Des Dreiecks vierte Seite

Erschienen: Januar 1965

Bibliographische Angaben

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in jenem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehen geblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; ein stadtbekannter Säufer ist am Rande eines Sumpfes verschwunden.

Diesen Tom Anderson hat Queen gekannt und gemocht. Als plötzlich Rima, die elfenhafte Tochter des Verschollenen, in New York auftaucht und ihn um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt er sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen rasch, dass die genannten seltsamen Vorfälle alle einen Faktor gemeinsam haben: Dr. Sebastian Dodd, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen von 5.000 Dollar als Starthilfe für ein neues Leben gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Aber besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest ...

"... und raus bist Du"! ist der letzte der "Wrightsville"-Romane. In "The Devil to Pay" (1938, dt. "Des Teufels Rechnung") hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging einher mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur. Queen wurde "erwachsen"; er ließ seinen knorrigen Vater zurück und arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegenstrebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in "Calamity Town" (dt. "Schatten über Wrightsville") zum ersten Mal nach Wrightville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: "The Murderer Is a Fox", dt. "Der Mörder ist ein Fuchs"; 1948: "Ten Days Wonder", dt. "Der zehnte Tag"; 1950: "Double, Double"!) und kehrte auch später manchmal zurück.

Wrightsville ist scheinbar das gute, das alte, das intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem platten Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der "richtigen" Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.

"... und raus bist du!" demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser "Typen" gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zuviel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) "erneuerte" Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das "Goldene Zeitalter" des klassischen "Whodunit"-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.

Das "ausgestopfte Hemd" der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentleman (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Rima Anderson ist - Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort - zunächst weniger ein "reale" Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus W. H. Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker "Green Mansions" von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Tritte) eine ganz "normale" junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt; dies ist einer dieser Handlungs- Nebenstränge, die vermutlich gar nicht auffallen.

Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der "Philosoph", verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es immer weiter, eine Galerie zwiespältiger Zeitgenossen, wie es der Roman-Originaltitel bereits andeutet.

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Sheila ist berechnend und eiskalt, in der Liebe wie im Beruf. Sie zieht New Yorks reiche Frauen an, und die reichen Männer ziehen sie aus. Das ist Gold wert - oder Blei. Denn eines Tages wird Sheila in ihrer Wohnung erschossen aufgefunden, und der wohlhabende Ashton McKell ist der Tat dringend verdächtig. Jetzt können nur noch Inspektor Queen und Sohn Ellery helfen. Mit scharfsinniger Akribie sammeln sie Indiz für Indiz, bis plötzlich das Bild des Mörders erkennbar wird...

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Letzte Kommentare:
13.04.2009 19:44:21
Rolf Wamers

Ein "Queen" - nicht von Dannay und Lee. Dass Ellery Queen-Romane von Ghostwritern geschrieben wurden (was erst Jahre später bekannt wurde), mag für den Fan ärgerlich sein. Anerkennen muss man aber, dass die Auswahl dieser "Lohnschreiber" hervorragend war. Dieses Buch ist ein gutes Beispiel dafür - und nicht das einzige.

05.07.2008 22:21:25
grammofix

Weit weniger skurril als die Geschichten aus der Frühzeit, aber trotzdem eine dramaturgisch raffiniert aufgebaute Story - und logisch bis zum Schluss (für Verfechter dieser Richtung ja das A und O). Witzig, dass Ellery Queen vom Lehnsessel mit eingegipsten Beinen operieren muss. Besonders die abrupten Wendungen auf den letzten Metern machen viel Spaß. Sehr zu empfehlen!

22.01.2006 11:37:12
Shellingford

Wieder ein gelungener Queen-Roman! Er ist leicht verdaulich, es wimmelt von Wendungen, man fiebert mit und liegt doch immer falsch. Eigentlich sind alle Queen-Romane super, aber viele sind komplexer. Dieser Roman ist etwas für ein tristes Wochenende. 90°