Der Menschenmacher

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Hannes Jaenicke

Couch-Wertung:

52°
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Jürgen Priester
Nicht Fisch, nicht Fleisch

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2010

Cody McFadyen kann man getrost zu den Shooting Stars in der aktuellen Thriller-Szene zählen. Alle vier Romane seiner Smoky-Barrett-Reihe tummelten sich besonders im letzten Jahr unter den Top-Ten verschiedenster Bestseller-Listen. Die Begeisterung über McFadyens (Über-) Heldin Smoky Barrett schlug gerade bei jüngeren Lesern so hohe Wellen, wie sie sonst höchstens Popidolen entgegen gebracht wird. Ein bisschen von ihrem Glamour-Glanz fällt auch auf den Autor zurück, der gerne mal als "genialster" oder "brillantester" Autor abgefeiert wird. Es ist kein Geheimnis, dass viele andere Leser und Kritiker diese Einschätzung nicht teilen.

Als im vergangenen Spätherbst für Februar 2011 ein "neuer Cody McFadyen" angekündigt wurde, begann das große Rätselraten in der Fangemeinde, ob in Der Menschenmacher "Everybody´s Darling" nun mitspielt oder nicht. Die Informationen waren erst spärlich, da The Innocent Bone, so der amerikanische Titel, noch nicht in den USA erschienen war und noch immer nicht erschienen ist, so dass man sich schon fragen kann, welche Gründe das haben mag.

Nun, Cody McFadyen gönnt seiner beliebten Protagonistin eine Babypause und setzt sie nicht eines schmachvollen Auftritts aus, wie das Kollegin Gerritsen mit ihrer Heldin Jane Rizzoli machte. Wie sieht nun das McFadyen-Universum ohne Smoky Barrett aus?

Der Menschenmacher ist ein in sich abgeschlossener Roman, der ganz ohne Ermittlungen im eigentlichen Sinn auskommt. Die Gegenwartsgeschichte ist eine Schnitzeljagd bzw. ein Wettkampf um Leben und Tod, den die drei Hauptfiguren aufgezwungen bekommen. In ausführlichen Rückblenden wird die Vorgeschichte der drei aufgerollt. Allison, Charlie und David waren Waisenkinder aus ärmlichen Verhältnissen, als sie von Streifenpolizist Bob Gray adoptiert wurden, und damit begann für sie eine Zeit unglaublicher physischer und psychischer Misshandlungen, die sie nur mit einem mutigen Schnitt beenden konnten.

Die Eingangsszene des Romans gehört zu den beliebtesten in der Thrillerbranche: Zwei maskierte Männer entführen eine junge bildhübsche Frau aus ihrem Schlafzimmer. Ein Satz im Sinne von: "Noch ein Wort, und ich schneid dir eine Titte ab und stopf sie dir ins Maul" sagt unmissverständlich, wo der Hammer hängt. Der Prolog bleibt erstmal ein Amuse-Gueule für den Thrillerfan, denn McFadyen geht daraufhin weit zurück in der Zeit und erzählt von Davids glücklichen, unbeschwerten Kindertagen. Ein rührseliges Episödchen nach dem Motto:

 

Wir waren arm, ach so arm, dass wir das Lametta für den Weihnachtsbaum aus Zeitungspapier schnippeln mussten.

 

Vielleicht hat der Autor nur Pech, dass gerade dieses Beispiel in Deutschland als Witz kursiert. In seiner Biographie schreibt er, dass er diese weihnachtliche Begebenheit selbst erlebt habe. Wie dem auch sei, dieses kleine Stück "heile Welt" bleibt der einzige Lichtpunkt in dem nun folgenden Szenario aus sich immer weiter fortsetzender Gewalt.

Aus den misshandelten Kindern sind Erwachsene geworden, die die Ereignisse von damals unterschiedlich verarbeitet haben. David hat als Krimiautor reüssiert und später dann die gemeinnützige Stiftung "Innocence Foundation" ins Leben gerufen, eine Institution, die sich präventiv und nachsorgend um bedrohte oder misshandelte Kinder kümmert. Der Haken an der Sache ist, dass David insgeheim die Aufgabenstellung der Stiftung über einen legitimen Rahmen hinaus erweitert hat. Charlie, Davids Bruder im Schmerz, hat als ehemaliger Angehöriger einer US-Spezialtruppe die Aufgabe übernommen, Pädophile, Pornographen, Zuhälter und ihre Zuarbeiter zu liquidieren. Dass es dabei auch zu Kollateralschäden kommt, nimmt er billigend in Kauf. Sein unverarbeiteter Hass, der von den Misshandlungen durch den Adoptivvater herrührt, lässt ihn zur brutalen Killermaschine mutieren.

Allison, die Dritte im Bunde, hatte es auf die legale Seite des Gesetzes verschlagen. Als Angehörige des FBI jagte sie hartnäckig Serienmörder, bis sie von den geheimen Machenschaften ihrer Brüder erfuhr. Ihr Gewissenskonflikt, einerseits Polizeibeamtin zu sein und andererseits von den Taten ihrer Brüder zu wissen, ließ sie den Polizeidienst quittieren.

Eines Tages bekommen alle drei jeweils ein Päckchen zugestellt, dessen Inhalt sie veranlasst, sich wieder zu treffen, und zwar an dem Ort, an dem alles begann.

Cody McFadyen hat sich eines ernsten Themas angenommen, des Kindesmissbrauchs. Sein Roman beginnt mit der Widmung: "Für alle mutterlosen Kinder" und endet u.a. mit dem Satz:

 

Er träumte … von einer Welt, in der alle Kinder in Sicherheit waren und alle Mütter am Leben.

 

Auch der amerikanische Titel The Innocent Bone, metaphorisch übersetzt der Unschuldsknochen, weist in Richtung der Opfer – ein imaginärer Knochen, der die physische und psychische Unversehrtheit eines Kindes schützen soll.

Überraschenderweise stehen dann die Opfer bei McFadyen gar nicht im Vordergrund. Er konzentriert sich mehr auf den/die Täter, sucht nach deren Motiven und versucht deren offensichtlichen Sadismus mit einem philosophischen oder religiösen Mäntelchen zu verbrämen. Ausführlichst bemüht er Friedrich Nietzsche und dessen Thesen zum "Übermenschen", um Bob Grays grausamen Erziehungsmethoden einen Hintergrund zu verschaffen. Nur greift McFadyen sich die Aspekte aus Nietzsches Theorie heraus, die in sein Konzept passen; andere übersieht er geflissentlich. Wenn nicht andere plakative Gründe bei der deutschen Titelgebung eine Rolle gespielt haben, geht der Titel Der Menschenmacher auf eine falsche Interpretation von Nietzsches "Übermensch"-Thesen zurück, zumal hier kein Macher, sondern ein Zerstörer am Werke ist. Auch die später ins Spiel kommenden religiösen Fundamentalisten sind keine verwirrten Glaubenskrieger, sondern einfach nur psychisch kranke Menschen.

Der ganze Aufwand, den McFadyen hier treibt, um seinem Roman einen intellektuellen Anstrich zu geben, führt sich selbst ad absurdum und wäre verzichtbar gewesen. Er transferiert die verübten Gräueltaten ins Abstrakte, so dass der Leser keine empathische Verbindung zu den Opfern entwickeln kann. Dass das Thema Kindesmissbrauch keines monströsen Hilfskronstrukts bedarf, zeigt Jack Ketchum in seinem Meisterwerk Evil.

Wenn es Cody McFadyens Ansinnen war, eine Verbindung zwischen seinen trashigen Thrillern und einem anspruchsvolleren gesellschaftskritischen Roman herzustellen, kann man es nur als misslungen bewerten.

Was macht ein jugendlicher Thrillerfan, der beim Namen Cody McFadyen auf knallharte Action setzt, wenn er sich mit philosophischen Traktaten, Zitaten von Bertrand Russell und einem ellenlangen Brief an Ernest Hemingway konfrontiert sieht? Er ärgert sich, wie es schon in vielen Kommentaren anklingt.

Ein "anderer" McFayden, wie es auch zu lesen ist, findet vielleicht ein neues Publikum, Doch das muss sich dann mit McFadyens expliziten Gewaltdarstellungen auseinandersetzen, obwohl der Autor sich im Vergleich zu seinen früheren Werken merklich zurückhält, doch ohne Ekelszenen – besonders im bluttriefenden Finale – geht es nicht.

Wer wie McFadyen zwischen zwei Polen pendelt, erreicht nicht zwangsläufig die Mitte, höchstens das Mittelmaß. Ein "Stand-Alone" außerhalb einer erfolgreichen Reihe birgt sowohl Risiko als auch Chance. Die Gefahr, das Stammpublikum zu vergrätzen, ist groß. Serien-Liebhaber möchten Kontinuität in Machart, Thematik und Personal, auch wenn nur ein Aufguss eines Aufgusses dabei herauskommt. Neuerungen stehen sie wenig offen gegenüber.

Um eine neue Leserschaft zu erschließen, bedarf es aber eines radikalen Schnitts mit der Vergangenheit und den hat Cody McFadyen nicht gewagt. Die eigenen Konventionen müssen aufgebrochen werden, sonst kann man es gleich sein lassen.

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