Wer das Schweigen bricht

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Merenberg: ZYX, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Katrin Daliot

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Jochen König
Liebe tötet

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2011

Kein Peter Böhm, kein Vincent Grube. Obwohl Kranenburg weniger als zehn Kilometer von Kleve entfernt liegt, bleiben die bisherigen Protagonisten in Mechtild Borrmanns aktuellem Roman beschäftigungslos.

Der seinen Ausgang 1997 in Essen nimmt. Und bald noch weiter zurückreist in der Zeit. Bis ins Jahr 1939. Freundschaft. Familie. Liebe. Politik. Verrat. Mord und Totschlag. Krieg. Große Themen auf 224 Seiten. Kann man sich leicht dran übernehmen. Nicht so Mechtild Borrmann.

Als der Industrielle Friedhelm Lubisch Ende 1997 stirbt, sieht sich sein Sohn damit konfrontiert, dass sein Vater, dem er so ähnlich sieht, eigentlich ein Unbekannter für ihn ist.

Robert, der Arzt, der sich dem Anspruch seines Vaters konsequent entzog und nicht der Nachlassverwalter des florierenden elterlichen Betriebs wurde, geht nach dem Tod seines entfremdeten Erzeugers auf Spurensuche. Hilfe sind ihm lediglich ein paar Geschichten aus dem Krieg, die Friedhelm Lubisch seinem Sohn in wenigen Momenten der innigen Zweisamkeit erzählte, die Ausweispapiere eines toten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau, aufgenommen Jahrzehnte zuvor in einem Kranenburger Fotoatelier. Dort stößt er zufällig auf die Journalistin Rita Albers, die ihm nicht ganz uneigennützig hilft. Mehr noch. Sie wittert eine große Story, während Robert alsbald bereit ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch Rita recherchiert weiter.

Dass Robert einen schlafenden Tiger geweckt hat, wird ihm klar, als ein Mord passiert. Unmittelbar nachdem Rita die Identität der geheimnisvollen Frau auf dem Foto entschlüsselt hat. Widerstrebend und unter vagem Mordverdacht begibt Robert sich wieder auf den Pfad zu seiner Familiengeschichte. Die ihn zu einer Gruppe Freunde führt, deren Freundschaft in den Kriegsjahren auf harte Proben gestellt wird und am Ende, unabhängig vom Kriegsgeschehen, zu mehreren Todesfällen führen wird, die nicht nur Robert Lubischs Biographie ins Wanken bringen.

Zwei Zeitebenen, ausgefeilte Charakterstudien, die Einflüsse der Weltgeschichte auf persönliche Schicksale, hoher Spannungsfaktor und eingestreuter, lakonischer Witz, hauptsächlich dem stoischen Hauptwachtmeister Karl van den Boom zu verdanken.

 

"Bei Familienstreitigkeiten schicken wir am liebsten Karl. Bei uns heißt Deeskalation kurz ´Karl´."

 

Mechthild Borrmann gelingt das Kunststück all diese Faktoren in ihrem nicht besonders umfangreichen Werk unterzubringen. Ohne gehetzt zu wirken, oder dem Leser das Gefühl zu verleihen, einem komprimierten Readers Digest-Ritt durch die Historie folgen zu müssen. Borrmann schreibt derart fokussiert, dass man nur Beifall zollen kann.

Eine Kunst, die sie bereits in den vorangegangenen Romanen beherrschte und jetzt zu wahrer Meisterschaft bringt. Ihre Geschichte von der (zerstörerischen) Kraft der Liebe im Angesicht einer menschenverachtenden Diktatur, verkommt zu keinem Zeitpunkt zu gefühlsduseliger Kolportage. Figuren, die oft nur knapp umrissen werden und doch Eigenständigkeit und Tiefenschärfe besitzen, gelingen ihr ebenso, wie beide Erzählstränge scheinbar mühelos spannend, nachvollziehbar und ohne übertriebene Kniffe und Wendungen zu einem homogenen Gesamtwerk zu verbinden. Welches für einige seiner Protagonisten herbe Überraschungen und Einsichten bereithält.

Dabei übt sie sich in einer zurückhaltenden, stilistischen Klarheit, hinter der das Entsetzen jederzeit sichtbar bleibt. Bestens zu erkennen an den kurzen Episoden um den ehemaligen SS-Rottenführer und späteren Polizisten Theo Gerhard, der ohne Gewissensbisse vom Folterknecht, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, zum Vertreter einer Staatsmacht wird, die die Demokratie eigentlich vor Verbrechern schützen soll. Ohne Einsehen in die eigene Schuld, ohne je für die eigenen Vergehen bestraft worden zu sein. Ein Unbelehrbarer, die Geschichte eines lebenslangen Versagens, stellvertretend für Tausende. Borrmann landet keinen wutschnaubenden Rundumschlag, sie lässt keinen einsamen Rächer von der Leine, der dem Widerling den Garaus macht. Sie hebt auch nicht den mahnenden Finger des besserwissenden Gutmenschen, sondern stellt nur knapp dar, was jeder mit wachem Blick problemlos hätte bemerken können. Ein Irrtum, wie die halbherzige "Entnazifizierung" belegt. Der wahre Schrecken.
Gerhards klägliche Sühne besteht darin, einsam im Dachkämmerchen die Staatsrente versaufen zu müssen.

Scheinbar beiläufig und gleichzeitig höchst eindrücklich entwirft Mechtild Borrmann ein Gespinst, das die Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, auch mit Unterbrechungen, mehr als ein halbes Jahrhundert gravierend beeinflusst und ihre Geschicke lenkt. Gefangene eines zerstörerischen Systems, das auch dann noch Opfer produziert, wenn es als längst überwunden gilt.

Wer das Schweigen bricht ist ein ganz großer Wurf in knapper Form.
Bleibt nur zu hoffen, dass er – bei dem Sujet leider im Bereich des Möglichen – nicht zu ungeliebter Schullektüre auserkoren wird. Denn dieses hochspannende und klug ausgearbeitete Buch ist es wert, freiwillig gelesen zu werden.

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