Der Monddiamant

Erschienen: Januar 1914

Bibliographische Angaben

  • Leipzig: Tauchnitz, 1868, Titel: 'The moonstone', Seiten: 342, Originalsprache, Bemerkung: 2 Bände
  • Stuttgart: Lutz, 1914, Titel: 'Der Mondstein', Seiten: 355, Übersetzt: Margarete Jacobi
  • Zürich: Fraumünster, 1942, Titel: 'Der Mondstein', Seiten: 224, Übersetzt: O. C. Recht
  • Berlin; Hamburg: Hera, 1949, Seiten: 282, Übersetzt: Siegfried H. Engel
  • Berlin: Neues Leben, 1963, Titel: 'Der Mondstein', Seiten: 358, Übersetzt: Günter Löffler, Bemerkung: gekürzt
  • Düsseldorf: Droste, 1966, Seiten: 308, Übersetzt: Siegfried H. Engel
  • München: Heyne, 1968, Seiten: 252, Übersetzt: Siegfried H. Engel
  • München: dtv, 1973, Seiten: 491, Übersetzt: Inge Lindt
  • Frankfurt am Main: Groverts-Krüger-Stahlberg, 1974, Seiten: 590, Übersetzt: Gisela Geisler
  • Stuttgart: Engelhorn, 1990, Seiten: 496
  • München: dtv, 2013, Seiten: 560, Übersetzt: Inge Lindt

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Almut Oetjen
Melodramatische Sensation im Fortsetzungsroman

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2011

Bei der Erstürmung der indischen Stadt Srinrangapattam erbeutet der britische Offizier John Herncastle im Jahre 1799 den gelben Diamanten, der im 12. Jahrhundert aus der Stirn der indischen Mondgott-Statue gebrochen und gestohlen wurde. Seitdem versuchen Generationen von brahmanischen Priestern, den angeblich fluchbeladenen Stein zurückzuholen. Der brutale Herncastle kehrt nach England zurück, wo er, von seiner Familie geschnitten, ein moralisch zweifelhaftes Leben führt. Den Diamanten deponiert er in einem Safe. Um sicher zu gehen, dass er von den Priestern nicht ermordet wird, verfügt er, dass der Stein im Falle seiner Ermordung zerschnitten und damit auf immer zerstört wird. Aus Rache für eine Schmähung, die ihm seine Schwester, Lady Julia Verinder, zufügt, vererbt er deren Tochter Rachel den Stein. Herncastle stirbt eines natürlichen Todes.

An ihrem folgenden Geburtstag im Juni 1848 bekommt Rachel in Anwesenheit ihrer Gäste den Stein von ihrem Cousin Franklin Blake überreicht. Als der Diamant am nächsten Morgen aus ihrem Zimmer verschwunden ist, fällt der Verdacht zunächst auf drei Inder, die sich als Gaukler ausgeben und sich auf dem Schlossgelände herumgeschlichen haben. Doch sie besitzen ein Alibi. Da Inspector Seegraves Ermittlungen stocken, bittet Franklin den berühmten Inspector Cuff von Scotland Yard um Hilfe.

Multiperspektivisches Erzählen

Der Monddiamant erschien als Fortsetzungsroman in All the Year Round von 4. Januar bis zum 8. August 1868 und ist nach Die Frau in Weiß Collins' berühmtester Roman. Das Handlungslabyrinth um den Diamanten setzt sich aus einer Sammlung von Berichten zusammen, erzählt aus verschiedenen Perspektiven. Jeder Erzähler berichtet nur das, was er selbst beobachtet hat, jeder weiß etwas mehr, jeder weiß etwas anderes. Mit jedem Wechsel dringt der Leser weiter ins Zentrum des Geheimnisses vor, wobei Collins es glänzend gelingt, die Auflösung des Falls spannungssteigernd hinauszuzögern.

In Auftrag gegeben und zusammengestellt werden die Berichte von Franklin, der als Amateurdetektiv das Verbrechen aufklären will, um sich zu entlasten und Rachel schließlich doch noch heiraten zu können. Bisweilen kommentiert er die exakt übernommenen Berichte und fügt außerdem Tagebuchaufzeichnungen sowie Briefe hinzu. Ein Epilog mit den Aussagen eines Polizeibeamten und eines Kapitäns sowie der Brief des Indienforschers Murthwaite komplettieren die Geschichte und klären den Leser über das weitere Schicksal der Inder und des Diamanten auf.

Jeder Erzähler hat ein persönliches Profil, insbesondere stechen der so loyale wie skurrile Hausverwalter Betteredge sowie die altjüngferliche Cousine Rachels, die religiöse Fanatikerin Drusilla Clack, heraus, deren Bericht die Vermutung nahelegt, dass sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, in Godfrey verliebt ist. Auch sonst gibt ihr Bericht einiges über sie preis, was ihr unangenehm sein muss. Die aus Armadale bekannte Ironie fehlt völlig, allerdings tritt hier mit Godfrey Ablewhite ein besonders perfides Exemplar des Heuchlers auf, der eine Doppelexistenz führt: nach außen hin mimt er den Philantropen, der für Frauenkomitees Geld sammelt, ist tatsächlich aber ein Krimineller, der zudem unter falschem Namen eine Villa bewohnt und sich eine Mätresse hält.

Mit Inspector Cuff erfand Collins einen melancholischen, logisch präzise denkenden Detektiv mit guter Beobachtungsgabe und einem Faible für die Rosenzucht, der als Vorbild für spätere Roman-Detektive diente. Mit Rachel Verinder hat Collins eine für viktorianische Verhältnisse ungewöhnlich starke, autonome und zu ihrer Liebe stehende Frauenfigur geschaffen, eine Verwandte Marian Halcombes (Die Frau in Weiß) und Lydia Gwilts (Armadale).

Collins mischt geschickt Melodramatik und Sensationalismus mit Romanze und Verbrechen. Übernatürliche Elemente werden angedeutet. Ob der Diamant tatsächlich fluchbeladen ist oder nicht, bleibt eine Glaubensfrage. Unbestritten ist, dass seinetwegen eine Reihe von grausigen Verbrechen geschehen, die sich jedoch als selbsterfüllende Prophezeiungen einordnen lassen. Mit der Figur des Betteredge, der in Defoes "Robinson Crusoe" ein prophetisches Werk sieht, übt sich Collins in ironischer Distanz zu eben dem Glauben an das Übernatürliche. Der Monddiamant war Collins' letzter großer Erfolg als Schriftsteller. Seinerzeit wussten die Leser nicht, dass die sensationalistische und beeindruckende Beschreibung der Opiumabhängigkeit ihren Ursprung in Collins' persönlichen Erfahrungen hatte.

Wilkie Collins hat mit Der Monddiamant einen der großen Klassiker nicht nur des Detektivromans geschrieben. In allerhöchsten Tönen gelobt von beispielsweise Dorothy L. Sayers und G. K. Chesterton, bietet die Geschichte, die sich aus mehreren Narrationen zusammensetzt, den Lesern die Möglichkeit, selbst zu kriminalisieren, während sie auf äußerst amüsante Weise unterhalten werden.

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