Die Therapeutin

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Wahlström & Widstrand, 2009, Titel: 'Någon sorts frid', Seiten: 366, Originalsprache
  • München: btb, 2011, Seiten: 431, Übersetzt: Christel Hildebrandt

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Jürgen Priester
Auf sanften Pfoten

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mär 2011

Als Leser erleben wir es oft, dass ein Autor sich in Gebiete vorwagt, in denen er nicht besonders firm ist. Das gilt besonders in Zeiten der vielen Psychothriller für die Psychologie und deren Randdisziplinen. Der Leser muss selbst nicht unbedingt vom Fach sein, um Dissonanzen in bestimmten Situationen, bei Personen- oder Motivbeschreibungen zu entdecken. Diesen Ungenauigkeiten oder Ungereimtheiten entgeht man, wenn man als Autor weiß, worüber man schreibt. Der Debütroman der schwedischen Schwestern Camilla Grebe und Asa Träff überzeugt durch seine fachkundig inszenierte Psychologie, was ja nicht verwunderlich ist, da Asa Träff von Hause aus Psychologin ist und aus dem Fundus ihrer Erfahrungen schöpfen kann. Schon eher könnte man sich wundern, dass der btb-Verlag Die Therapeutin nicht als Psychothriller auslobt, denn es wäre endlich mal das drin, was viele nur all zu leichtfertig drauf schreiben. Die Therapeutin ist die Geschichte einer hilflosen Helferin, die erst einschneidende Erlebnisse durchstehen muss, bis sie fähig wird, sich selbst helfen zu lassen.

Die Psychologin Siri Bergmann teilt sich in Stockholm mit zwei Kollegen eine Gemeinschaftspraxis für Psychologie. Seit dem Tod ihres Mannes lebt Siri allein in einem kleinen Haus an Stockholms Schärenküste. Ihre Tage sind ausgefüllt durch die Arbeit mit ihren Klienten und so hat sie wenig Zeit, ihr eigenes Leben zu reflektieren. Wenn nicht gerade die Kollegin und Freundin Aina zu Besuch ist, verbringt Siri einsame Abende und Nächte, die ihr mehr und mehr zusetzen. Viele Gedanken zum unerklärlichen Tod ihres Mannes und ihre grundsätzliche Angst vor der Dunkelheit lassen sie immer öfter zu Seelentröstern in Flaschenformat greifen. Natürlich weiß sie, dass das auf die Dauer keine Lösung ist. Sie, die Verhaltenstherapeutin, die ihre Klienten kompetent beraten kann, ergibt sich ohnmächtig ihrer eigenen Situation.

Bewegung in ihre eingefahrene Routine kommt, als sie Veränderungen in ihrem Haus feststellt, das Gefühl beobachtet zu werden, sie verfolgt. Plötzlich verschwindet ihr Kater, ihr jahrelanger treuer Gefährte. Veränderungen, die eigentlich eine deutliche Sprache sprechen sollten, dass in ihrem Umfeld etwas nicht stimmt. Doch erst, als sie eines Morgens eine ihrer Klientinnen tot in ihrer Bucht treibend findet, ergreift sie Initiative und bespricht sich mit ihrer Freundin Aina. Diese fällt aus allen Wolken, dass sich Siri erst jetzt an sie wendet. Auch die eingeschaltete Polizei geht angesichts der Fakten von einer sehr ernsthaften Bedrohung aus.

Zu Siris allgemeinen Unsicherheit gesellt sich jetzt auch noch ein Misstrauen, das sich gegen alle Personen in ihrem Bekannten- und Freundeskreis richtet – wer treibt da ein böses Spiel mit ihr und warum? Die Gespräche mit ihren Klienten bekommen einen anderen Charakter. Siri kann ihnen nicht mehr offen und adaptierend gegenübertreten. Im Vordergrund der Sitzungen steht jetzt Analyse und Interpretation des Gesprächs unter dem Aspekt einer möglichen Täterschaft. Selbst ihr langjähriger Praxiskompagnon, dessen Zuneigung sie immer als väterlich/freundschaftlich empfunden hat, wird ihr auf einmal suspekt. Wer auch immer dahinter steckt, Siri muss sich sowohl der neuen Bedrohung als auch ihren "alten" Ängsten stellen. Unerwartete Unterstützung erhält sie vom sympathischen Kriminalbeamten Sven, der ihr mehr als ein Freund und Helfer wird.

Das Autorenduo Grebe&Träff zeichnet sehr sensibel das Porträt einer jungen Frau, die sich mehr oder minder über ihren Beruf definiert, deren persönliche Altlasten aber unangetastet bleiben. Die Protagonistin erzählt aus der Ich-Perspektive, so dass der Leser einen guten Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt bekommt. Das Bild der Siri Bergmann vervollständigt sich in den ausführlich dargestellten Klientengesprächen, die sich nicht nur mit den Problemen der Klienten beschäftigen, sondern auch das Einfühlungsvermögen und die selbstkritische Haltung der Therapeutin offenlegen. Die Therapeutin ist ein Roman der leisen Töne und kommt ganz ohne theatralische Schockeffekte aus. Auf sanften Pfoten schleicht sich die Bedrohung in das Leben der Protagonistin und somit auch in den Kopf und das Herz des Lesers. Ebenso subtil steigert sich die Spannung. Aktivitäten des Täters sind selten direkt, sondern meist im Nachhinein auszumachen. Der Psychoterror des Stalkers legt die Zerbrechlichkeit des Opfers bloß. Ein Angriff scheint in jedem Augenblick möglich, doch das Ziel eines Stalkers ist nicht primär der Tod des Opfers, sondern sich an dessen Leiden zu ergötzen. So zieht sich die Schlinge um Siris Hals in kleinen wohlbedachten Schritten zu.

Dem Schwestern-Team aus Schweden ist ein sehr reizvoller Einstand geglückt, den man in Zeiten lauter Malerei nicht ausdrücklich genug loben kann. Psychospannung, die unter die Haut geht, feinfühlig präsentiert sollte mal wieder Schule machen.

Die Therapeutin

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