorvoll aus.

Während die Figur des Nelson Jara mit vielen Geheimnissen bedacht ist, kann man in Pablo Simo lesen wie in einem Buch. Claudia Piñeiro kennt sich gut aus in den dunklen Kammern der Männerseele. Das beschert dem männlichen Leser einige Déjà-vécu- Erlebnisse.

Piñeiros ironischer Unterton macht den Roman zu einer angenehm leichten Lektüre. Sie lädt die Frauen ein, über die Männer zu schmunzeln, und die Männer über sich selbst. So ist Der Riss wohltuende Abwechslung zum rauen Krimi-Alltags-Geschehen und reiht sich nahtlos ein in die Phalanx Claudia Piñeiros spannender Gesellschaftsromane mit Krimi-Appeal.

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