Endzeit

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • London: Bloomsbury, 2009, Titel: 'The rapture', Seiten: 341, Originalsprache
  • München: DHV - Der Hörverlag, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Andrea Sawatzki

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Silke Wronkowski
Apocalypse no… naja, später halt.

Rezension von Silke Wronkowski Apr 2011

Eine Klinik für gewalttätige, psychisch-kranke Jugendliche im Süden Englands, eine Therapeutin, die durch einen Unfall querschnittsgelähmt ist, eine 16-jährige, die vor zwei Jahren ihre Mutter umgebracht hat, ein Physiker, der seine Karriere aufs Spiel setzt und eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. Und nur das schmächtige, kleine Gör Bethany kennt die Zusammenhänge und weiß vor allem wann genau Doomsday an die Tür klopft.

Dr. Gabrielle Fox ist seit einem Autounfall vor zwei Jahren, bei dem sie ihre große Liebe Alex und ihr ungeborenes Kind verloren hat, an den Rollstuhl gefesselt. Eine irreparable Lähmung hüft-abwärts muss auch eine studierte Psychotherapeutin erst verkraften um dann nach erfolgter Therapie und Reha festzustellen, dass ihr berufliches Können nicht mehr wirklich gefragt, ja sogar in Frage gestellt wird.

So findet sie sich in dem beschaulichen Küstenstädtchen Hadport wieder, als Gestalttherapeutin am "Oxsmith Adolescent Secure Psychiatric Hospital", dem landesweiten Abstellgleis für die hundert gefährlichsten Kinder des Landes. Und das auch nur, weil ihre Vorgängerin Dr Joy McConey – beschönigend ausgedrückt – beurlaubt wurde. Die Neue muss nehmen, was übrig bleibt und sich im Kollegium behaupten, deshalb hat sie auch gleich die von ausnahmslos allen Kollegen in der Klinik als untherapierbar abgestempelte Bethany in ihrer Patientenkartei.

Bethany Krall, sechszehn Jahre, Tochter des Predigers Leonard Krall, höchstgradig destruktiv und aggressiv, hat ihren Aufenthalt in Oxsmith dem Mord an ihrer eigenen Mutter und der damit einhergehenden Amnäsie zu verdanken. Jedoch kann sich niemand so recht erklären wie dieses zierliche Persönchen ihre eigene Mutter auf solch bestialische Art, noch dazu mit einem Schraubenzieher, hat umbringen können. Nahezu zwei Jahre therapiert und experimentiert man vergeblich an dem Kind. Bethany versucht sich mehrfach das Leben zu nehmen, verweigert jegliche Nahrung, bis hin zu der Erklärung, sie verfaule bereits innerlich.

Erst da beginnt man mit einer sogenannten Elektrokonvulsions- therapie – EKT – bei der der Patientin unter Vollnarkose ein paar Volt durchs Gehirn gejagt werden. Bei Bethany mit dem erstaunlichen Ergebnis der Besserung: Sie isst, spricht, erinnert sich – verweigert aber jegliche Antwort auf Fragen zu dem Mord an ihrer Mutter – und beginnt fortan mit verworrenen Weissagungen vom Ende der Welt.

Zusammen mit dem Physiker Dr. Frazer Meville – in den sie sich nebenbei Hals über Kopf verliebt - ordnet Gabrielle Fox Bethanys wirre Notizbücher, Zeichnungen, Striche und Worte, bis auch sie, wie zuvor die beurlaubte Ärztin Joy McConey, anfangen zu glauben, denn aufs Datum genau prophezeit Bethany Naturkatastrophen jeglicher Couleur. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn es bleiben nur noch wenige Wochen bis zu Bethanys letztem rätselhaften Bild:

 

"Kannst du mir sagen, was diese senkrechte Linie bedeutet?" […] "Es ist hohl", sagt sie leise. […] "Unterirdisch. Ganz weit runter, richtig tief unter der Haut." Ihre Augen scheinen sich nach innen zu kehren. "Es gräbt sich nach innen, und dann explodiert es, und alles platzt auf, und kawumm."

 

Liz Jensen ist eigentlich kein unbeschriebenes Blatt, hat sie doch in England zwei Handvoll Bücher, in Deutschland immerhin mit Endzeit ihr Viertes veröffentlicht. Allerdings erkennt man hier ziemlich schnell, dass sie noch auf der Suche nach einer Richtung zu sein scheint: Ein genforschender Gynäkologe, ein vermutlich bereits totes (oder untotes) Kind und eine hübsche Dänin, die zweihundert Jahre durch die Zeit reist. Allen Protagonisten gemein ist etwas "Phantastisches", etwas Unerklärliches, auf das man sich aber einlassen muss, denn sonst wirkt auch eine rotzfreche Bethany, die einem an der Nasenspitze die dunkelsten Geheimnisse ansieht, wie ein recht unglaubwürdiger Freak und das ganze Buch macht keinen Sinn.

Der englische Titel Rapture verweist erheblich deutlicher auf den religiösen Rahmen, die Apokalypse, den Jüngsten Tag oder schlicht das Ende der Welt, das dann nach 300 von fast 400 Seiten auch eintritt. Bis dahin schifft Jensen ihre Leser durch eine ungewöhnliche Lovestory zwischen einem Wissenschaftler, der noch damit hadert von seiner Frau für eine Frau verlassen worden zu sein und einer Psychologin mit wenig Selbstwertgefühl, für die körperliche Liebe nur noch Kopfkino ist, da entscheidende Körperteile gefühllos bleiben.

Ach, ein Thriller war's ja auch noch. Selbstverständlich erfahren wir auch wie und vor allem warum Bethany ihre Mutter umgebracht hat. Vielleicht, weil man so lange darauf warten muss, findet man diesen kleinen Abschnitt dann tatsächlich grausam und spannend. Sprachlich gelingt der Autorin der Spagat zwischen fekallastiger Teeniesprache und naturwissenschaftlichem wie psychologischem Fachjargon, ökologische Zusammenhänge werden detailreich und anschaulich erklärt und das Ende der Welt mag man sich auch ähnlich actionreich und pompös vorstellen. Aber ein Krimi geht anders. Und spannend auch. Weltuntergang halt. Ein weiterer.

Und deshalb wird auch plötzlich völlig unwichtig, warum Bethany, die in einem Haus religiöser Fanatiker aufwuchs, ihre Mutter in dieser Nacht im April umbrachte, warum ihr Vater jeglichen Kontakt zu ihr meidet, und dass Gabrielle die einzige zu sein scheint, die sich mitfühlend auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Die "Entrückung" setzt allem ein Ende während eine Geisteskranke, eine gelähmte Psychologin und ein Wissenschaftler als ungewöhnliches Dreigestirn versuchen die Menschheit zu warnen.

Wer damit leben kann, dass eine 16-jährige die Zerstörung der Welt in einer Vision empfangen hat, dass Waterworld oder Tank Girl keine haltlosen Zukunftsszenarien sind und trotzdem ein gefühlsduseliges Happyend möchte, der sollte Endzeit lesen. Wer lieber wissen möchte, wie man jemandem effektiv einen Schraubenzieher ins Auge rammen kann, der sollte wohl eher zu einem anderen Buch greifen.

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