Crash

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Page & Turner, 2011, Seiten: 480, Übersetzt: Jochen Stremmel

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Jürgen Priester
Crash oder Apokalypse 2.0?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Dez 2010

Wenn die Börse zusammenbricht, sprechen wir von einem Crash; wenn zwei Autos zusammenstoßen, heißt es Crash; wenn ein Computer abstürzt, ist es auch ein Crash. Wenn das ganze Universum auf einen Schlag verschwindet, ist das etwa auch nur ein Crash? Mit diesem vergleichsweise harmlosen Titel, bezogen auf die im Buch geschilderte Bedrohung, versucht der Page & Turner-Verlag die Leser zu locken. Doch in Mark Alperts zweiten Thriller wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Ein religiöser Fanatiker will das Ende aller Zeiten hervorrufen, indem er einen atomaren Sprengsatz mit einer Laserwaffe aus Ronald Reagans ehemaligen Star-Wars–Programm koppelt. So soll es zu einer Überladung des Raum-Zeit-Kontinuums kommen, die zur Auflösung des Weltraums führt. Dazu braucht er leider die "Einheitliche Feldtheorie", an der Albert Einstein seiner Zeit gescheitert ist, die sich aber, weil es die Erzählung so will, im Gedächtnis von Einsteins Ur-Ur-Enkel befindet. Wie sie da hinein gekommen ist, kann man in Alperts Debütroman Die Würfel Gottes nachlesen. Muss man aber nicht. Die beiden Romane sind zwar durch das Personal miteinander verknüpft, doch sind es in sich abgeschlossene Geschichten. Und es ist keine Science-Fiction, wie man mutmaßen könnte. Nun gut: die "Einheitliche Feldtheorie" gibt es immer noch nicht, aber das sei Alperts Faible für Albert Einstein geschuldet.

Der Wissenschaftshistoriker David Swift bereitet sich auf seinen Vortrag bei der Konferenz der "Physiker für den Frieden" vor. Kurz vor Beginn seiner Rede ereilt ihn die Nachricht, dass es im Nordiran nahe der Grenze zu Turkmenistan zu einer atomaren Explosion gekommen ist. Eine Meldung, die den Verlauf der Konferenz auf den Kopf stellt. Es kommt zu erregten Debatten. Während der heißen Diskussionen nimmt der Quantenphysiker Jacob Steele Swift zur Seite und erzählt ihm, dass er in seinem Labor neben der atomaren Erschütterung auch noch eine Raum-Zeit-Anomalie feststellen konnte und das anhand seiner Messungen belegen werde. Bevor es dazu kommt, wird Steele erschossen. Damit der Turbulenzen nicht genug: Die FBI-Agentin Lucille Parker, die Swift von seinen früheren Abenteuern her kennt, informiert ihn, dass sein Adoptivsohn Michael Gupta, der Ur-Ur-Enkel Albert Einsteins aus dem Autismus-Zentrum in Manhattan, an dem seine Entwicklungsstörung behandelt wird, entführt worden ist.

Wahrlich ein furioser Auftakt, den Mark Alpert hier präsentiert. Da der Leser zu Anfang besser informiert ist als die Protagonisten, weiß er, dass alle Ereignisse miteinander verknüpft sind und wer der Drahtzieher im Hintergrund ist. Bruder Cyrus nennt er sich und man könnte ihn als christlichen Fanatiker bezeichnen, der sich von Gott erwählt und erleuchtet fühlt, dessen prophezeites Reich mit einem großen Knall zu etablieren. Dazu braucht er Spaltmaterial, spezielle Laserwaffen und die Formel von Einsteins "Einheitlicher Feldtheorie", die der junge Michael in seinem Kopf gespeichert hat. Cyrus` Planungen sind nahezu perfekt, kann er doch auf eine ganze Heerschar von Agenten, Auftragsmördern und Soldaten zurückgreifen, alles "Wahre Gläubige", die ihm hörig folgen und der festen Überzeugung sind, ihnen nahe sich das Himmelreich.

Dagegen ist die Seite der "Ungläubigen" viel schlechter aufgestellt. David Swift und seine Frau, die Physikerin Monique Reynolds, agieren fast als Einzelkämpfer; nur ab und an gibt es Unterstützung von unerwarteter Seite. Einzig auf die tatkräftige Mithilfe des treuen FBI-Haudegens Lucille Parker können sie bauen. Deren Erfahrung und weitreichenden Kontakte sind oft die Rettung in brenzligen Situationen. Die Zeit wird knapp, der Countdown läuft.

Crash ist eine richtige "Räuberpistole" mit Kopfarbeit am Anfang und im weiteren Verlauf immer mehr Action, die dann in einem kinoreifen Show-down endet. Es geht von New York über Jerusalem, wo es zu wilden Verfolgungsjagden durch die über- und unterirdischen Gassen der Altstadt kommt, bis hin in die zerklüftete Bergwelt des Länderdreiecks – Afghanistan - Turkmenistan – Iran, wo Cyrus und seine Mannen ihre Endzeit-Bombe zünden wollen.

Phantastische Elemente in einen konventionellen Thriller einzubauen, ist ja mittlerweile gang und gäbe, ob es sich dabei um Menschen mit paranormalen Gaben, futuristische Technik oder utopische Szenarien handelt. Diese Ingredienzien müssen keiner kritischen Analyse standhalten. Der Leser muss sie als Fantasieprodukte des Autors akzeptieren oder eben nicht. In Crash steht eine Weltformel im Mittelpunkt, die es nicht gibt, aber sie ist als Möglichkeit so gut in den Kontext der Handlung eingebunden, dass sie glaubwürdig erscheint.

Viel schwerer tut man sich als Leser mit dem religiösen Fanatismus von Bruder Cyrus und Konsorten. Das, was sie glauben, ist dabei nicht so sehr von Relevanz - da gibt es im wirklichen Leben genügend Beispiele ähnlicher religiöser Verirrungen – sondern wie Mark Alpert diese Sektierer vorstellt und zu Worte kommen lässt. Cyrus´ salbadernde Vorträge, die Schein-Gebete, die er vorgibt, die seine Jünger nur nachplappern, wirken einfach nur lächerlich. Wäre man ansonsten nicht von der Ernsthaftigkeit der Geschichte überzeugt worden, würde man annehmen, eine Persiflage zu lesen. Da der Sekte der "Wahren Gläubigen" als Antagonisten ein breiter Raum gegeben ist, wirkt sich das leider negativ auf den Lesegenuss aus. Ein an sich guter Plot büßt viel von seiner Attraktivität ein.

Mark Alpert ist Wissenschaftsredakteur bei der angesehenen "Scientific American". Wohl ein Grund für ihn, auch in seinen Romanen über relevante Themen aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen zu schreiben. Quantenphysik oder Quantencomputer sind nicht gerade Bereiche, mit denen sich der Laie tagtäglich beschäftigt. Alpert beschränkt sich in diesem Roman auf das Notwendigste und das erklärt leicht verständlich. Man muss sich nicht mit gelehrten Formulierungen plagen, sondern kann sich ganz dem rasanten Geschehen widmen. Crash ist ein anspruchsvoller Thriller, der viel Hintergrundwissen vermittelt, ohne dass es zu Brüchen in der Spannungskurve kommt. Crash hätte sicherlich eine bessere Bewertung verdient, wären da nicht diese seltsamen "Gläubigen", die den Leser auf Schritt und Tritt verfolgen.

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