Hemmersmoor

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Tropen, 2011, Seiten: 207, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Der Schauer des Alltäglichen

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Feb 2011

Man muss tief in die Geschichte der Kriminalliteratur eintauchen um zu erklären, warum "Hemmersmoor" zum Genre gehört, obwohl es kaum etwas mit ihm gemein hat. Krimis sind nicht deshalb Krimis, weil Morde geschehen (davon gibt es in Hemmersmoor mehr als genug), sie sind Krimis, weil ihr Spannungsaufbau nach bestimmten Mustern erfolgt. Die haben sich, wie ich zufälligerweise gerade anderswo erkläre, historisch entwickelt und ein Feld, auf dem man sich dabei bediente, war der Schauerroman, die Gothic Novel. Hemmersmoor ist nun ein solcher Schauerroman.

Bereits der titelgebende Ort ist das ideale Umfeld für Schauerliches. Ein abgelegenes Kaff in Norddeutschland, umgeben von Moor und Brachland, dem man entkommen will, aber eigentlich nicht entkommen kann. Einer, dem es gelungen ist, kehrt als alter Mann zurück und erinnert sich an seine Jugend in den frühen fünfziger Jahren, vier weitere Personen tun es ebenfalls. Leserin und Leser werden nun aus diesen unterschiedlichen Perspektiven abwechselnd über das Treiben in Hemmersmoor unterrichtet, es beginnt relativ harmlos, ein jährliches Dorffest mit Kochwettbewerb, doch ehe man sich’s versieht, werden die fünf Mitglieder einer Flüchtlingsfamilie von den empörten Einheimischen ermordet und verscharrt, eines dummen Aberglaubens wegen. Das kommt überraschend, aber man muss sich daran gewöhnen, denn im Folgenden endet beinahe jedes Kapitel mit einem Mord, erwähnen wir nur am Rande die übrigen Schandtaten wie Inzest, Kindesmisshandlung, Untreue und Verrat, Verbrechen allesamt, die scheinbar bei- und zwangsläufig geschehen und nicht wie im herkömmlichen Genreprodukt aufgeklärt und gesühnt werden.

Wer genau nach solchen Herkömmlichkeiten sucht, wird also enttäuscht sein und wer hinter diesem immerwährenden Abschlachten gar bloße Effekthascherei vermutet, gebe bitte seinen Doktor der Literaturwissenschaft zurück, so er einen besitzt. Wie schon in seinem Debüt, dem zurecht hochgelobten Nebenan ein Mädchen beschäftigt sich Kiesbye mit dem Heranwachsen, der Pubertät, doch seine Mittel sind nicht die des Entwicklungsromans, der Irrungen und Wirrungen aufzeigt. Bei Kiesbye ist alles überhöht, drastischer, die Phase des Kindseins endet dann, wenn die Eltern sämtliche Unschuld aus den jungen Körpern und Geistern getrieben, sie manchmal im wahrsten Sinne des Wortes ermordet haben.

Kehren wir zurück zum Schauerroman, den Kiesbye als formale Hülle für seine Geschichte ausgewählt hat. Der immense Erfolg dieses Genres im 18. und 19. Jahrhundert (von Horace Walpoles fast vergessenem Das Schloss von Otranto 1764 bis zu Mary Shelleys Frankenstein 1818) beruhte nicht allein auf dem gängigen Unterhaltungsbedürfnis, diesem wohligen Gruseln, dem man sich im heimischen Ohrensessel gefahrlos hingeben konnte. Im Schauerroman manifestierten sich auch kollektive Ängste, seien es die vor einer unbekannten und daher unbeherrschbaren Natur oder die durch technischen und ökonomischen Fortschritt aufziehenden Neuerungen, denen man zunächst mit einem gewissen Unbehagen gegenüberstand (hier wäre Frankenstein geradezu ein Paradebeispiel, aber auch der erst Ende des 19. Jahrhunderts von Bram Stoker ins "Leben" gerufene Dracula, der sein Grauen wie eine tödliche Epidemie verbreitet). Die meisten dieser Ängste werden im Alltag verdrängt oder verharmlost, sie werden hingenommen oder geleugnet – und genau hier setzt Kiesbye an, wenn er die Ängste der Pubertät, dieses Übergangs in eine fremde Welt des Erwachsenseins mit den drastischen Mitteln des Schauerromans beschreibt.

Konsequenterweise stellt Kiesbye das in den Mittelpunkt, was jede Pubertät dominiert: die Sexualität. Hier aber wird sie nicht, wie in den fünfziger Jahren gemeinhin üblich, einfach tabuisiert und verdrängt. Vielmehr wuchert sie wie eine giftige Pflanze und wird zur Waffe, die die Erwachsenen gegen ihre Kinder einsetzen. Und das alles in einer Welt, die voller Aberglauben und Mythen ist, da raunt man sich Spukgeschichten zu, fantert von in düsteren Kellern Gefangenen und schafft so ein adäquates Umfeld für die Verbrechen, die man an der Unschuld der Kindheit begeht. Am Ende sind die Kinder nicht nur Opfer, sie sind auch Täter, seelisch Ermordete, die nun ihrerseits seelisch zu morden beginnen. Sie sind also "normal" geworden, und das genau ist eben das Ungeheuerliche.

Man tut, wenn man sich auf Hemmersmoor einlässt, gut daran, sich bei diesem Text zu gruseln. Nicht über die völlig aus dem moralischen Lot geratene Handlung, sondern über die dahinter lauernde Alltäglichkeit. Auch das ist eben "Schauerliteratur": Im Verdrängen, wie es der Roman thematisiert, die eigenen Verdrängungen erkennen. Kiesbye weitet diese Perspektive schließlich ins Historische, wenn eines der Kinder mitten im Moor einen Ort entdeckt, der perfekt verdrängt wurde: ein Arbeitslager für Gefangene während der NS-Zeit, ein KZ also. Jetzt schließt sich der Kreis.

Und was ist daran nun "Krimi"? Nichts und alles. Kiesbye gelingt es, die archaischen Muster von Spannungsliteratur auf etwas so "Normales" wie das Erwachsenwerden zu übertragen und die Hölle zu zeigen, die dahintersteckt. Verbrechen des Alltags eben, die niemals aufgeklärt werden. Hier haben die "Gesetze des Genres" keine Gültigkeit, aber das abgrundtief Böse in seiner Normalität ist allgegenwärtig. Großartig, lesenswert.

Hemmersmoor

Hemmersmoor

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Letzte Kommentare:
07.11.2011 16:51:20
Berlin-Krimi

2/3 des Buches haben mich königlich amüsiert: Die Perversion, die in der Wertelosigkeit und Bizarrheit der Dorfgemeinscht versteckt ist. Die Darstellung aus den verschiedenen Blickwinkeln. Das Auffächern der vielen Nuancen, die eine Situation in sich birgt - und die häufige Unerbittlichkeit, mit der Stefan Kisbye auch die fernliegenderen und häufig grausamen Möglichkeiten nahelegt und dem Leser glaubhaft macht.

Aber dann reißt der Strom ab, die Geschichten (also die Perspektivwechsel) verlieren an der Fähigkeit, Dinge zu beleuchten und das Verständnis für die subjektiven Situationen zu schärfen.

Also: Statt "sehr gut" gebe ich "gut".

Note: 82

07.11.2011 16:48:19
Berlin-Krimi

2/3 des Buches haben mich königlich amüsiert: Die Perversion, die in der Wertelosigkeit und Bizarrheit der Dorfgemeinscht versteckt ist. Die Darstellung aus den verschiedenen Blickwinkeln. Das Auffächern der vielen Nuancen, die eine Situation in sich birgt - und die häufige Unerbittlichkeit, mit der Stefan Kisbye auch die fernliegenderen und häufig grausamen Möglichkeiten nahelegt und dem Leser glaubhaft macht.

Aber dann reißt der Strom ab, die Geschichten (also die Perspektivwechsel) verlieren an der Fähigkeit, Dinge zu beleuchten und das Verständnis für die subjektiven Situationen zu schärfen.

Also: Statt "sehr gut" gebe ich "gut".

Note: 82

13.10.2011 12:35:12
Jule

Auf dem Bucheinband steht: „Hemmersmoor ist der Eingang zur Hölle“ – Definitiv, der Autor hat recht!

Solche sinnlose Gewalt, Missgeschicke und Unglücke habe ich noch nie erlebt. Ein Unglück ist an das andere gereiht und das ein oder andere Mal fragte ich mich beim Lesen, wer denn eigentlich nicht stirbt oder ermordet wird.



Das Buch handelt von einer kleinen Dorfgemeinde die vermutlich lange Zeit vor der Wende lebt. Der Alltag der Bewohner wird durch alte Bräuche und Hexengeschichten bestimmt. Ein fortschrittliches modernes Denken ist da fehl am Platz, sie sind abergläubisch und sehr von Traditionen geprägt.



Die Erzählweise finde ich sehr interessant und gut aufgebaut. In der Anfangsszene treffen sich alte und ehemalige Freunde zu einer Beerdigung in Hemmersmoor wieder. Alle anderen Handlungen werden aus Sicht von den einzelnen Personen erzählt aus der Zeit, als sie noch Kinder waren. Die einzelnen Geschichten gleichen Tagebucheinträgen und überlappen sich, sodass der Leser nicht nur von einer erzählenden Person die Gedankengänge kennt und viele der Handlungen nachvollziehen kann. Obwohl, das Wort „nachvollziehen“ dürfte ich hier eigentlich nicht benutzen, denn viele der Gewalttaten konnte ich und sicherlich auch andere Leser nicht verstehen.

Wie schon erwähnt, wird das Leben der Bewohner durch Aberglaube bestimmt, welches sie oftmals zu unmoralischen Handlungen zwingt und nicht einmal vor dem Gesetz halt machen lässt.



Den Inhalt hatte ich mir nach der LP etwas anders vorgestellt, nur wie anders kann ich leider auch nicht sagen. Als etwas Besonderes sehe ich das es bei diesem Buch kein „Happy End“ gibt an. Eigentlich sind die Erzählungen der Kinder nur aneinander gereihte, sich überschneidende, erlebte Geschichten, ohne tieferen Inhalt und Sinn. Es folgt keine Lehre heraus, höchstens das man sieht, was der Aberglaube und der Dorfgemeinschafts-Gruppenzwang alles anrichten kann.



Als ich das Buch auspackte war ich etwas erschrocken und fragte mich, wann ich das letzte Mal so ein dünnes Buch in der Hand hielt. Ich hatte mehr als nur gut 200 Seiten erwartet, aber wenn ich mir überlege wie viele Menschen bei einem 400-Seiten-Buch hätten sterben müssen, bin ich doch ganz froh darüber.

Zu dem Bild-Cover kann ich nur sagen, das es richtig gut ausgewählt wurde. Es passt perfekt zu dem Inhalt und dem grausamen Schauplatz.



Trotzt doch so manchen kleinen Makeln, fand ich das Buch sehr gut und würde es weiter empfehlen, wenn man „mal schnell“ ein Buch zwischendurch lesen will. Obwohl der Aha-Effekt und die Lehre, die man daraus ziehen könnte, ausbleibt, denkt man, zumindest ich, noch viel und oft darüber nach.



- Die armen Kinder -

03.09.2011 21:37:50
Nijura

Unglaubliche Geschichten

In dem norddeutschen Dorf Hemmersmoor regiert nach dem Krieg der Aberglaube und Zugezogene werden misstrauisch beäugt und gemieden. Die meisten Bewohner leben ein einfaches Leben und verdienen ihr Geld mit Torfstechen. Anlässlich Ankes Beerdigung treffen sich Martin, Christian, Linde und Alex, die in dem Dorf ihre Kindheit miteinander verbracht haben, nach ca. 40 Jahren in Hemmersmoor wieder. Nicht alle Erinnerungen sind schön.

Meine Meinung:
Ich war fasziniert von dem Schreibstil des Autors Stefan Kiesbye. Das Buch ist was ganz besonderes.
Die düsteren Geschichten werden abwechselnd aus vier verschiedenen Perspektiven (denen von Martin, Christian, Linde und Anke), immer in der Ich-Form erzählt. Dabei wirkt der Stil eher beiläufig und distanziert.
An und für sich ist jede Erzählung eine separate Schauergeschichte und wie ich finde harter Tobak. Ein kalter Schauer überlief mich bei all den Grausamkeiten, die in und um den Ort stattgefunden haben. Mit welcher Kaltherzigkeit auch die Erzähler in diese Gräueltaten verstrickt waren. Mord, Vergewaltigung und Inzest sind nur ein kleiner Teil davon…

Ich bin froh, dieses Buch doch noch entdeckt zu haben. Vom Cover und vom Titel her hat es mich nämlich gar nicht angezogen, aber der Roman ist wirklich klasse!

Fazit:
Wer gerne morbide Geschichten mag, kommt hier voll auf seine Kosten!

10.04.2011 20:36:49
krimi_mimi

Großartig, gerade fertig gelesen und ich bin noch ganz atemlos. Dieses Buch entfaltet eine Sogwirkung, die einen nicht mehr los lässt - genau wie Hemmersmoor auf seine Bewohner. Man magsich für eine Weile der Illusion hingeben, es sei möglich, Hemmersmoor hinter sich zu lassen; in Wahrheit aber liegt es jedem im Blut. Und dem persönlichen, in die Wiege gelegten Fluch kann man durch nichts entfliehen.

100° auf meiner Skala.

Und bei der Gelegenheit möchte ich nochmal ein großes Lob an DPR loswerden. Die Rezension ist grandios.

24.02.2011 14:14:36
bellalotte

Schon das Cover dieses rund zweihundertseitigen Hartcovers wirkt düster und geheimnisvoll, der Titel „Hemmersmoor“ kurz und knackig.
Hemmersmoor ist ein kleiner Ort, der es in sich hat. Blickt man hinter die scheinbare Dorfidylle, entdeckt man viele schwarze Seiten und tiefe Abgründe.

Zu Beginn wird das Wiedersehen der einstigen Freunde Linda, Alex, Christian und Martin auf der Beerdigung ihrer Freundin Anke geschildert. Nach und nach erfährt der Leser in einzelnen Kapiteln, welche aus der Sicht jedes Einzelnen des Freundeskreises geschildert sind, von den grauenhaften Ereignissen in diesem Dorf.

Das Buch lässt sich sehr gut lesen und ich hatte es in kürzester Zeit geschafft. Zu Beginn machen sich das Grauen und eine Gänsehaut breit, doch je länger ich in diesem Buch versinke, umso mehr „gewöhne“ ich mich an die schrecklichen Ereignisse und erwarte in jedem neuen Kapitel mindestens einen Mord. Mir ist das alles etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen und ich persönlich bin auch nicht so der Freund von Erzählungen aus verschiedenen Personenperspektiven. Dennoch ist das zum Glück Geschmackssache und ich denke, wer diese Erzählweise mag, wird das Buch lieben.