Kaltes Spiel

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2011
  • New York: Ballantine Books, 2009, Titel: 'True detectives', Seiten: 368, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 500, Übersetzt: Georg Schmidt
Kaltes Spiel
Kaltes Spiel
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Jürgen Priester
35°

Krimi-Couch Rezension von Jürgen Priester Dez 2010

Orientierungslos!

Jonathan Kellerman gehörte mal zur Oberklasse der amerikanischen Krimi-Autoren. Wie vielen seiner Kollegen ist ihm auch schon vor Jahren die Luft ausgegangen. Seinem ersten Serienhelden, dem Psychologen Alex Delaware, fehlt es verständlicherweise nach paar und zwanzig Folgen an innovativer Kraft. Er kopiert sich nur noch selbst. Eine zweite Serie mit Detective Petra Connor hat Kellerman nach zwei Romanen nicht weiter verfolgt. Seine Standalones sind eher lapidar, als dass sie in Erinnerung bleiben könnten. Das einzige, was Kellerman bisher gerettet hat, ist sein guter Name, den er sich in den 1990er Jahren mit seinen gut komponierten Krimis um sein Alter-Ego Delaware erworben hatte. Diesen guten Ruf verspielt er schlussendlich mit Kaltes Spiel, das so belanglos ist, wie sein deutscher Titel schon ankündigt. Sollte dieser Roman ein Versuch sein, ein neues Ermittler-Duo zu etablieren – quasi eine jüngere Generation - so ist er damit kläglich gescheitert. Aaron Fox und Moses Reed, der eine schwarz, der andere weiß, sind die ungleichen Brüder, die hier die True Detectives - so der amerikanische Titel - geben sollen. Um sicherzustellen, dass sie auch als Teil des Kellerman-Universums wahrgenommen werden, lässt der Autor seine Stars Delaware und Sturgis als Mentoren im Hintergrund auftreten. Petra Connor darf sogar eine entscheidende Rolle bei den aktuellen Ermittlungen spielen.

Aaron und Moses haben eine gemeinsame Mutter, die in erster Ehe mit Darius Fox, einem schwarzen Detective des LAPD, verheiratet war. Aus dieser Beziehung entsprang Aaron. Als Darius in Ausübung seines Berufes zu Tode kommt, tritt sein Partner Jack Reed an dessen Stelle an Madelines Seite. Vier Jahre nach Aaron kommt Moses zur Welt. Das ist lange her. Mittlerweile haben sich die Halbbrüder zu gestandenen Männern entwickelt. Aaron ist nach einer Stippvisite bei der Polizei als erfolgreicher Privatdetektiv tätig. Gutes Geld hat er gemacht, was ihn befähigt, sich mit allen möglichen Statussymbolen zu umgeben – vom Porsche bis zu Designer-Klamotten und Accessoires. Ein richtiger Schickimicki, halt. Im Gegensatz dazu macht Moses einen eher biederen Eindruck. Auf Äußerlichkeiten legt er keinen Wert. In seinem Job als Detective der Mordkommission geht er fast völlig auf. Da muss seine Freundin des öfteren hinten anstehen. Seit nun fast anderthalb Jahren quält er sich mit dem Fall des spurlosen Verschwindens einer Studentin herum. Caitlin Frostig arbeitete als Kellnerin in einem Restaurant und verschwand eines Nachts nach ihrer Schicht. Niemand hat sie seitdem gesehen, noch etwas von ihr gehört. Wie das Leben oder der Zufall so will, wird auch Aaron auf diesen Fall angesetzt. Sein Auftraggeber ist ein russischstämmiger Geschäftsmann, in dessen Betrieb der Vater von Caitlin arbeitet. Ein Kräftemessen der Brüder zeichnet sich ab.

Unzählige Krimi-Autoren haben bewiesen, dass man das alltägliche Puzzlespiel der Ermittlungsarbeit durchaus spannend gestalten kann. Jonathan Kellerman indes schickt seine Protagonisten in scheinbar endlose Warteschleifen, in denen sie enervierend gründlich über mögliche Szenarien spekulieren und so nebenher das brüderliche Verhältnis seit Kindestagen reflektieren. Im Fall geht es kaum voran, außer, dass verdächtige Gestalten auftreten, die man wiederum ausführlich observieren muss. Nach hunderten Seiten Leerlauf kommt doch etwas Dynamik auf, als eine Mitwisserin tot aufgefunden wird und sich Verbindungen zu einem noch älteren Fall auftun. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Geschichte. Das Verschwinden der Studentin rückt in den Hintergrund. Es gibt nur noch wenig Verknüpfungspunkte zwischen diesem und dem "neuen" Fall. Das überrascht den Leser schon unangenehm.

Das Leben folgt keiner Logik und es verläuft in den meisten Fällen auch nicht sehr gradlinig. Es kommt zu Brüchen und manche Problemlösungen sind einfach oder die Probleme lösen sich von allein. Jonathan Kellerman bietet in dem einen Fall eine simple, plausible und wohlgefällige Lösung an, nur fragt man sich, wozu der ganze Aufwand vorher. Dass als Nebeneffekt ein anderes Verbrechen aufgedeckt wird, wirkt so, wie wenn eine Jungfrau zum Kind kommt.

Mit zwei jugendlichen Helden einen neuen Anfang wagen, vielleicht auch eine jüngere Leserschaft anzusprechen, mögen Kellermans Motive für diesen Roman gewesen sein, doch mit seinen 61 Jahren zählt er nun mal nicht mehr zu dieser Altersklasse und diese Distanz ist deutlich spürbar. Stupides Namedropping mag tatsächlich für gewisse jugendliche Kreise kennzeichnend sein, für einen Leser älteren Semesters ist es fast so nervig wie in American Psycho, wo es aber der Persiflage dient. Ebenso deplatziert wirken die künstlich auf jugendlich getrimmten Dialoge, mit denen auch so ein versierter Übersetzer wie Georg Schmidt seine liebe Not hat. Nicht coole Sprüche, sondern Tempo und Dynamik sollte man von einem jungen Team erwarten können, aber davon ist in Kaltes Spiel nichts zu spüren. Die Protagonisten dümpeln in ihren Autos vor sich hin, immer in der Hoffnung, dass etwas passiert. Der Leser dümpelt mit, immer in der Hoffnung, dass es mal spannend wird.

Der Roman spielt im Moloch Los Angeles, hauptsächlich in Hollywood. Auch wenn dieser Stadtbezirk weit ländlicher ist, als man sich das vorstellt, fragt man sich, was hat der Wald zu bedeuten, der das Titelbild ziert? Eine mögliche Erklärung wäre, dass es sich um den Wald handelt, in dem sich Jonathan Kellerman beim Schreiben dieses Romans verirrt hat – orientierungslos auf der Suche nach dem Baum, der die Erkenntnis bringt, dass ein erfolgreicher Krimi-Autor lieber eine schöpferische Pause einlegen sollte, als mit einem halbstarken Plot aufzuwarten.

Kaltes Spiel

Jonathan Kellerman, Goldmann

Kaltes Spiel

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