Der Regler

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Detlef Bierstedt
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2012, Seiten: 335, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2013, Seiten: 379, Originalsprache

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Jürgen Priester
Nu pagadi Warte, nur!

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2011

"Nu Pagadi" heißt das hochdotierte Rennpferd, mit dem sein Eigentümer auf dem Weg von Berlin nach München ist. Das sensible Tier zeigt seine enormen Steherqualitäten nicht nur auf dem Rennplatz, sondern auch im Pferdetransporter. Muss es doch Stunde um Stunde mit einer blutenden Leiche zubringen. (Wie die Leiche dahinein gekommen ist, fragen wir besser nicht.) Erst kurz vor München zeigt der edle Vollblüter Zeichen von Unruhe, worauf der stolze Besitzer sich genötigt sieht, mal nachzuschauen. Er entdeckt eine männliche Leiche, der beide Augen entfernt worden sind mit einer Eiskugelzange, wie die spätere Obduktion zeigen wird. Präzisionsarbeit von einem Profi mutmaßt die Gerichtsmedizinerin. Könnte das der Auftakt zu einer Mordserie sein, bei der der Täter es auf die Augen der Opfer abgesehen hat? Ein Augensammler? "Nu Pagadi" kommt aber aus dem Russischen und bedeutet in etwa: Na, warte! Diese kurze Botschaft erreicht Gabriel Tretjak, einen Mann, für dessen berufliche Tätigkeit es keinen Namen gibt.

Erstellte man ein Berufsbild von Tretjaks Arbeit, läge man mit einer Mischung aus Privatdetektiv und Erpresser richtig. Wie man an seinen Kontoeingängen sehen kann er hat eine Steuerprüfung im Haus ist das ein äußerst lukrativer Job. Seine Klienten sind Minister, Abgeordnete, Firmenchefs, Ärzte und die Ehefrauen betuchter Männer. Leute, die zu bequem sind oder denen es unangenehm ist, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen wie z.B. einen missliebigen Angestellten zu feuern, der Konkurrenz Aufträge abzujagen oder eine Scheidung durchzudrücken. Gabriel Tretjak regelt das für sie, deshalb wird er auch Der Regler genannt.

Der regelnde Tretjak kümmert sich selber um alles. Ganz stolz betont er die Exklusivität seines Ein-Mann-Unternehmens. Man staunt nicht schlecht, wie weit sein Einfluss reicht oder was er in 24 Stunden so alles geregelt kriegt, obwohl er sich Tag für Tag mit Psychopharmaka zudröhnt. Trotzdem läuft es bestens für ihn, bis er in Sri Lanka während eines Arbeitsessens mit einem Klienten eine telefonische Mitteilung erhält: Sieger im vierten Rennen, Pferd Nummer 6, Nu Pagadi. Tretjak hält das zuerst für eine Verwechselung, aber zurück in München wird er von der Polizei befragt. Das Handy, mit dem ihm die seltsame Mitteilung übermittelt wurde, lag neben der Leiche. Tretjak muss feststellen, dass er den Ermordeten gut kannte. Diese Tatsache leugnet er vor der Polizei; merkt aber, dass er sich so verdächtig macht. Kurze Zeit später verschwindet auch noch seine argentinische Putzfrau. Eine zweite Leiche mit den gleichen Verletzungen wie der Mann im Pferdetransporter wird in Bozen entdeckt. Wieder jemand, den er kannte. Gabriel Tretjak, nun doch spürbar verunsichert, merkt, dass sein eigenes Leben gar nicht so gut geregelt ist, wie er glaubte, dass ihn die Vergangenheit einzuholen scheint.

Mit den polizeilichen Ermittlungen ist der Münchener Kommissar August Maler, ein abgeklärter, aber nicht abgestumpfter Routinier betraut. Der erste Leichenfund macht ihm schwer zu schaffen. Die blutigen Tagträume, die sein Herz strapazieren, kehren zurück. Er steht aber auch vor einer kniffeligen Ausgabe. Es gibt zu viele Verdächtige, die alle irgendwie mit Tretjak verbandelt sind. Und Tretjak selbst ist auch noch nicht aus dem Schneider. Wer dann am Ende für all die Grausamkeiten verantwortlich war, ist eine deftige Überraschung.

Der Regler ist der erste Roman von Max Landorff, einem Pseudonym, hinter dem sich eine oder zwei Person(en) verstecken. Erschienen ist Der Regler beim Scherz/Fischer- Verlag im großformatigen Klapper-Broschur mit minimalistischem Design. Im Vorfeld der Veröffentlichung hat es auf Facebook eine Leserunde mit einer Verlosung von Freiexemplaren gegeben, welche dem Buch sicherlich ein dankbares Feedback bescherten. (Oh ich auch *freufreufreu* Das ist viel besser als Waschpulver testen :) Danke!) Nun, gut!

Bei einer ernsthaften Betrachtung entdeckt man einige Ungereimtheiten, die dem versierten Krimi-Leser sauer aufstoßen können. Thrillerfreunde sind ja in dieser Hinsicht toleranter. Aus kleinen Schnitzern in Logik oder Plausibilität drehen sie keinem Autor einen Strick. Wie nun die Leiche in den Pferdetransporter kam, ist letztendlich nicht von großer Bedeutung. Schwerer wiegt da schon das unglaubwürdige Ende. Das ist, als wenn man einen Elefant sucht und eine Maus findet. Die mickrigen Motive stehen in keinem Verhältnis zu den begangenen Taten. Schade, dass man das hier nicht weiter vertiefen kann. An sich hat Landorffs Geschichte einen guten Unterhaltungswert. Es gibt Hirnforschung, Psychologie und Physik für Anfänger und Fortgeschrittene leicht dozierend vorgetragen - ein bisschen Sternkunde, Münchener Lokalkolorit und Ausflüge ins malerische Südtirol. In Nebenhandlungen begegnet uns viel menschliches Leid der Kommissar, die Frau mit dem problematischen Sohn. Nur bleiben die Personen so unnahbar; sie berühren nicht. Die meisten auftretenden Personen, einschließlich des Helden, sind recht unsympathisch. Eine Ausnahme ist vielleicht die Steuerprüferin Fiona Neustadt, die wenigstens einen Hauch von Gefühl zeigt, für die man sich dann gleich auch erwärmen kann.

Auch wenn Max Landorff versucht, seinem Thriller ein intellektuellen, tiefsinnigen Anstrich zu geben, ist nur Oberflächliches herausgekommen. Die bemühte Intellektualisierung ist reine Makulatur und dient nur dazu, den fadenscheinigen Beruf des Helden aufzuwerten. Gabriel Tretjak ist ein Expertokrat, der gut zu seiner Klientel passt, mit dem man privat nichts zu tun haben möchte, mit dem man aber einige Stunden Lesezeit verbringen muss. Der Regler ist ein Allerwelts-Thriller, der sich kaum aus der Masse der Veröffentlichungen herausheben wird. Das gilt im Positiven wie auch im Negativen. Mit den thrillertypischen Ungenauigkeiten behaftet und mit einem schwachen Schluss ist ihm trotzdem ein gewisser Unterhaltungswert zu attestieren. Nur den Thrill wird man vergeblich suchen.

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