Lass die Toten ruhen

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Sydney: Pan Macmillan Australia, 2010, Titel: 'Let the dead lie', Seiten: 392, Originalsprache
  • Berlin: Rütten & Loening, 2011, Seiten: 400

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Jochen König
Back In Black

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2011

Nach seinen unerfreulichen und lebensgefährlichen Begegnungen mit der Security Branch, dem Geheimdienst Südafrikas ist Emmanuel seinen Polizeiausweis los, seinen Rassenachweis ebenso. Ganz schlechte Karten im perfiden Apartheitssystem Südafrikas im Jahr 1953. Doch Major van Niekerk, Coopers ehemaliger Vorgesetzter, hat ein Auge auf sein talentiertes Schäfchen und beschäftigt ihn als Undercover-Cop im Hafen von Durban. Emmanuel muss hart schuften, was seiner körperlichen Gesundung zuträglich ist, und gleichzeitig ein Auge auf korrupte Polizisten werfen, um seinem Chef davon zu berichten. Der weiß, wann man es nutzen kann.

Doch plötzlich steckt der Unglücksvogel Cooper wieder mitten im dicksten Schlammassel. Erst findet er den Jungen Jolly Marks mit durchschnittener Kehle im Güterbahnhof, dann wird er Gefangener der indischen Familie Paativ, deren beiden Söhne sich ebenfalls am Fundort der Leiche aufhielten. Cooper kann seine Entführer zwar davon überzeugen, dass er keine Gefahr für die Brüder darstellt, eher im Gegenteil, aber nach seiner Freilassung wird es richtig übel für ihn. Denn obwohl die Inder Hauptverdächtige sind, steht er selbst plötzlich im Rampenlicht, als er neben seiner ermordeten Vermieterin und einem jungen Hausmädchen von der Polizei überrascht wird. Dummerweise mit einem Messer in der Hand. Sein Strick wird schon geknüpft. Doch Major van Niekerk und ein Verbündeter im Hintergrund verschaffen ihm 48 Stunden Zeit. Zwei Tage, in denen er als vorübergehend ausgewiesener Polizist mit Rassenachweis die wahren Mörder Jollys und der beiden Frauen dingfest machen muss, um selbst weiterleben zu können.

Das schwierige Zweitwerk. Nach ihrem überaus gelungenen Debüt Ein schöne Ort zu sterben erledigt Malla Nunn diese Herausforderung mit Bravour. Obwohl Emmanuel Cooper mächtig unter Druck steht, wird er diesmal nicht so vehement – vor allem körperlich – traktiert wie im Vorgänger. Zwar muss er auch diesmal wieder Prügel einstecken, doch das Ende darf er aufrecht stehend erleben. Nunn erzählt diesmal stringenter und noch enger an klassischen Vorbildern orientiert, die Geschichte vom angeschlagenen Unbeugsamen, der gegen die Ungerechtigkeiten der Welt kämpft, koste es, was es wolle. Es finden sich die üblichen Verdächtigen der Hardboiled-Kriminalliteratur ein: das Pärchen auf der Flucht, der gewissenlose Gangsterboss in der Luxuslimousine promenierend, zwielichtige Bullen, noch zwielichtigere Geheimdienstmitarbeiter, Gangster und deren Gegenstücke, beide mit undurchsichtigen Motivationen ausgestattet, im Zweifelsfall angetrieben von einer einzigen Feder: Den eigenen Vorteil und ein gehobenes Auskommen zu sichern. Und natürlich das "Good Bad Girl", das genau weiß, wie der Hase läuft, und Emmanuel trotzdem zur Seite steht, auch wenn es keine gemeinsame Zukunft geben wird.

Doch Malla Nunn verleiht ihren Figuren ein ganz eigenes Umfeld. Sie sind alle eng verbunden mit dem Apartheitsstaat Südafrika. So sehr sich Emmanuel und seine Mitstreiter – es gibt ein Wiedersehen mit Dr. Zweigman und Constable Shabalala – um Gerechtigkeit bemühen, sie wissen allesamt, dass sie bestenfalls kleine Siege einfahren können. Ein Kind wird geboren, ein mehrfacher Mörder entlarvt. Ob er tatsächlich irgendeiner Strafe zugeführt wird, ist ziemlich zweifelhaft. Den Vorgaben der Alltagspolitik folgend, wird er wahrscheinlich davonkommen. Das zutiefst menschenverachtende System wird (noch) nicht angekratzt; was zu einigen ebenso eindringlichen wie erschreckenden Randepisoden führt. Und sei es nur, dass genau überlegt werden muss, welche Sitzordnung im Auto herrscht, wer sich in welchen Bereichen des eigenen Hauses aufhalten darf, oder welche Viertel und gesellschaftlichen Bereiche überhaupt ohne europäischen Rassenachweis betreten werden dürfen. Von Liebesdingen ganz zu schweigen. Dass sich Afrikaander und Briten ("soutpiel" = "Salzpimmel") nicht grün sind, eröffnet eine zusätzliche Ebene, die eins ganz klar macht: Es herrscht Krieg auf den Straßen Südafrikas. Keiner, bei dem es um vorgeblich hehre Ziele geht, sondern nur darum die eigenen Pfründe zu sichern. Während die Europäer sich in schmutziger Politik üben, geben die dunkelhäutige und gemischtrassige Bevölkerung oder die nur wenig mehr geachteten Inder die Opfer ab. Sündenböcke ohne Recht auf Verteidigung. Die größte Chance der allgemeinen Ächtung und Misshandlungen zu entgehen, ist es zum erfolgreichen Verbrecher zu werden, der Gesellschaft also genau das Bild zu liefern, dass sie von einem erwartet.

Malla Nunn bringt komplexe Themen in ihrem Buch unter, ohne dass es nur eine Seite lang platt belehrend wirkt. Man folgt der Spurensuche Emmanuel Coopers gerne in all ihre verzweigten Winkel, und gewinnt nie den Eindruck, dass irgendetwas aufgesetzt oder übertrieben wäre. Selbst Coopers Zwiegespräche mit dem "Sergeant Major", jenem Geist, der ihn seit dem Ende des zweiten Weltkriegs verfolgt, sind glaubhafter Teil der zutiefst fürsorglichen Persönlichkeit Emmanuel Coopers. Lass die Toten ruhen ist ein packender Kriminalroman von geradezu neoklassischer, harter Prägung, und gleichzeitig ein ernsthafter Blick auf das Leben in einem Gefüge, das von Unrecht und Rassismus geprägt ist.

Und in dem Frauen die wahren Hoffnungsträger sind. Denn während sich – auch noch so aufrichtige – Männer in noch so sinnlose Kämpfe verstricken lassen, oder gar glauben sich mit einem menschenverachtenden System arrangieren zu können, wissen ihre Frauen viel eher Bescheid. Auch wenn es an Durchsetzungskraft gegen sture Ideologien mangelt. Doch es wird.

Im Moment jedoch bleibt nur der Bund der Verständigen und ihr Credo, von dem alle Beteiligten wissen, dass es nur ein Minimalziel ist:

 

Es ist besser eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.

 

Richtig hell wird es nie.

Immerhin eröffnet sich am Ende des Romans die Möglichkeit den Kampf wieder aufzunehmen. Derweil sich Opportunisten, Nutznießer, Betonköpfe und Mörder auf eine der zahlreichen Partys zu Ehren der Krönung einer unbeeindruckten englischen Königin köstlich amüsieren.

Auch mit ihrem zweiten Werk erweist sich Malla Nunn als originelle und so ein- wie nachdrückliche Autorin. Mehr davon.

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Letzte Kommentare:
10.05.2018 07:57:02
Eselsohr

"lass die Toten ruhen" ist ein eher traditionelles Stück Krimiliteratur als "Ein schöner Ort zu sterben". Weniger originell, weniger faszinierend in seinem Schauplatz und seinem Personal.
Die Kampfgefährten aus dem Erstling wieder auftreten zu lassen etwa, war keine gute Idee, sie wirken hier wie Fremdkörper und Staffage.
Die Story ist viel dünner und die Auflösung schon fast trivial inclusive des holprigen Showdowns.
Die femme fatale kommt etwas blutleer daher, in ihrer Gestaltung kein echter Gegenpol zu Cooper.
Was bleibt, ist ein durchschnittlich spannender Krimi mit ein bisschen Lokalkolorit und Gesellschaftskritik, keine verlorene Zeit, aber auch nicht viel mehr.