Eine Frage von Glück oder Zufall

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 2007, Titel: 'Quelque chose à cacher', Seiten: 158, Originalsprache
  • München: dtv, 2010, Seiten: 177, Übersetzt: Dirk Hemjeoltmanns

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Wolfgang Franßen
Die Zeit des Lebens vergeht zu schnell

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jan 2011

Allein der Titel des Romans lässt vermuten, dass man sich wieder in Marcel Pagnols Welt der Provence befindet. Mit ähnlich nachsichtigem Blick der verlorenen Kindheit gegenüber nähert sich die Autorin ihrer kleinen Stadt N. an der Loire an. Der Ich-Erzähler, Sohn von Doktor Lagarde, ist vor Jahren weggegangen und zurückgekehrt, um Museumswärter zu werden und als Maler in einer Scheune zu leben. Ein beschauliches Glück. Wäre da nicht der Zufall. Wäre da nicht ein Mord. Wäre da nicht ein Ingenieur, der festgenommen wurde und der vorgibt, nur in der Nähe geparkt zu haben.

Als das Mädchen von La Boulaye, Marie-Hélène, sich für ein paar Stunden in dem Städtchen N. aufhält, um ihr geerbtes Haus zu verkaufen, und ermordet wird, bietet diese Unterbrechung des täglichen Einerleis die Gelegenheit in der Person des Ich-Erzählers, Resümee zu ziehen.

Was hat man, haben andere erreicht, welche Hoffnungen und Sehnsüchte sind zerbrochen? Hadern nicht alle mitten im Leben plötzlich mit den Chancen, die sie ausgelassen haben und die nie wiederkommen werden. Mit ziseliertem Blick weist die Autorin Risse auf, die der Alltag sonst nicht offenbart. Ihre Figuren lassen sich nur zu gerne von ihren Gewohnheiten vor den Karren spannen.

 

Im Leben muss man ein gefährliches Kap umschiffen, finden Sie nicht auch? Die Lebensmitte. Daran denken, dass es die Mitte ist, dass es danach zu spät sein wird, vielleicht schon zu spät ist. Wenn man zurückblickt, sieht man nur, was alles schlecht läuft, was man alles hätte tun müssen; man hat den Eindruck, etwas zu verstehen. Aber wenn man nach vorn blickt, ist die Aussicht düster, das muss man sich eingestehen.

 

Ganz im Gegensatz dazu hat man ständig das Gefühl, als hätten die Menschen wie der Meisterschwimmer Frédéric aus dem Schwimmbad es geschafft. Sie tanzen im "Black und White", essen Pizza im "Al Chiaro di Luna" oder lassen sich das Haar im "Bel Hair" frisieren.

Wäre da nicht das Mädchen von La Boulaye. Die sie als hochnäsig empfinden, als Flittchen bezeichnen, die jetzt offenbar zur feinen Gesellschaft gehört, die wie eine Wildpflanze aufgewachsen ist, Umgang mit Zigeunern hatte. Nicht mal das Familiengrab ist gepflegt, aber erben und verkaufen, das kann sie. Am besten im Vorübergleiten. So was bleibt haften.

Wer, wenn nicht ein Maler – "ein Sonntagsmaler" – der nur wenige Freunde hat und ein Leben am Rande der Gesellschaft führt, fühlt sich da nicht berufen, herauszufinden, was es mit dem Mord an dieser Frau auf sich hat.

Eine melancholische Geschichte, die allzu gerne abdriftet. Im weitesten Sinne als Kriminalroman aufzufassen. Streckenweise nähert sich der Stil den Belle Epoque Beschreibungen eines Marcel Proust an, als müsse jedes Detail so genau beschrieben werden, damit nichts verloren geht. Der Maler erinnert sich an ein ganz anderes Mädchen von la Boulaye. An eines mit hellen Augen, mit schmollender Miene, an eine Tasche, die an einem Riemen über der Schulter hing, das aus Trotz keinen Sommerhut trug. An gemeinsame Sommertage.

In einem solchen Umfeld darf man keinen reißerischen Thriller erwarten, der Blick in den menschlichen Abgrund kommt hier als Reflexion, als Betrachtung zustande. Hier werden keine Perversen, keinen Verlorenen vorgeführt, es wird hier ewig so weiter gehen, als säße man fest im Zeitloch der inneren Krise.

Wenn der Mord am Ende aufgeklärt ist, erscheint es einem, als vertraue man sich nicht wie gewöhnlich einem Geständnis an oder berufe sich auf der messerscharfen Analyse anhand von Beweisen in Plastikbeutel, vielmehr nähert man sich der Tat über Mutmaßungen eines Sonntagsmalers.

So könnte es gewesen, so muss es gewesen. Barbéris verschafft der Annäherung Raum, und es kommt der seltsame Ton des Umherschweifens zustande. Kein Finale furioso, eher ein Mord wie das Ende einer Symphonie.

Dominique Barbéris lässt mit den letzten Seiten die leisen Töne ausklingen.

Eine Frage von Glück oder Zufall

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Letzte Kommentare:
14.09.2011 11:00:50
Dieter Deginus

Aus meiner Sicht ist das Buch alles, nur kein Kriminalroman. Gut es geht um ein Mord, aber das macht noch lange kein Krimi aus. Wer aber an einer schönen melanchonische Geschicht gefallen findet, wer Freude an wunderschön beschriebenen Details hat, der die Sprache liebt, der wird hier reich belohnt. Nur Spannung, die darf er hier nicht erwarten