Schwarzwasser

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 1998
  • New York: St. Martin’s Press, 1996, Titel: 'Black Water', Seiten: 217, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 1998, Seiten: 272, Übersetzt: Veronika Dünninger
Schwarzwasser
Schwarzwasser
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Michael Drewniok
65°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Nov 2010

Kein Wasser ist tief genug für das perfekte Verbrechen

Huron Harbor ist ein kleines US-Städtchen am Ufer des Michigan-Sees. Hier führt Michelle Mitchell, ehemalige Berufstaucherin, das Restaurant "Krähennest" und einen kleinen Laden für Tauchsportgeräte. Weil die Geschäft nur mäßig laufen, verdient sie sich gern ein paar Dollar dazu, wenn es darum geht, auf dem Grund des Sees nach verlorenen Dingen zu fahnden: Bootsmotoren, Ausrüstungsgegenstände – oder die Leichen allzu wagemutiger Süßwassermatrosen.

Dieses Mal ist es ein versunkenes Auto, das im schwarzen Wasser des Odawa Rivers entdeckt wurde. Es ist beladen mit Gepäck, aber ohne Fahrer. Michelle kennt es. Einige Tage zuvor war Jimmy Calderon ins "Krähennest" gekommen, um sie nach Owen McClain, einem örtlichen Geschäftsmann, auszuhorchen, der ein ihm lange unbekannter Bruder sei. Jetzt folgt ihm Ray Calderon, Jimmys Halbbruder, der just in Huron Harbor eintrifft, als dessen Wagen aus dem Wasser gezogen wird.

Jimmy ist ein Ex-Verbrecher, der noch unter Bewährung steht, die er verletzt hat, als er den Staat Michigan betrat. Hat ihn nur die Familiengeschichte hierher getrieben? Owen McClain hat Jimmy Calderon vor die Tür gesetzt, behauptet er. Auch an den Vater erinnert er sich ungern. Der ältere Owen war ein Deserteur, der sich während des Vietnamkriegs mit dem Sold der Kameraden aus dem Staub gemacht hat.

Die verschrobene, nach einem schweren Unfall verkrüppelte Matriarchin des McClain-Clans bittet Michelle, Ray Calderon bei der Suche nach Jimmy zu unterstützen und ein Auge auf ihn zu halten. Michelle lässt sich nicht kaufen, sondern hilft Calderon freiwillig. Das wird von Owen jr. gar nicht gern gesehen. Er setzt Himmel und vor allem Hölle in Bewegung, um den lästigen Schnüfflern das Leben schwer zu machen ...

Kleiner Ort mit großen Geheimnissen

Abgelegene kleine Dörfer und neugierige Fremde: eine klassische Konflikt-Konstellation, aus der sich turbulentes Geschehen quasi automatisch entwickelt. Das Spektrum ist begrenzt, aber ein geschickter Erzähler kann trotzdem noch eine Menge aus dem Thema herausholen.

Doug Allyn wählt die Variante "Stadtfürst mit Geld aber ohne Skrupel gegen Bürger/in mit Furcht aber ohne Tadel". Er macht daraus eine flotte und spannende Geschichte, die nicht originell sein, sondern unterhalten will. Das gelingt, was nicht nur an der angenehmen Schreibe liegt. Auch der fabelhaften Kulisse verdankt Schwarzwasser viel. Huron Harbor ist ein Ort auf der Naht zwischen Zivilisation und Natur. Die stetige Überschreitung dieser Grenze in beide Richtungen ist reizvoll; sie bietet dem Leser das Beste aus beiden Welten.

Das wird im Mittelteil zunehmend wichtiger. Hier hängt die Handlung ein wenig durch bzw. wird durch die aufkeimende Liebe zwischen Michelle & Ray verwässert. Möglicherweise verfolgt Autor Allyn diesen Strang so eifrig, weil er als Mann politisch korrekt aus weiblicher Sicht schreiben will. Das eigentliche Geschehen wird durch das belanglose, den Konventionen des Unterhaltungsromans entsprechende Balzritual weder vorangebracht, noch kann es dieses auf einer zweiten Ebene ergänzen.

Spannung unter Wasser

Erst im Finale kehrt Allyn zum Bewährten zurück. Die Leichenfundszene in der Unterwasserhöhle ist solides Krimihandwerk im heute üblichem Hautgout-Ambiente. Die anschließende Auflösung produziert freilich kollektives Stirnrunzeln auf Leserseite, denn sie bemüht arg den Zufall und ersetzt Sachlichkeit durch Melodramatik, statt sich aus dem Lokalkolorit zu speisen, dem der Verfasser bisher so viel Raum schuf. Das ist legitim, muss dann jedoch ein wenig zündender umgesetzt werden als hier.

Sogar ein bisschen Sozialkritik schleicht sich ein. Huron Harbor ist zwar ein Ort vieler Naturschönheiten. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch mit dem Land der kernigen Trapper, Holzfäller und sonstigen Pioniere längst vorbei. Die McClains üben ihre Macht ganz aktuell aus: Sie verteilen keine Lehen mehr an treue Knechte, sondern Arbeitsplätze, die rar sind in dieser Gegend. Eines ist allerdings unverändert geblieben: Fremde werden von den guten Bürgern weiterhin so ungern gesehen wie nichtweiße Minderheiten oder Ausländer.

Die Frau im männlichen Autor?

Leicht kann es peinlich werden, wenn ein männlicher Schriftsteller es sich in den Kopf setzt, eine Frau zur Hauptfigur seiner Geschichte zu machen. (Umgekehrt gilt dies übrigens ebenso.) Das Hineinversetzen in das andere Geschlecht ist schwierig und verführt dazu, sich auf Klischees zu verlassen. Mit seiner weiblichen Heldin wandelt Alleyn auf einem schmalen Grat. Besonders die Lovestory Michelle-Ray ächzt vernehmlich unter der Anstrengung, die älteste Sache der Welt einmal aus der Sicht des anderen Geschlechts zu betrachten. Vorsichtshalber geht Allyn auf Nummer Sicher und versprüht gleich mehrfach kräftig Eau de Emancipation, bis das Ergebnis vor Vorzeige-Liebe (= sauberer Sex & ehrliche Absichten) nur so trieft.

Allein erziehende Mutter und Geschäftsfrau unter Druck in einer Welt kerniger Flanellhemdenträger – da könnte viel Hillbilly-Humbug gedrechselt werden. Wird aber nicht bzw. nur in Maßen. Michelle kommt gut allein zurecht. Ihren rebellischen Junior bekommen wir überhaupt nicht zu Gesicht – Extra-Dank an Mr. Allyn! Notfalls stehen Michelle die Modell-Lesbe Red (Herz aus Gold, Faust aus Eisen) und der redliche Sheriff Bauer (= der väterliche Freund) zur Seite.

Kennen wir, können wir mit leben

Als potenzieller Mr. Right kann sich Ray Calderon bewähren. (Wie gesagt: Der Krimi wird mit Schwarzwasser trotz aller Qualitäten nicht neu erfunden.) Immerhin springt er der taffen Heldin nicht im Finale urplötzlich aus einem Busch rettend zur Seite. Stattdessen fängt er sich vorher eine Kugel ein und fällt für das weitere Geschehen aus. Wir vermissen ihn durchaus ein bisschen, denn Allyn findet für seinen Plot eine so demonstrativ ´weibliche´ Lösung, dass eigentliche alle von diesem Schmalztopf getroffenen Leser/innen empört aufheulen sollten.

Als Schurken in unserem Spiel thronen die McCains über Huron Harbor. Dort mimen sie die honorige Elite, die für ´ihre´ Bürgerschaft sorgt. Solange diese Untertanen spuren, funktioniert das System. Die Ankunft von Jimmy Calderon bringt es ins Wanken, Ray Calderons Nachforschungen drohen es zu zerstören. Klar, dass sich Provinzfürsten wie der grobe Owen und seine viel gefährlichere Mutter das nicht gefallen lassen. Für Geld lassen sich Schläger dingen und korrupte Amtsinhaber schmieren; der amerikanische Traum verwirklicht sich halt seit jeher primär für den, der die Konkurrenz aus dem Hinterhalt niederknüppelt.

Auf diese simple Formel verlässt sich Autor Alleyn leider letztlich zu offensichtlich. Er verschneidet Politik- und Sozialkritik mit angestrengtem Gutmenschentum. Das Ergebnis ist weder Fisch noch Fleisch, sondern – viel schlimmer – ein Kriminalroman mit einer Botschaft, die den Leser so wuchtig wie der sprichwörtliche Zaunpfahl ins Genick trifft.

Schwarzwasser

Doug Allyn, Ullstein

Schwarzwasser

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