Banditenliebe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Rom: e/o, 2009, Titel: 'L´amore del bandito', Seiten: 191, Originalsprache
  • Stuttgart: Tropen, 2011, Seiten: 190, Übersetzt: Hinrich Schmidt-Henkel

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Andreas Kurth
Mafiosi wie in einem Film noir

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2011

Die Gangster-Braut Sylvie wird im Herbst 2006 ohne Aufsehen zu erregen auf der Straße entführt. In ihrem Auto finden ihr Freund Beniamino Rossini und seine Kumpel einen markanten Siegelring. Zwei Jahre zuvor gab es einen spektakulären Diebstahl aus der Rechtsmedizin, bei dem einige Kilo Heroin und anderes Rauschgift gestohlen wurden. Offensichtlich waren Insider beteiligt, da die Türen nur mit einem Code geknackt werden konnten. Einige Gangster aus dem Kosovo waren kurz in Haft, der Fall wurde schnell zu den Akten gelegt. Marco Buratti und sein Knast-Kumpel Max la Memoria erledigen gelegentlich Gefälligkeitsjobs als Privatdetektive, auch ohne Lizenz. Als sie gedrängt werden, den Raub aufzuklären, weigern sie sich, nach einigen Gesprächen macht Rossini mit dem Boten des Auftraggebers kurzen Prozess und erschießt ihn. Als Todesbotschaft hinterlassen die Männer einen Siegelring – und zwei Jahre später soll Sylvie bitter dafür büßen. Ein blutiger Unterweltkrieg nimmt seinen Lauf.

Von Beginn an – und das soll durch das Cover und die sonstige Aufmachung des Buches unterstützt werden, fühlt sich der Leser wie in einem "Film noir". Düstere Hinterzimmer, zwielichtige Typen – einschließlich der drei durchaus sympathischen Protagonisten. Massimo Carlotto erzählt gekonnt eine interessante Geschichte, eine gute Mischung aus Milieu-Studie und Kriminalroman. Zuweilen gibt es blutige Action, aber vor allem auch reichlich gesellschaftskritische Aspekte, für die der Autor ja hinlänglich bekannt ist. Carlotto präsentiert seinen Lesern starke Emotionen, witzige und dem Milieu entsprechende Dialoge. Der Einblick in die Strukturen des organisierten Verbrechens lässt auf akribische Recherchen des Autors schließen. Es geht um Spitzel, korrupte Polizisten und Anwälte, und vor allem um rivalisierende Verbrecherfamilien. Die Herkunft der kosovarischen Mafia aus den Reihen der UCK-Kämpfer klingt überaus plausibel, und die für den Rauschgiftschmuggel "offene Flanke" der Europäischen Union über die Adria wird plausibel dargestellt.
Die Schilderung der internen Machtkämpfe, bei denen ein Menschenleben auch in der eigenen Gruppe scheinbar nichts zählt, lassen kalte Schauer den Rücken herab rieseln. Denn die Vernetzung der kriminellen Banden über die offenen Grenzen hinweg nach Osteuropa ist bittere Realität, wie man vielen Sachbüchern zu diesem Thema entnehmen kann.

Dabei geht es nicht nur um Rauschgift, sondern auch um Geldwäsche, um den Handel mit Müll, Immobilien und vieles mehr. Dem Außenstehenden mag das Motiv für die Entführung eher banal erscheinen, aber in Verbrecherkreisen wird das sicherlich völlig anders gesehen. Hier und da sind Carlotto kleinere logische Brüche unterlaufen, und am Anfang sind seine Zeitsprünge mitunter schwer nachzuvollziehen. Auch die vielen Namen – er wechselt gerne von Vor- zu Nachnamen und zurück – verwirren etwas. Diese Schwächen werden jedoch durch gute Dialoge, einen lockeren Erzählstil und zahlreiche humorvolle Nebenepisoden ausgeglichen.

Eine weitere Schwäche des ansonsten gut zu lesenden Buches ist neben den Zeitsprüngen der lange Zeitraum, über den sich die Handlung hinzieht. Der Glaubwürdigkeit dient es jedenfalls nicht, wenn erst zwei Jahre nach dem Drogenraub die Braut eines der Gangster entführt wird, um sich an dem Trio doch noch zu rächen und es zur Aufklärung des Falles zu zwingen. Trotz der deutlichen Schwächen ist Banditenliebe ein wirklich lesenswertes Buch. Die Bezüge zum "Film noir" sind deutlich ausgeprägt, und so könnte man sich durchaus auch eine Verfilmung des Romans vorstellen. Allerdings müssten die Darsteller sorgfältig ausgewählt werden, denn nach den Charakterisierungen von Massimo Carlotto hat der Leser eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie die Protagonisten aussehen, reden und sich bewegen. Gutes Lese-Kino also, allerdings nicht nach Hollywood-Manier, sondern eben von der düsteren Art.

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Letzte Kommentare:
08.02.2012 21:39:19
anyways

Banditenliebe, die bedingungslose, aufopfernde Liebe eines mehr oder weniger Kriminellen zu einer Frau. In diesem Fall ist Benjamino Rossini, freiberuflicher Schmuggler, Räuber und Killer, solch einer Liebe verfallen. Als seine Angebetete verschleppt wird setzt er zusammen mit seinen Partnern, Marco Buratti- Schnüffler, Inhaber einer Kneipe und Erzähler und Max La Memoria- Koch und zusammen mit Marco Inhaber des „Winkels“, alles daran sie wiederzufinden. Aber um die Schuldigen zu erledigen müssen sie weit in der Vergangenheit recherchieren. Denn der einzige Hinweis ist ein Siegelring, den alle drei zwei Jahre zuvor einem Typen nach dessen Exekution abgenommen haben. Ein Fall in dem es um einen Drogenraub aus einem pathologischen Institut ging, sollte das Trio zwei Jahre zuvor recherchieren. Da der Auftraggeber mehr als mysteriös war, Marco grundsätzlich keine „Drogenfälle“ übernimmt, nahm alles ein eher zufälliges tödliches Ende und gipfelt jetzt in der Entführung und Massenvergewaltigung einer jungen Frau. Benjamino schwört Rache, aber die Befriedigung wird lange Zeit dauern…





Massimo Carlotto gibt ein umfassendes Bild der mafiösen Strukturen in Italien wieder. Hirarchien in denen kaum noch Italiener (hier sei insbesondere die Unterwanderung der Polizei erwähnt) sondern eher Serben, Kroaten und Kosovaren vorkommen. Eine Anspielung auf die schwierige Situation der Bewohner des ehemaligen Jugoslawiens versucht er aus seiner Sicht auch darzustellen. Eine Sichtweise die mir eher banal und eingeschränkt erscheint. Der Roman ist zwar gut strukturiert, die Geschichte für mich weder schlüssig noch nachvollziehbar, deswegen hatte ich auch Schwierigkeiten ihr zu folgen. Für Liebhaber dieses Genres sicherlich eine interessante Lektüre. Für mich war sie eher verworren, auch den Vergleich mit Andrea Camilleri kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Die Beiden Autoren sind so unterschiedlich in Bezug auf Schreibstil, Spannungsbögen und Gesamtplot so dass ein direkter Vergleich für mich nicht nachvollziehbar ist. Einzige Gemeinsamkeit Beider ist ihre Herkunft.

10.08.2011 20:54:44
bookorpc

Massimo Carlotto - selbst der Name des Autors passt perfekt um Buch. Der Titel Banditenliebe wie auch das Cover, ein bezaubernde Ausschnitt einer Bauchtänzerin, sind ein großer Bestandteil dieser Geschichte.

Inhalt: Marco, Max und Beniamino sind Freunde und Banditen. Obwohl sie nichts mit Drogen zu tun haben wollen, werden sie in eine Sache mit hineingezogen, die mit einer Leiche endet. Diese ist zwei Jahre später der Grund wieso Beniaminos Freundin Sylvie, die Bauchtänzerin, entführt wird. Die drei Freunde lassen nichts unversucht um Hinweise auf ihren Aufenthaltsort zu finden und geraten dabei an die Mafia und korrupte Polizei.

Meine Meinung: Der Ich-Erzähler Marco führt durch die komprimierte Geschichte, die bei 180 Seiten dem Leser keine Zeit lässt sich in Ausschmückungen von Landschaft oder Details auszuruhen, da Carlotto auf solche verzichtet. Ab der ersten Seite ist jeder Name und jedes Ereignis wichtig für den Verlauf des Buches. Man erhält Einblicke in die Welt der Mafia und Kleinkriminellen. Die drei Freunde sind trotz ihrer kriminellen Ader sehr sympathisch und einige Samaritertaten verstärken dieses Gefühl.

Fazit: Ein schnelles, aber sehr empfehlenswertes Lesevergnügen um das Leben, die Liebe und die Freundschaft von Kleinkriminellen in der Welt der Mafia.

07.08.2011 14:25:52
Daniela

Massimo Carlotto mag vielleicht in Italien ein Star sein, aber mit seiner Geschichte "Banditenliebe" hat er mich nicht überzeugen können.
Von Anfang an hatte ich Probleme in die Geschichte reinzufinden. Schon zu Beginn wurden zu viele Personen mit italienischen und slawischen Namen, die ich nicht zuordnen und mir nicht merken konnte, in die Geschichte eingebracht. Außerdem ist der Roman weniger eine richtige Geschichte, sondern mehr eine Aneinanderreihung von Geschehnissen ohne wirkliche Handlungsbeschreibung.
Auch die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen serbischen und kosovarischen Mafien konnte ich nicht unterscheiden und am Ende wollte ich das Buch einfach nur noch zu Ende bringen ohne es wirklich verstanden zu haben. Das Lesevergnügen blieb auf der Strecke und mich hat das Buch eigentlich nur enttäuscht.

03.07.2011 13:40:49
subechto

Was geschah mit Sylvie?

Banditenliebe von Massimo Carlotto erzählt die Geschichte der Bauchtänzerin Sylvie. Im Oktober 2006, auf dem Weg vom Friseur zu ihrem Liebsten, wird sie in einen Lieferwagen gezerrt und auf offener Straße entführt. Ein wichtiges Indiz ist ein Siegelring, den der Entführer in Sylvies Auto zurück lässt.

Marco Buratti, genannt der Alligator, ein ehemaliger politischer Gefangener, jetzt Privatdetektiv ohne Lizenz, sieht sich gezwungen, zusammen mit seinem Partner und Freund Max La Memoria sowie Sylvies Lebensgefährten Beniamino Rossini, sie zu suchen, denn er erinnert sich, dass dieser Ring im April 2004 bei einem Auftrag schon einmal eine Rolle gespielt hat.

Damals verschwanden aus dem rechtsmedizinischen Institut der Stadt Padua größere Mengen Betäubungsmittel. Der Alligator, Max und Rossini hatten in dem Fall ermittelt, bei dem auch ein geheimnisvoller Unbekannter zu Tode kam.

Zwar können die Freunde Sylvie befreien, aber zur Ruhe kommen sie nicht, denn die Tänzerin ist auch 2 Jahre danach noch körperlich und seelisch traumatisiert. Und so beschließen die Drei, sich an den kosovarischen Entführern und der geheimnisvollen Greta zu rächen...

Wie immer in Carlottos Romanen, geht es um Gangster und die Mafia. Seine Themen sind Drogen- und Frauenhandel sowie Geldwäsche. Schauplatz ist - wie so oft - Padua und der Nordosten von Italien. Zum Showdown mit überraschendem Ende kommt es aber diesmal in Paris.

Banditenliebe hat mir wieder gut gefallen. Von wegen „Bella Italia“. Was Roger Smith für Südafrika, ist Massimo Carlotto für Italien. Zudem ist die Geschichte des Alligators die Geschichte seiner eigenen Vergangenheit! Carlottos klare Sprache, gewürzt mit einer Prise Ironie, findet deutliche Worte für dieses korrupte Land. Aber es gibt auch Hoffnung, denn Banditenliebe ist auch die Geschichte einer Freundschaft...

Fazit: 5* und meine unbedingte Leseempfehlung!