Prophezeiung

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011, Seiten: 400, Originalsprache

Couch-Wertung:

84°
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Jürgen Priester
Nichts Genaues weiß man nicht

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2010

Es mag ein Informationsdefizit beim Rezensenten vorgelegen haben, dass ihm der Name Sven Böttcher nicht geläufig war, dass er sogar Prophezeiung für den Debütroman des Autors hielt. Ein Blick in das kompetente Autorenverzeichnis der Krimi-Couch zeigt, dass Sven Böttcher ein vielseitig engagierter Mann ist und schon eine stolze Reihe an Veröffentlichungen sein Eigen nennen kann. In der Bibliographie klafft eine auffällige Lücke zwischen den Jahren 2000 und 2011, die sich zum Teil dadurch erklärt, dass Sven Böttcher unter Pseudonymen veröffentlicht hat. Eins davon ist der Name John S. Cooper, unter dem er zusammen mit dem "taz"- Redakteur Mathias Bröckers schreibt. Viele werden deren rasante Verschwörungsthriller Das fünfte Flugzeug oder Zero kennen. Ins selbe Horn stößt Sven Böttcher jetzt im Alleingang, wieder unter seinem Klarnamen. Prophezeiung wird schon mancherorts als Klima-Thriller gehandelt - ein weiteres Schublädchen, das es zu füllen gilt? Vordergründig geht es in Böttchers Roman um Klima, Klimaforschung, Wetterprognosen und deren Validität, aber eigentlich geht es um Rache, Macht und Geld. Nicht nur der Herr Kachelmann hat gewusst, dass man mit Wettervorhersagen Geld verdienen kann. Politik und Wirtschaft rangeln sich in Böttchers Geschichte um einen Milliarden-Markt. So ist Prophezeiung ein lupenreiner Polit- und Verschwörungsthriller, der in Sachen Spannung seinesgleichen sucht. Auch wenn der Roman fünf bis zehn Jahre in der Zukunft spielt – genauer lässt sich das nicht eingrenzen – haben wir es hier nicht mit Science-Fiction zutun. Entwicklungen in der Technik und die Veränderungen in der Natur befinden sich im Rahmen des Wahrscheinlichen.

Mavie Heller, Klimaforscherin in Hamburg, hat dank der Protektion ihres Mentors Prof. Eisele eine Anstellung im renommierten, geheimnisumwitterten Klimaforschungsinstitut IICO auf La Palma, Kanarische Inseln, bekommen. Dort soll sie sich mit der Analyse von Bohrkernen aus dem Polareis beschäftigen, doch ihre naive, burschikose oder einfach ganz menschliche Neugier lenkt ihr Interesse auf ein geheimes Projekt, zu dem ihr der Zugang noch verwehrt ist. Ihre Skrupel und alle Vorsicht vergessend hackt sie sich in das System und entdeckt das ihre Vorstellungen überschreitende Klima-Prognose-Programm "Prometheus". In nie dagewesener Weise kombiniert "Prometheus" urzeitliche Klima-Zyklen und periodisch wiederkehrende Erscheinungen mit aktuellen Daten der Klimaaufzeichnung und prognostiziert für die kommenden Wochen eine Sintflut ähnliche Regenzeit für die gemäßigten Breiten, während es im äquatorialen Süden zu einer dauerhaften Dürreperiode kommen soll. Die zu erwartenden Opferzahlen beziffern sich auf zwischen 400 und 800 Millionen. Aufgeschreckt durch diese alarmierenden Ergebnisse informiert sie verbotenerweise ihre Freundin Helen, die Reporterin bei einem bekannten deutschen Nachrichtenmagazin ist. Auch mit "ihrem" Professor spricht Mavie über ihre Entdeckungen. Am nächsten Morgen wird ihr seitens des Instituts fristlos gekündigt – ihr Eindringen ins System ist natürlich nicht unbemerkt geblieben – und Freundin Helen lässt bei einem Autounfall unter mysteriösen Begleitumständen ihr Leben.

Zurück in Deutschland verbündet sich Mavie mit Helens smartem Bruder Philipp, der primär den Tod seiner Schwester aufklären will, während Mavie nach Verbündeten sucht, um die Weltöffentlichkeit vor der bevorstehenden Katastrophe zu warnen, doch mächtige Unbekannte stellen sich ihnen in den Weg. Die "Guten" sind schnell ausgemacht. Die andere Seite ist schwerer zu definieren. Da hängt so mancher Spekulant, Urheber oder Krisengewinnler sein Fähnchen in den Wind. Gegensätze ziehen sich an, so sagt man, und Mavie und Philipp sind ein Gespann, das gegensätzlicher nicht sein kann. Sie, die selbständige, umweltbewusste und engagierte Wissenschaftlerin – er, der geldgeile, machohafte Finanzjongleur, dem keinerlei fleischlicher Genuss fremd ist. Ihr andauernder Schlagabtausch belebt die Geschichte, aber Sven Böttcher begeht nicht den Fehler, die beiden sich zu nahe kommen zu lassen.

Die ersten beiden Teile des Romans "Prometheus" und "Kassandra" werden hauptsächlich aus Mavies Perspektive (3.Person) erzählt, denn sie ist die Kassandra, deren Rufen keiner hören will. Zum dritten Teil, der "Pandora" überschrieben ist, gesellen sich ein unerwarteter Mitstreiter und Mavies exzentrischer Vater zu den beiden, so erweitert sich der Kreis der Erzähler, was der Geschichte zusätzliches Tempo verleiht und mit gut gesetzten Cliffhangers die Spannung steigert. Das Chaos ist Pandoras Büchse entsprungen. In Mitteleuropa brechen Verkehr und Kommunikation zusammen, Plünderungen sind an der Tagesordnung, aus Afrika machen sich Flüchtlingsströme in der Luft, zu Lande und zu Wasser auf den Weg. Eine Lösung der Probleme zeichnet sich nicht ab. Zu recht wird dieses Kapitel mit einem Spruch von H.L. Mencken eingeleitet:

 

Für jedes menschliche Problem gibt es immer eine

einfache Lösung – sauber, plausibel und falsch

 

Nichts Genaues weiß man nicht!Prophezeiung ist kein Roman sauberer Lösungen oder klarer Definitionen. Der vieldiskutierte Klimawandel hat verschiedenste Ursachen und lässt sich nicht auf einen Teilaspekt reduzieren. Deshalb postuliert Böttcher auch keine heilbringende Wahrheit. Er wendet sich nur gegen großtechnische Planungen wie gigantische Windparks in der Nordsee oder entsprechend überdimensionierte Solarparks in der afrikanischen Wüste. Die entstehen nicht zum Wohle der Menschheit, sondern zur Marktbeherrschung durch die Energiemonopolisten. Viele Autoren haben gerade in der letzten Zeit Endzeitszenarien entworfen, deren Auslöser unterschiedlichster Genese entsprangen – seien es Virus-Pandemien, Computer-Blackouts oder Atomschläge in der Atmosphäre. Eins hatten sie alle gemeinsam, dass es nämlich immer die Unterprivilegierten am härtesten trifft, wobei es bei uns Europäern immer ein Klagen auf hohem Niveau wäre. Der Grenzfluss "Styx", so das letzte Kapitel des Romans , trennt eben nicht nur die Lebenden von den Toten, sondern besonders die Reichen von den Armen.

Nichts Genaues weiß man nicht! Bis zum Ende der Geschichte bleibt es ungewiss, ob Millionen Menschenleben gerettet werden, ob die Drahtzieher im Hintergrund entlarvt werden können, ob alle Streiter für die gute Sache überleben werden. Sven Böttcher ist es gelungen, mit einem buntgemischten Personal, dessen Spektrum von Ökoaktivisten in der Tradition der Graswurzelbewegung bis hin zu einem egomanischen Nobelpreisträger reicht, einen turbulenten Plot zu schmieden. Selbst so ungleiche Wesen wie Wölfe, Zecken und Feuerquallen haben ihren spannungsgeladenen Auftritt. Hier erkennt man den Routinier, der alle Tricks des Spannungsaufbaus kennt und zu einem erfrischenden und intelligenten Potpourri vermischt, das nicht nur niveauvolle Unterhaltung bietet, sondern auch zum Nachdenken über unbequeme Wahrheiten anregt.

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