Müllers Morde

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Argument, 2011, Seiten: 320, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Die beiläufige Kunst des Mordens und Erzählens

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Mai 2011

Der Mörder heißt Müller und die Geschichte beginnt klassisch mit Herrn Müllers erstem Mord. An einem Vulkansee in der Eifel findet man eine tote Kuh und einen toten Manager der ENERGIE, beide an Kohlendioxid erstickt, was schon mal vorkommen kann, wenn es in der Tiefe noch gefährlich brodelt und gast. Der Fall wandert umgehend zu den Akten, doch der Leser weiß: Müller war's. Der Freund des Toten, ein Anwalt namens Welsch-Ruinart, hat zumindest den Verdacht, hier sei dem Schicksal nachgeholfen worden und engagiert den Historiker und Antiquitätenhändler Richard Romanoff für weitere Ermittlungen. Der ist störrisch, weil kein Detektiv. Dubiose Relikte ebenso dubioser Liebhabereien (Atlantis und ähnliche Mythen) reicher Leute kann er aufstöbern, aber einen Mörder? Romanoff ist nicht mehr ganz jung, aber er braucht das Geld dennoch und macht sich fluchend ans Werk.

Und so weiter. Für Freunde des lockeren Nacherzählens könnte man nun die Story in ihren Umrissen ausbreiten, die titelgebenden Morde des Herrn Müller ebenso wie den Strudel, in den der zunächst ahnungslose und wenig auf die Sache konzentrierte Romanoff gerät und die ihn auf fatale Weise zu einem Werkzeug des diabolischen Mörders macht. Das alles wäre schon ausreichend, um den Roman deutlich über den traurigen Durchschnitt dessen zu hieven, was uns gemeinhin als "Krimi" vorgesetzt wird. Sprachlich spielt Monika Geier eh in der Champions League, wie man es in jedem ihrer Vorgängerkrimis mit der Kommissarin Bettina Boll nachlesen kann (die hier, das zur Information, mit einem Kurzauftritt in das Geschehen eingreift). Ihre Geschichte entwickelt sie gewohnt souverän und detailliert, kein Wort zuviel, keines zu wenig, alles mit einer Beiläufigkeit, die Stück für Stück die Geschichte hinter der Mordgeschichte freilegt. Also beginnen wir von vorne.

Es war einmal ein Mörder, der sich Müller nannte. Er agierte wie ein Genie des Verbrechens, beherrschte die digitale Kunst des Computerhackens, hielt sämtliche Fäden in der Hand und arbeitete zielstrebig auf etwas hin, von dem sich die Leser erst nach und nach ein vages Bild machen können. Es war auch einmal ein ergrauter und beruflich nicht sonderlich erfolgreicher Historiker namens Dr. Romanoff, der seine Haare lang trug und außerdem schwer an einem Trauma aus seiner Jugend. Er konnte nicht erwachsen werden, nichts ging voran. Jetzt aber treffen sich die beiden so unterschiedlichen Protagonisten und alles kommt in Bewegung. Aus dem selbstsicheren Killer Müller wird ein kleiner panischer Handlanger, ein biederer Kleinbürger, dessen kriminelle Welt immer mehr auf das Format des Läppischen zusammenzurrt. Der unsichere Romanoff hingegen wird ein Mann, der sich selbst begegnet und nicht mehr wiedererkennt. Der homosexuelle Neigungen bei sich akzeptiert, sich den Katastrophen seiner Jugend stellen muss. So etwas nennt man auch Psychogramm und das gerät in der Regel fürchterlich daneben, weil vorhersehbar und banal, wie aus einem Lehrbuch Psychologie für Anfänger abgekupfert. Nicht so bei Monika Geier, die auch ihr Nebenpersonal liebevoll skizziert. Und indem sie das tut, entstehen gleichzeitig Soziogramme, entsteht die Welt der Armen und Reichen, der Trickser und Ausgetricksten. Wunderbar etwa, mit welch minimalistischer Kunst die Autorin eine Familie zeichnet, die ein dunkelhäutiges Mädchen als passendes Accessoire zur eher blassen leiblichen Tochter adoptiert hat. Aus solchem Stoff basteln andere ebenso längliche wie langweilige Romane mit extra viel "Botschaft", bei Geier setzen sich solche Skizzen sozusagen en passant im Kopf der Leser fest und breiten sich aus.

Ganz nebenbei lernt man auch etwas, über "Karussellgeschäfte" etwa oder dass Karl der Große möglicherweise gar nicht gelebt hat. Man lernt auf jeden Fall, dass das Leben nicht immer so makellos endet wie Kriminalromane. Am Ende wird eben gar nichts "gut". Die Sauereien gehen munter weiter, die Verbrechen bleiben ungesühnt, unser Herr Müller erhält seinen richtigen Namen, aber das wärs denn auch schon mit den herrlichen Gewissheiten. Die wichtigste Erkenntnis für den Liebhaber des Genres ist jedoch die: Die Kunst des Erzählens ist die Kunst, eine Geschichte eher beiläufig zu entwickeln, "organisch", wie man so sagt. Die bekannten Elemente werden fleißig genutzt, es gibt eine Menge Action und Suspense, wohldosierten, ziemlich trockenen Humor – und es gibt den willkommenen Mehrwert einer Geschichte, an der man sich als Leserin und Leser selbst aufs Schönste die Zähne – nein, nicht ausbeißen, sondern schärfen kann. Und es gibt so etwas wie eine Vision. Die einer halbwegs gerechten Krimiwelt, in der Monika Geier mit ihrer Kunst endgültig über das Chichi der biederen Bestsellerbastelei triumphiert. Soll ich mich mal weit aus dem Fenster lehnen? Okay. Ich prophezeie, dass man Müllers Morde dereinst als Pflichtlektüre für alle Menschen mit Krimischreibambitionen empfehlen wird, als Musterbeispiel für spannende und gehaltvolle Literatur, die ihre Konsumenten nicht als lediglich unterhaltungswütige Denkfaule sieht und entsprechend "bedient". Ja, stimmt schon, das ist eine sehr unwahrscheinliche Vision. Aber mit jedem Leser, jeder Leserin, die sie mit mir teilt, wird sie realistischer.

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