Die Schöne von Fontenay

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 1992, Titel: 'La Belle de Fontenay', Seiten: 235, Originalsprache
  • Heilbronn: Distel, 2001, Seiten: 247, Übersetzt: Stefan Linster

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Peter Kümmel
Vielschichtig, tiefsinnig und humorvoll - dennoch depressiv

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Enric Jovillar ist über 60, ehemaliger Journalist, und sein einziges Hobby ist sein Kleingarten am Rande von Paris, in dem er Gemüse züchtet und Kartoffeln. Dieses Jahr soll es die Kartoffelsorte "Schöne von Fontenay" sein, deren inhaltlich einzige Funktion - außer einem Auftritt auf der letzten Seite - es ist, dem Roman seinen Namen zu verleihen. Enric kam als 8-jähriger als politischer Flüchtling aus Spanien nach Frankreich, nachdem Faschisten seine Eltern umgebracht hatten. Auf seiner Flucht verirrte sich eine Kugel in seinen Kopf, was bewirkte, dass er seitdem taub ist und danach auch seine Sprache verloren hat. Später ist er wiederholt als militanter Anarchist aufgefallen, was ihm auch einige Verurteilungen einbrachte.

Aufgrund seiner Taubheit kommt es für ihn ziemlich überraschend, dass plötzlich Polizisten in seinem Garten stehen und eine Waffe auf seinen Kopf richten. Aus seiner Regentonne ziehen derweil andere Polizisten eine Leiche. Enric erkennt sofort die 17-jährige Laura, eine Schülerin des benachbarten Gymnasiums, die ihn oft in seinem Garten besucht hat.

Bei der Vernehmung zeigt er sich aufgrund seiner Vergangenheit und seiner damit verbundenen Erfahrung mit der Polizei wenig kooperativ. Er gilt zunächst als Hauptverdächtiger, wird jedoch freigelassen, da er für die Tatzeit ein felsenfestes Alibi vorweisen kann. Was jedoch Kommissar Gaillet und seine Mitarbeiter nicht davon abhält, ihn weiterhin zu schikanieren.

Als die Ermittlungen der Polizei ins Stocken geraten und sie den Mord schließlich als Tat eines Landstreichers abtun wollen, kann sich Enric nicht damit abfinden und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Nun ist das für einen Taubstummen natürlich nicht so einfach, denn Enric hat nie die Zeichensprache erlernt und auch das Lippenlesen beherrscht er nur mühsam. So bedarf seine Kommunikation immer der Schriftform.

Doch Enric hat sich schon eine Strategie zurechtgelegt, wie er der Sache auf den Grund zu gehen gedenkt. Sein Hauptquartier hat er in einer Kneipe beim Gymnasium aufgeschlagen, wo Lauras Mitschüler üblicherweise verkehren. Dort verteilt er kopierte Zettel an alle, die mit Laura Kontakt hatten, hauptsächlich Lehrer und Mitschüler. Darauf ist zu lesen:

 

1. Verraten Sie mir etwas, das nur Sie allein über Laura wissen, oder aber irgendwas Merkwürdiges über sie.

2. Erzählen Sie mir, wie die Tragödie Ihrer Meinung nach abgelaufen ist.

All das wird geheim bleiben. Es geht mir nur darum, wissen zu wollen, was passiert ist. Um es zu verstehen. Damit ein alter Freund von Laura wieder seinen Schlaf findet. [...]

 

Die ersten Antworten, die er auf diese Weise erhält, sind relativ nichtssagend und bringen ihn nicht weiter. Doch schon bald merkt er, dass es außer der Polizei noch jemanden gibt, der ihn auch mit Gewalt von weiteren Ermittlungen abhalten will.

Der Schreibstil von Jean-Bernard Pouy ist anspruchsvoll, dabei aber sehr angenehm. Er lässt seinen Protagonisten Enric die Geschehnisse aus dessen Sicht in der Ich-Form erzählen. Dies tut er in einem lockeren humorvollen Stil, der bis hin zum Zynismus geht, ab und zu den Leser direkt ansprechend, jedoch dabei recht abwechslungsreich. Teilweise mit poetischen Adjektiven, wenn er Örtlichkeiten beschreibt, gelegentlich ausschweifend, aber auch bisweilen kurz und prägnant, wenn die Situation dazu passend ist. Auch verfällt er manchmal in eine Art Umgangssprache, was das Geschehen nur realistischer macht. Die Charaktere werden sehr detailliert und schonungslos beschrieben, wenngleich mir manche Lehrer doch etwas stereotyp wirkten, so daß ich sie nur schwer unterscheiden konnte.

Zum Thema Humor folgendes Beispiel: Als Mittel gegen Grippe hat Enric ein Patentrezept, die "Drei-Hüte-Aufgußkur: Du haust dich ins Bett, legst einen Hut ans Fußende, ziehst dir dann einen heißen Calvados nach dem anderen rein, und wenn du schließlich drei Hüte vor dir siehst, bist du geheilt."

Neue Ideen im Genre des Kriminalromans werden zwangsläufig immer seltener. Der Ansatz, einen Taubstummen einen Mordfall lösen zu lassen, ist jedoch, soweit mir bekannt ist, noch nicht dagewesen. Da jegliche Kommunikation mit dem Erzähler der Schriftform bedarf - auf Zetteln, Tischdecken oder Wänden -, ergibt sich zwangsläufig, dass direkte Rede im Buch fast vollkommen fehlt. Dadurch entstehen oft lange, durch Enrics Monologe gelegentlich auch langatmige Absätze und Abschnitte.

Zu Beginn des Romans ist das alles recht neu und spannend. Zunächst einmal das überraschte Erkennen des Lesers, dass er es beim Protagonisten mit einem Taubstummen zu tun hat, dann dessen widerspenstiges Verhalten gegenüber der Polizei und schließlich die Neugier darauf, mit welcher Vorgehensweise er sich Informationen beschaffen will. Doch so nach und nach versickert die anfängliche Spannung und der Mittelteil zieht sich relativ zäh, weil neue Informationen nur tröpfchenweise kommen und Pouy zunehmenderweise ins politisieren kommt. Bei den Lehrern des Gymnasiums handelt es sich durchweg um alternde 68er, Stalinisten und Maoisten mit moralisch bedenklichen Vorstellungen und Enrics Vergangenheit als Anarchist ist für ihn mehr störend als sie ihn voranbringt.

Erst gegen Ende des Buches steigt die Spannung wieder an, als es zusehends in Richtung Auflösung geht. Durch genügend Sturheit, Sensibilität und Agressivität kann Enric langsam die losen Fäden verknüpfen. Und dabei ist er, der selber einiges einzustecken hat, auch nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel und so muß der Leser einige ziemlich brutale Szenen erleben.

"Die Schöne von Fontenay" ist ein sehr vielschichtiges und tiefsinniges Werk und, obwohl sehr humorvoll und offen geschrieben, doch ein eher depressiv wirkendes Buch.

Die Schöne von Fontenay

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