Die Antares schweigt

Erschienen: Januar 1956

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen „Death Below Zero“

    - London : Hutchinson & Co. 1950.

    - München : Goldmann Verlag 1952 (Goldmanns Kriminal‑Romane K 45). Übersetzt von Arnold Frederick Garthe [keine ISBN].  231 S.

    - München : Goldmann Verlag 1956 (Goldmanns Taschen-Krimi 82). Übersetzt von Arnold Frederick Garthe [keine ISBN].  216 S.

    - München : Goldmann Verlag 1979 (Goldmanns Krimi Nr. ). Übersetzt von Arnold Frederick Garthe. ISBN-13: 978-3-442-04356-9. 159 S.

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Michael Drewniok
Nur die Pinguine waren Zeugen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2010

Durch die eisigen Wogen des Weddellmeeres kämpft sich im Schatten der Antarktis das britische Forschungsschiff „Antares“. Seit sechs Monaten sind die Männer auf See und freuen sich auf die Rückkehr. Da erreicht sie ein Notruf: Das argentinische Schiff „El Toro“ ist gesunken, die Überlebenden haben sich auf das Packeis geflüchtet und warten auf Rettung. Die „Antares“ schafft die schwierige Fahrt zu den Eingeschlossenen. Es sind ebenfalls Wissenschaftler, die unter der Leitung von Professor Armstrong das Eismeer erforschten. Der Wissenschaftler wird von seiner jungen, schönen und egoistischen Tochter Juanita und der ebenfalls ansehnlichen Sekretärin Ann Lorimer begleitet.

Frauen an Bord! Die Emotionen unter den diesbezüglich ausgehungerten Männern der „Antares“ schlagen mindestens so hohe Wogen wie das Weddellmeer. Weniger Interesse erregt der Tod des „El Toro“-Passagiers Manuel Mendoza. In eine Eisspalte sei er gefallen und ertrunken, die Leiche aufs Meer hinausgetrieben, heißt es knapp. Das kommt dem Biologen Roger Crammond seltsam vor. Er ist ein begeisterter Amateur-Kriminalist, der auf See schon so manches Verbrechen geklärt hat.

Ein Eisberg beschädigt die Schraube der „Antares“. Auf der öden Skua-Insel soll sie notdürftig gerichtet werden. Das Funkgerät ist ausgefallen, die „Antares“ auf sich gestellt. Während sich die Mannschaft an die Reparatur macht, sehen die Forscher sich auf der Insel um. Am Strand machen sie eine grausige Entdeckung - die angespülte Leiche von Mendoza mit einem Dolch im Rücken. Was hat sich auf der „El Toro“ tatsächlich abgespielt? Das herauszufinden wird lebenswichtig, denn die Gefahr, vom neugierigen Crammond aufgespürt zu werden, lässt den Mörder wieder aktiv werden ...

Rätselkrimi an ungewöhnlichen Orten

Die Antares schweigt ist ein klassischer Krimi um einen Mord im verschlossenen Raum, nur dass dieser erst eine schlüpfrige Packeisscholle, dann ein auf weiter See mutterseelenallein dampfendes Schiff und schließlich eine einsame Insel ist. Die Regeln werden dennoch beachtet. Die beschriebene Untat ist ein scheinbar unmögliches Verbrechen. Wie ist es dem Mörder gelungen, und konnte er seine Spuren verwischen?

Das zu verfolgen ist immer spannend. Thomas Muir fügt dem Rätselraten eine exotische Dimension hinzu. Die Antares schweigt ist auch ein Abenteuerroman, der (nur scheinbar) harte Männer im Kampf mit einer unfreundlichen Natur zeigt. Die Mischung ist außerordentlich reizvoll, zumal Muir offensichtlich weiß, worüber er schreibt.

Freilich muss man feststellen, dass er seine Kulissen nur bedingt nutzt. Gewisse Längen bleiben nicht aus, wenn Crammond auf den Spuren von Hercule Poirot oder Gideon Fell wandelt und seine Ermittlungen vor allem mit Worten führt. Das funktioniert in einem abgelegenen englischen Landhaus, doch was nützt eine Reise ans Ende der Welt, wenn man diesen Schauplatz nicht konsequent für eine unverwechselbare Handlung einsetzt?

Seebären und Wissenschaftler

Roger Crammond: ein Angelsachse mit Wikingerblut in den Adern, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann. Wissenschaftler und Kriminologe ist er; die Reihenfolge wechselt rasch. Besondere Eigenschaften kann man an ihm ansonsten nicht feststellen.

Die Besatzungsmitglieder der „Antares“ bemühen sich redlich, alle oft, aber immer noch gern gelesenen oder im Film gesehenen Klischees vom rauen Seebären mit goldenem Herzen mit Leben zu erfüllen. Sie führen derbe Reden, geben sich kauzig bis exzentrisch, haben in jedem Hafen mindestens ein Herz gebrochen, arbeiten hart, trinken noch härter und sind für jedes testosteronschwangere Unterfangen zu haben.

An Bord der „El Toro“ ging es weniger gesittet zu. Kein Wunder, denn dort hatten heißblütige Südamerikaner das Sagen. Hier rutscht Muir vom schmalen Grad einer Figurenzeichnung zwischen Realismus und ironischer Überzeichnung ab und stürzt zwischen billige Vorurteile: Argentinier sind leicht erregbar und beleidigt, das Messer sitzt ihnen locker, wenn es um Stolz und/oder Frauen geht. Ständig fühlen sie sich gezwungen, Nationalbewusstsein unter Beweis zu stellen, indem sie alberne Reden über die Größe ihres Heimatlandes schwingen. Tatsächlich sind sie aber unsicher, taugen weder als Seeleute noch als Forscher viel und sind den tüchtigen Angelsachsen, die sie so verabscheuen, weit unterlegen.

Vorurteile gegenüber Frauen und Ausländern

Den Zeitgeist spiegelt auch Muirs Frauenbild wider. Es muss mit Nachsicht beurteilt werden, denn es gehört in eine Welt, die mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist. Trotzdem irritiert nicht nur Leserinnen die Figur der Juanita mit ihrer „Olivenhaut“, den „Samtaugen“ und dem notorisch labilen Charakter, der nur zwei Zustände - Zwangsflirt und Wutausbruch - kennt. Dagegen gibt sich Miss Lorimer mustergültig sittsam und wird prompt von ihren haltlosen latinischen Reisegefährten umso heftiger bebalzt; kein Wunder, dass sie erfreut ist, endlich wieder unter disziplinierten Landsleuten in Sicherheit zu sein.

Professor Armstrong, der britische Argentinier, ist ein arroganter Mistkerl. Kein Wunder: Wer sein Heimatland verlässt, um ausgerechnet nach Argentinien auszuwandern, kann laut Muir nur ein Verräter sein! Hier spielt nicht nur britischer Imperialismus eine Rolle, der in antarktischen Gewässern mit den als dreist empfundenen argentinischen Territorialansprüchen kollidierte, sondern sicherlich auch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, der die Argentinier erst im März 1945 (!) an die Seite der Alliierten gegen Deutschland und Japan treten ließ, während die Briten an vorderster Front einen gewaltigen Blutzoll geleistet hatten. Einige Besatzungsmitglieder der „Antares“ haben den zum Zeitpunkt unserer Geschichte nicht lange beendeten Krieg erlebt und durchlitten; sie sprechen davon und lassen wenig Nachsicht mit ‚Feinden‘ und ‚Drückebergern‘ erkennen.

Solche zeittypischen Zerrbilder sind auch großen Krimi-Klassikern nicht fremd. Sie müssen und können hingenommen bzw. als solche erkannt werden. Im Rahmen eines spannenden Krimis, der auf einer kundig geschilderten Antarktis-Seefahrt, gelingt das leicht. Die Antares schweigt macht neugierig auf weitere Abenteuer mit Roger Crammond.

Fazit

Ein „Whodunit“-Krimi vor ungewöhnlicher Kulisse, aber streng den klassischen Regeln gehorchend und deshalb doppelt reizvoll, wenn auch nicht ohne Längen.

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