Das Netz der großen Fische

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Palermo: Sellerio, 2009, Titel: 'La rizzagliata', Seiten: 210, Originalsprache
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Rolf Berg
  • Köln: Bastei Lübbe, 2012, Seiten: 218

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Eva Bergschneider
Klüngel auf sizilianisch

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Feb 2011

 

Kein Montalbano? Alle sind Montalbano!

 

Der Lübbe Verlag zitiert auf dem Cover Libertá und mag damit diejenigen Leser zum Kauf motivieren, die den beliebten zynischen Commissario aus Sizilien nicht missen wollen. Der Titel Das Netz der grossen Fische lässt vermuten, das sich der Autor hier auf das konzentriert, was stets auch in den Montalbano Krimis, mal mehr mal weniger deutlich, mitschwingt: Der schonungslose Blick auf die kleinen Schwächen und großen Sünden der italienischen Gesellschaft.

Im Nachwort schreibt der Autor, das dieser Geschichte ein realer Mordfall zugrunde liegt, der Fall Galasco, der in Italien für beträchtliches Aufsehen in den Medien sorgte. Die Ausgangssituation in der Geschichte ist exakt die gleiche. Eine Studentin, gerade mit dem Staatsexamen fertig, wird ermordet, ihr Verlobter von Ermittlungen gegen ihn in Kenntnis gesetzt und schließlich verhaftet. Der Haftrichter bestätigt die Haftgründe nicht. Das Übrige in DasNetz der grossen Fische, so versichert Camilleri, sei frei erfunden. Das Übrige sind die Winkelzüge mit denen der Chef der Lokalnachrichten den ins Rollen gebrachten Rädern ausweicht, die unvorsichtigere Glücksritter unter sich begraben. Die Treffen mit Mittelsmännern und Informanten, das Abservieren unliebsamer Mitarbeiter und das geschickte Eingreifen in das Geschehen zum richtigen Zeitpunkt.

Nicht mit Montalbano-Krimis zu verwechseln

Erzählt wird die Story aus der Sicht dieses Nachrichtenchefs der RAI in Palermo. Michele Caruso deckt die Verschwörung um den inhaftierten Manlio Caputo, den angeblichen Mörder seiner Verlobten auf. Pikanterweise ist Caputo der Sohn eines führenden Mitglieds einer Linkspartei Siziliens. Und so kommt über Parteien- und Lobbygrenzen hinweg ein wahres Intrigenkarussel in Fahrt. Es geht um die korrupten Machenschaften und Manipulationen, nicht um die Täterermittlung. Es wird zwar ausgiebig gegessen, aber sizilianische Kochrezepte sucht man ebenfalls vergeblich. Dafür kommt die Liebe oder vielmehr der Sex nicht zu kurz. Denn Machtgier und Lust ist die Triebfeder der Protagonisten und beides miteinander verbunden, denn die Befriedigung des letzteren kommt zumeist auch dem ersten zugute.

Polit-Krimi, -Satire oder gar Historie?

Satirischen Spott finden wir vor allem in den Zwischentönen der Dialoge und dem rührseligen Finale. Seine Figuren überzeichnet Camilleri gnadenlos. Da fehlt weder der windige Reporter, noch der schmierige Informant, der skrupellose Mafiosi oder ein mit der Allmacht eines Paten agierender Senator. Auch wenn jegliches Identifikationspotential fehlt, gleitet die Verzerrung nicht ins Abstruse ab. Wie in einer guten Satire eben. Die Liste der Dramatis personae am Anfang des Buches ist allerdings unentbehrlich. Allzu oft verliert man den Überblick, wer jetzt mit wem in welcher Beziehung steht. Gemessen an der recht geringen Seitenzahl, habe ich wohl noch nie so häufig nachgeschaut, von wem gerade die Rede ist. Spannung zieht der Roman aus der Ungewissheit, welches Spielchen wohl welche Konsequenzen haben mag. Man kommt sich vor, als beobachte man eine Pokerrunde, bei der jeder gezinkte Karten oder noch ein Ass im Ärmel hat. Die ganz große Überraschung bleibt zwar aus, aber hier und da ist man doch verblüfft, wie all die kleinen Verwicklungen den Lauf der Dinge voran treiben. Im Endeffekt weiß man, wie alles enden muss. Und man vermisst ihn vielleicht doch, den Commissario mit seiner eigenwilligen Moral. "Alle sind Montalbano?" - Nein, alle sind korrupt, so einfach ist das vielleicht zu einfach.

Spaß machen in Das Netz der grossen Fische wie immer die emotionalen Dialoge und die Bildhaftigkeit der Worte, die der Autor so treffsicher zu wählen versteht. Schwarzhumorig sicherlich und im besten Sinne hintersinnig, denn zwischen den Zeilen der gerade 219 Seiten erfährt man bei Camilleri mehr, als in manchem umfassenderen Roman. Darin liegt die wahre Stärke des Autors und die spielt er in diesem satirischen Polit-Krimi aus.

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