Der zweitbeste Koch

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Innsbruck: Haymon, 2010, Seiten: 200, Originalsprache

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Jochen König
Wiener Chinatown

Buch-Rezension von Jochen König Nov 2010

Kurt Bracharz schuf zum Ende der 80-er des letzten Jahrtausends mit Pappkameraden und Höllengel zwei exzellente deutschsprachige Hardboiled-Kriminalromane an der Grenze zur Parodie. Sein fettleibiger, glatzköpfiger, belesener und trinkfreudiger Privatdetektiv Adrian war zwar ein Wechselbalg, aber eindeutig eins, das Philip Marlowe und seine Nachfolger als Taufpaten vorweisen konnte. Wenn er sich mit einer missratenen Millionärstochter, aidskranken Rockern und der Welt im Allgemeinen rumschlug, bzw. geschlagen wurde, wusste er sich immer mit jenem zynischen Witz (plus einer gehörigen Portion Wiener Schmäh) seiner Paten zumindest verbal zur Wehr zu setzen.

Ähnlich eloquent, allerdings auf völlig anderem Gebiet, geht auch Xaver Ypp, Hauptfigur von Kurt Bracharz aktuellem Werk Der zweitbeste Koch zu Werke. Ypp ist seines Zeichens Gourmetkritiker des Magazins "Lukull" und als solcher mit kritischen Anmerkungen zu exotischen Restaurants und den entsprechenden Speisen betraut. So ist er zunächst auch nur irritiert, als sein Lieblingskoch Wang Li spurlos verschwindet. Sein detektivischer Spürsinn wird erst geweckt, als ihm eine Speiseprobe gewaltsam geklaut wird, die er an Wangs ehemaliger Arbeitsstätte, dem "300-Plätze-Nostalgie-Lokal" "Shanghai 1938", heimlich eingesteckt hatte. Nicht heimlich genug.

Sollte Wang Li etwa selbst Teil der Speisekarte geworden sein? Ypp beginnt nachzuforschen, erhält Unterstützung vom jugendlichen Geschmacks- und Mathe-Genie Quentin sowie dessen Freundin Zoe. Vor allem von Zoe, die Ypp sein fortgeschrittenes Alter vergessen lässt, einer obskuren Tierschützertruppe angehört und letztlich dafür sorgt, dass Xaver mit seiner Vergangenheit ins Reine kommt.

Dazwischen tummeln sich alle möglichen Speisen an der Grenze zum Unverdaulichen, Pandas, schwierige verwandtschaftliche Verhältnisse, Geheimdienste, Rechtsradikalismus, Gangster unterschiedlicher Nationalität, die Village People, T.S. Eliot, Boy George und schwarze Schnecken. Vor allem schwarze Schnecken.

Wer jetzt immer noch glaubt, "der zweitbeste Koch" sei ein lupenreiner Kriminalroman, der wird sich bitterlich enttäuscht sehen. Kurt Bracharz wird nicht ohne Grund gerne als "Gastrokritiker und Gastrosoph" bezeichnet. Wer wäre also besser geeignet einen Roman zu schreiben, in dem Essen eine tragende Rolle spielt?

Darum, wie Essgewohnheiten und exotische Spezialitäten Menschen und Geschichten verbinden oder auseinanderreißen. Bracharz zeigt auf höchst vergnügliche und fundierte Weise, dass nicht nur die Liebe durch den Magen geht. Dabei steht Xaver Ypps aufklärerischer, hoch moralischer und mit zenmäßiger Gelassenheit vorgetragener Lebensstil klar in der Tradition der hartgesottenen Detektive. Er stolpert zwar mehr über Ergebnisse, als dass er zielgerichtet ermittelt, aber Hartnäckigkeit und gekonnter Spazierstock-Einsatz sind nicht zu unterschätzende Tugenden im Ermittlungs-Geschäft.

Doch Ypp seziert keine Leichen, sondern "Döbelköpfe", hat zu fast jedem Belang des modernen Lebens einen mal müffeligen, mal lebensklugen Kommentar auf Lager und wartet nur darauf, aus seinem selbst gewählten Zustand der Stagnation auszubrechen. Zoe, Bruder Rudi und nicht zuletzt Wang Li zum Dank, passiert genau das.

Bis dahin hat der der vergnügte Leser einiges über die abseitigen Formen der Nahrungsaufnahme erfahren, durfte erleben wie Hannibal Lecter aus Gourmet-Sicht ein vernichtendes Geschmacksurteil bekam; ein bisschen Mathematik betreiben und nicht zuletzt en passant erfahren, dass das globalisierte Verbrechen derart zum Alltag gehört, dass es gar nicht mehr als solches wahrgenommen wird.

Der zweitbeste Koch ist charmant, witzig, kenntnisreich und entwickelt auf seinen 176 Seiten so viele Scharaden, das ungleich dickere Bücher grün werden dürften vor Neid. Wenig is(s)t wie es scheint und am Ende ist vor allem eins klar: "Nichts ist so beständig wie der Wandel".

Wer jetzt noch Mord und Totschlag oder gar stringent entwickelte Hochspannung erwartet, der hat nicht aufgepasst und wird ohne Abendessen ins Bett geschickt. Auf dass der beste Koch sein fürchterliches Werk verrichte …

Der zweitbeste Koch

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