Drachenzähne

Erschienen: Januar 1958

Bibliographische Angaben

  • New York: Frederick A. Stokes Company, 1939, Titel: 'The Dragon`s Teeth', Seiten: 325, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1958, Seiten: 191, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1973, Seiten: 175, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1981, Seiten: 175, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1997, Seiten: 175
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2000, Seiten: 175, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009, Seiten: 239, Übersetzt: Lola Humm-Sernau

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Michael Drewniok
Das meint Krimi-Couch.de: Liebe & Leichen in einem Krimi aus der guten alten Zeit

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Eine junge Frau erbt ein ansehnliches Vermögen, das sich finstere Gestalten gar zu gern unter den Nagel reißen möchten. Sie schrecken vor Mord keineswegs zurück, was den Detektiv, der besagte Dame bewacht (und sich prompt in sie verliebt), mehr als einmal vor Probleme stellt, zumal die Geliebte mit rauchendem Revolver über der Leiche ihrer Nebenbuhlerin gefunden wird ... Eine ungewöhnliche Episode der Ellery-Queen-Serie: Der Detektiv tritt lange nur als Randfigur in einer Romanze auf, in die sich erst nach und nach Krimi-Elemente mischen. Das Ergebnis kann nur teilweise überzeugen, da der Zahn der Zeit tüchtig an der kitschigen Lovestory genagt hat. Trotzdem lesenswert, weil in der zweiten Hälfte genial zu den Tugenden des klassischen "Whodunit?” zurückkehrend und interessant wegen der Bereitschaft der Autoren, ihre Hauptfigur aus dem bekannten Plotschema ausbrechen zu lassen.

Ein Opfer bestellt seinen Rächer

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist vor allem der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen.

Der schwerreiche, leicht verrückte bzw. arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen durch die Karibik angeblich vom Schlag getroffen. Seltsam nur, dass er kurz zuvor Ellery Queen engagiert hat, um sein sehr ungewöhnliches Testament vollstrecken zu lassen. Er ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachtete, wollte Queen aber keine Details verraten.

Mr. Queen X 2

Ellery müsste auf Schloss Tarrytown, Coles palastartigem Anwesen am Fluss Hudson, nach Spuren forschen, doch seine Gesundheit gestattet es nicht. Glücklicherweise ermittelt er seit einiger Zeit nicht mehr allein: Beau Rummell, ein junger Kriminalist, konnte ihn überreden, mit ihm eine Detektivagentur zu gründen. Notgedrungen schickt Ellery nun seinen Eleven aus, der an der "Front” unter seinem Namen ermittelt.

Rummell ist eifrig aber unerfahren. Außerdem ist er wie gesagt jung, was sich negativ auf seine Objektivität auswirkt, als sich die Nutznießer - und Hauptverdächtigen in einem möglichen Mordfall Cole - des gewaltigen Vermögens als zwei hübsche Frau entpuppen. Kerrie Shawn ist redlich und nett, Margo Cole eine laszive Schlange. Klar, dass Rummell sich umgehend in Kerrie verguckt. Um des Falles willen erweckt er jedoch den Eindruck, der mannstollen Margo den Hof zu machen. Diese steckt womöglich hinter diversen Mordanschlägen, mit denen Kerrie - ihre Miterbin - aus dem Weg geräumt werden soll, worauf ihr Anteil der Überlebenden zufiele.

Geld futsch & verhaftet wg. Mordes

Kerrie verlässt Tarrytown und heiratet ihren Beau. Die wütende Margo folgt ihr und stellt sie zur Rede. Es kommt zum Streit, Margo sinkt tot zu Boden, Kerrie wird mit rauchendem Revolver über der Leiche gefunden. Sie behauptet, die Schüsse seien durch das Fenster gekommen, die Waffe ihr zugeworfen worden. Inspector Richard Queen, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, kann das nicht recht glauben. Der verzweifelte Beau ruft Ellery Queen zur Hilfe, der sich in einen Fall verwickelt sieht, der wesentlich verzwickter ist als er den Beteiligten zunächst erscheint ...

Versuch einer Kreuzung: die "Kriminalromanze"

Der Roman "Die Drachenzähne” konfrontiert die Ellery-Queen-Fangemeinde mit einer zunächst verwirrenden Neuerung: Wir lesen hier nicht nur eine der kurios verwickelten Mordgeschichten, die wir kennen und lieben, sondern auch oder sogar vor allem eine "Kriminalromanze”. Einer Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen - die Dame des Herzens könnte Opfer eines Komplotts, aber auch Mörderin sein - wird mindestens ebenso Raum geschenkt wie dem eigentlichen Plot um das mysteriöse Ende eines exzentrischen Multimillionärs.

Das mag in den 1930er Jahren von Erfolg gekrönt worden sein; heute erweist sich die Mixtur als reichlich schal. Die Verfolgung und Rettung der unschuldigen Schönen hält sich ein wenig zu deutlich an ein Schema, das längst von der Zeit überrollt wurde. Die Frau der Gegenwart lässt sich nicht mehr für so dumm wie Kerrie Shawn verkaufen, die ohne die Unterstützung ihres Beaus und anderer starker Männer mehr als einmal ob ihrer geradezu aggressiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit ein düsteres Schicksal ereilen würde.

Ellery übernimmt das Steuer wieder

Die Handlung kommt in Schwung, als sich endlich ein echter Mord ereignet und das Gespann Richard & Ellery Queen das Heft in die Hand nimmt. Das Geschehen konzentriert sich jetzt mehr und mehr auf die Ermittlungen. Der alte Zauber der Ellery-Queen-Krimis kommt voll zur Wirkung: In atemberaubendem Tempo werden völlig logische Lösungen präsentiert, um umgehend verworfen und durch neue Geistesblitze ersetzt zu werden. "Whodunit?” - Das ist die Frage, die über Gedeih und Verderb eines Queen-Thrillers entscheidet. Hier kann man nur bewundernd zugestehen: In letzter Sekunde fabelhaft die Kurve gekriegt! Ellery löst das Rätsel, und wie es sich gehört, ist der Täter derjenige, auf den wir nie getippt hätten.

Der eigenartige Titel spielt übrigens auf eine antike Sage an und wird uns von Ellery Queen persönlich erläutert: Einst musste der griechische König Kadmos sich einer Reihe gefahrvoller Prüfungen unterziehen. Unter anderem säte er Drachenzähne. Aus jedem erwuchs eine Gefahr. Diesem Beispiel ist seine "Reinkarnation” Cadmus Cole - der im Verlauf der Handlung als echter Mistkerl demaskiert wird - mit seinem Testament gefolgt, welches seinen Erben leicht den Tod, auf jeden Fall aber Unglück & Unzufriedenheit bringen kann.

Kein Beau ersetzt Mr. Queen

Ein Ellery-Queen-Roman ohne Ellery Queen? Ein Blinddarm-Durchbruch reißt unseren Helden zu einem recht frühen Zeitpunkt aus der Handlung, in die er als Genesender erst in der zweiten Hälfte (aber inkognito) zurückkehrt. Ihn ersetzt (oder soll ersetzen) Beau Rummell, ein junger, höchst eifriger Mann, der grundsätzlich das Zeug zur Hauptfigur hat. Kriminalistisch ist er als Sohn eines Polizisten einschlägig vorbelastet, Jura hat er studiert. Als Privatdetektiv lernt er rasch dazu.

Privat weist Rummell jene Eigenheiten auf, die ein guter Schriftsteller einem Serienhelden unauffällig aufprägt, um ihn unverwechselbar zu machen. Ellery Queen (gemeint ist dieses Mal der Autor) schlägt ihn mit einem unmöglichen Namen: Beau Brummell (1778-1840) gehört zu den großen Exzentrikern der Geschichte - ein Mann, der bis zum Exzess sein Leben der Mode und seiner Erscheinung gewidmet hat und sprichwörtliches Vorbild für einen putzsüchtigen Lackaffen geworden ist.

Klar, dass der unglückliche Rummell als kerniger US-Amerikaner seine Jugendjahre damit verbringt Spötter zu vertrimmen und darüber groß und stark wird. Im Jahre 1939 ist er so weit den Versuch zu wagen, in Ellery Queens (jetzt gemeint ist der Detektiv) Fußstapfen zu treten.

Auf zu neuen, goldsandigen Ufern!

Wieso hat Queen (der Schriftsteller - ich weiß, es ist verwirrend!) seinen bekannten Helden quasi "verdrängt”? Der Hauptgrund wird sicher der Versuch gewesen sein, neue Wege zu beschreiten. 1939 ermittelte Ellery Queen bereits ein Jahrzehnt. Er hatte eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt, die ihn zu Recht berühmt und beliebt beim lesenden Publikum gemacht hatten. Dessen Erwartungen waren hoch und naturgemäß schwer zu befriedigen; welcher Serienheld steht nicht vor dem Dilemma, sich jedes Mal steigern und selbst übertreffen zu müssen?

Einen Ausweg bietet ständiger Kulissenwechsel. Das ist riskant, denn Serienhelden dürfen sich nicht oder doch nur langsam ändern. Ihre Beliebtheit basiert zu einem guten Teil auf ihrer beruhigenden Berechenbarkeit, auf die der Fan ungern verzichtet. Frederic Dannay und Manfred B. Lee (die Schöpfer von Ellery Queen) zeigten sich hier erstaunlich mutig. In vier Jahrzehnten veränderten und modernisierten sie ihren Detektiv fast unmerklich oder so geschickt, dass die Fans willig folgten. Außerdem experimentierten sie mit ihrer Figur, vertrauten sie anderen Schriftstellern an - oder rückten sie in den Hintergrund, wo sie den ganz hartgesottenen Queen-Freund durch eine ansonsten Queen-fremde Story führte.

"Drachenzähne” ist folglich eher ein Beau Rummell-Roman. Der ist nicht an die längst fixierten Queenschen Charakterzüge und Verhaltensweisen gebunden. Deshalb können ihn die Autoren auch in eine "richtige” Liebesgeschichte verwickeln, während der Ellery dieser Jahre zwischen weibfreier Denkmaschine und charmantem Frauenliebling mit Bindungsängsten changiert.

Als Frauen noch Damen waren ...

Die Lovestory zwischen Beau & Kerrie fällt zudem in eine Phase, in der Hollywood Ellery Queen (das Autorenduo und die Figur) entdeckt hatte. Da Herzschmerz dort seit jeher als verkaufsförderlicher erachtet wird als Hirnschmalz, kamen die durchaus kundenorientierten und geschäftstüchtigen Dannay & Lee den Studios entgegen. (Auch die Verfilmungen der älteren, literarisch eher dem "Fall” verhafteten Queen-Romane weisen entsprechende Romantik oder Seifenoper-Elemente auf.)

Was für Kerrie Shawn die fatale Konsequenz hat, dass sie uns hier wie bereits gesagt als zeitgenössisches Exemplar des weiblichen Geschlechts unter die Augen tritt: ein notgedrungen selbstständiges "Mädchen” (so der O-Ton), das sogleich an die breite Brust des ersten Ritters sinkt, sobald der sich endlich sehen lässt, bzw. zuverlässig ohnmächtig wird, wenn Gefahr dräut, um genanntem Ritter die Möglichkeit für mannhaften Einsatz zu bieten. Völlig passiv lässt sich Kerrie zwischen Ritter, Polizei, aufdringlichen Schurken und anderem Mannsvolk hin- und herschieben, weint viel und ist auch sonst eine üble Landplage, wie sie uns Ellery Queen (jetzt wieder das Autorenduo) hier präsentiert. Merke: Nicht immer gleicht Nostalgie jeden Anachronismus aus!

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