Ein Akt der Gewalt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Basingstoke: Macmillan New Writing, 2009, Titel: 'Acts of violence', Seiten: 280, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: David Nathan

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Wolfgang Franßen
Im Hof

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2011

Man kann es überall erleben, in der U-Bahn ebenso, wie auf der Straße im Supermarkt, im Bus oder wie bei Ryan David Jahn vor dem eigenen Apartment: Es geschieht ein Verbrechen und alle schauen weg. Der Autor von Akt der Gewalt konzentriert sich dabei nicht auf das Verbrechen, er spaltet das Geschehen auf. Der sinnlose Mord direkt vor der Haustür ebbt zu Füßen der anderen Beteiligten aus. Während um vier Uhr früh Katerina Marino um ihr Leben kämpft, sich schwerverletzt vor die Haustür schleppt, ringen die anderen Protagonisten mit ihrem eigenen Glück. Oder Unglück.

Nachts sind die Straßen menschenleer, aber hinter den blinden Fenstern schlafen nicht alle. Katerinas entsetzte Schreie bilden das Bindeglied menschlicher Abgründe, die der Autor entblättert und dabei ein Konstrukt wie bei Short Cuts von Robert Altman oder L.A. Crash von Paul Haggis einwirft. Im Film ist dies durch schnelle Bildwechsel leicht zu erreichen. Im Thriller bedarf es Geschichten, die über den Plot einer Kurzgeschichte hinausreichen.

Es ist die Tristesse, die Jahns Menschen miteinander verbindet. Mag hier ein einzelnes Schicksal noch so absurd, verzweifelt, selbst gemacht aufblitzen, die Lähmung in ihm ist so stark, dass es sich außer Stande fühlt, einzugreifen, einen Mord zu verhindern. Ja in einem Fall geht Jahn sogar soweit, dass nicht zum Telefonhörer gegriffen wird, weil das eigene Problem einem wichtiger erscheint. Man will sich nicht mit etwas belasten, das einen eigentlich nichts angeht. Und sei es , weil man sich den Fragen der Polizisten entziehen, seine Zeit nicht als Zeuge verplempern will.

Wer sich über Schaulustige bei schweren Unfällen oder Zuschauern bei Gewaltakten wundert, für den gibt es den Begriff "Bystander-Effekt" – zu Deutsch: Zuschauereffekt. Er lässt sich auf den Mord an Catherine Genovese zurückführen, der auch im Klappentext des Romans erwähnt wird.

Der Mord an ihr, bei der die Nachbarschaft nicht eingriff, bildet die Vorlage für Ein Akt der Gewalt. Schonungslos seziert Jahn die Gründe. Wer soll demjenigen am Fenster schon nachweisen, dass er etwas gesehen hat? Haben sie nicht alle geschlafen? Haben sie nicht alle nichts gehört?

Es ist ein zutiefst menschlicher Charakterzug, sich wegzuducken, die Augen zu verschließen. Unschuldig ist jeder, solange ihm nicht unterlassene Hilfeleistung nachgewiesen wird. Prozesse, die sich auf den Strafbestand beziehen, gibt es selten.

Auch Genovese wurde am 13. März 1964 in Sichtweite niedergestochen und vergewaltigt. Auch bei ihr kehrte der Mörder ein zweites Mal zurück, folgte der Blutspur und wiederholte seine Tat.

Der in Los Angeles als Drehbuchautor lebende Ryan David Jahn versteht sich auf den schnellen Moment und verzichtet auf die Bloßstellung von Schuld. Er stellt die Teilnahmslosigkeit bloß, indem er sie als etwas Alltägliches darstellt. Hat irgendjemand etwas anderes erwartet? Mein Gott, schlimme Dinge geschehen halt. Da draußen. Die brutale Darstellung des Mordes steht der heimeligen Atmosphäre menschlicher Probleme in den Apartments oder auf der Straße gegenüber.

Für seine Geschichte braucht der Autor gerade mal drei Stunden. Viele Thriller unterliegen Gestalten, deren Psyche so krankhaft gezeichnet werden, dass sie wie ein Alptraum über einen Plot herfallen. Jahns Geschichte einer Nacht wird von Menschen bevölkert, die sich selbst genügen. Sie begegnen einem an der Tankstelle, im Café, sitzen neben einem im Kino und schütteln den Kopf über die Gewalt im Fernsehen, über die Katastrophen in der Welt. Stillschweigend sind sie bereit, sie zu ignorieren, wenn sie in ihrer näheren Umgebung stattfinden.

Wie leicht lässt es sich wegsehen? Davon erzählt Ryan in einem schillernden Blick durch die Fenster eines Apartmentblocks. Jedes Schicksal ist anders. Oder? Sind sie nicht alle gleich? Sind Sie nicht vor allem deswegen so verloren, weil sie feige sind? Patrick, Diane, Thomas, Peter, Frank.

 

Wer da wohl schreien mag, denkt Kat. Armes Ding.

 

Ein Akt der Gewalt

Ein Akt der Gewalt

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Letzte Kommentare:
08.03.2011 13:04:25
Buboter

"Ein Akt der Gewalt" wird in kurzen Episoden erzählt, die teilweise lose, teilweise sehr eng miteinander verwoben sind. Es wird äußerst deutlich gemacht, dass gerade zufällige Begegnungen, sekundenlange Verzögerungen, Ampeln, die im richtigen Moment umschalten oder viele andere Kleinigkeiten sich auf das Schicksal von Personen auswirken können.

Zum Beispiel begegnet Frank seiner Nachbarin Katrina als sie nach Hause kommt und er das Haus verlässt. Wäre er 3 Minute später weggefahren, hätte sein Leben keine besondere Wendung bekommen, aber Katrina wäre wahrscheinlich sicher bis zu ihrer Wohnungstür gekommen.

Der Autor lässt uns in einer einzelnen Nacht in viele Wohn- bzw. Schlafzimmer blicken. Wo wird zu gleichen Zeit geweint, geliebt, gehasst oder getötet? Warum schaut jeder bei dem oben erwähnten Verbrechen weg? Warum ist jeder so sehr mit seinem eigenen Problemen beschäftigt und glaubt "irgendwer" wird schon die Polizei rufen?

Die Episode mit der Messerstecherei ist nur eine von vielen, die abwechselnd erzählt werden. Jede hat ihre Berechtigung und fast jede nimmt gleich viel Raum in der Geschichte ein.

Es handelt sich hier, meiner Meinung nach, nicht um einen reinen Thriller, da auch andere Begebenheiten eine sehr große Rolle spielen, die mit dem Thema an sich nichts zu tun haben. Aber es ist ein packender, erschütternder Roman, der sehr nüchtern, klar und schnörkellos erzählt wird. 95 °

06.03.2011 21:27:10
Alexi1000

EIN AKT DER GEWALT; ein Debüt - Roman, und was für einer!
Der junge Autor hat mit diesem Buch verdienterweise schon einen Preis eingeheimst.

Lose auf wahren Begebenheiten beruhend, webt Jahn ein sehr trickreiches Gespinst, in dem sich der geneigte Leser "verfängt", und das seine volle Wirkung erst nach und nach entfaltet!

In dem Roman erleben wir den Leidensweg einer jungen Frau mit, der praktisch in Sichtweite Ihrer Wohnung (und vermeintlicher Sicherheit) schreckliches wiederfährt...das eigentlich erschreckende aber ist das "nichteinschreiten", bewusst wegschauende der vielen Augenzeugen im Block.

Jahn lässt seine Protagonisten in einem mehr oder weniger "verwobenen" Netz von Zufällen umherirren, wie es so oft auch im Leben vorkommt, einmal links statt rechts abgebogen, kann einem der schlimmste Horror treffen oder eben an einem vorbeiziehen.

..und durch seinen wirklich erstklassigen Erzählstiel, schafft er es, das man mit den jeweiligen Augenzeugenpartien das eigentlich monströse Ringen des Opfers "da draussen" fast "vergisst"...jeder muss (will) sich um seine eigene Scheiße kümmern, rezitiert er oft...und auf einmal sind wir ertappt!

es ist schwer zu beschreiben, aber es macht Klick, und dieser Roman schockiert und rüttelt auf, ohne auf zu viele Blut - und Gewalteffkte zu setzen!!

ich für meinen Teil war schwer "begeistert" und freue mich auf weiter Veröffentlichungen eines vielversprechenden jungen Autoren...knochentrockene 98°.