Spirale

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Dial Press, 2011, Titel: 'Spiral', Seiten: 320, Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2012, Seiten: 400

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Jürgen Priester
Das Allerkleinste überlebt den Menschen

Buch-Rezension von Jürgen Priester Okt 2010

"Ein Megaseller breitet sich aus" 

Eine Aussage, die sich zur Zeit noch nicht mit Zahlen belegen lässt. Seit Wochen wird der Debütroman von Paul McEuen unter eigener Internetadresse (www.spiral-dasbuch.de) beworben. Der Scherz-Verlag hat ziemlichen Aufwand betrieben, um dieses Buch marktgerecht zu promoten: Trailer, Gewinnspiel, Leseprobe und eine Verbreitungskarte mit der etwas makaber tönenden Parole: Entdecken Sie Spiral und verbreiten Sie die Infektion.

Auch in den Buchhandlungen wird Spiral mit seinem giftgrün eingefärbten Buchschnitt der Aufmerksamkeit gewiss sein. Im schönen Kontrast dazu der schwarze Schutzumschlag mit einer überdimensionalen Abbildung einer Schimmelpilzspore

Ob der Autor über dieses Werbespektakel erfreut ist, sei dahin gestellt. Vielleicht ist heutzutage ein solcher Aufwand tatsächlich notwendig, um das Werk eines schriftstellerischen Nobody aus dem Wust der Veröffentlichungen hervorzuheben, dabei sprich dieser Thriller eigentlich für sich.

Ein Wissenschafts-Thriller par excellence

Paul McEuen hat seinen Thriller mit einem historisch belegbaren Untergrund versehen. Dazu müssen wir zurück in die 30/40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach dem zweiten chinesisch-japanischen Krieg hatten die Japaner in der besetzten Mandschurei eine Forschungsanstalt zur Entwicklung und Erprobung von biologischen Kampfstoffen eingerichtet, die unter dem Namen "Einheit 731" in die Geschichte eingegangen ist. Hier ist nicht der Ort, über die dort verübten Gräueltaten zu schreiben. Ein taz-Artikel aus dem Jahre 2002 (www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/08/26/a0139) fasst die Ereignisse von damals gut zusammen.

Es wird wohl nie gänzlich geklärt werden können, was die Japaner dort alles entwickelt haben. Warum also nicht auch den "Uzumaki" - die Spirale. McEuens fiktiver Schimmelpilz mit den todbringenden Eigenschaften.

McEuens Geschichte beginnt mit einem kurzen Vorspiel. Im Jahr 1946 kreuzt die amerikanische Kriegsmarine vor den japanischen Inseln. Auf einer Fregatte, die zuvor ein japanisches U-Boot aufgebracht hatte, kommt es plötzlich zu dramatischen Zwischenfällen. Soldaten, gerade noch putzmunter, rasten völlig aus, töten sich und ihre Kameraden. Die Marineleitung auf dem Flaggschiff ist ratlos, stellt besagtes Schiff unter Quarantäne und ordert Spezialisten der ABC-Abwehr, da der Verdacht auf eine Kontamination mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen besteht. Unter den Experten ist auch der junge Ire Liam Connor, der in der Royal Army Dienst tut. Connor ist anerkannter Mykologe und anhand der aufgetretenen Symptome vermutet er eine Vergiftung mit einem Schimmelpilz der Gattung Fusarium. Die Aussage eines an Bord befindlichen japanischen Kriegsgefangenen bestätigt Connors Annahme. Hitoshi Kitano war Ingenieur in den Laboren der berüchtigten "Einheit 731". Er erzählt Connor von den Kreuzungsversuchen mit verschiedensten Schimmelpilzen, an deren Ende der "Uzumaki" stand – ein Pilz mit todbringender Aggressivität und gesteigerter Virulenz. Diese Waffe sei nun Japans Ultima Ratio gegen die Amerikaner. Sieben Boten seien mit kleinen Phiolen unterwegs, um ausgewählte Zielobjekte zu infizieren. Kitano verschweigt, dass er selber zu den sieben Überbringern gehört. Als er das Mittel einsetzen will, kommt es zu einem Handgemenge mit Connor. Dieser kann das winzige Fläschchen an sich bringen......

Sechzig Jahre später. Liam Connor ist emeritierter Professor an der Cornell-University im Staat New York. Sein ganzes Leben hat er "seinen" Pilzen gewidmet, sich als Dozent und Publizist einen Namen gemacht. Nun genießt er seinen Lebensabend gemeinsam mit seiner Enkelin Maggie und deren Sohn Dylan. Die Universität hat ihm bereitwillig und großzügig Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass Connor seine Forschungen weiterhin betreiben kann. In Zusammenarbeit mit Jake Sterling vom Physikalischen Institut hat er zur Betreuung seiner Pilzgärten Miniatur-Roboter – die Micro-Crawler – entwickelt, die zu allerhand Kabinettstückchen fähig sind, aber auch eine gefährliche Waffe darstellen können, wie man später sehen wird.

Eines Abends bekommt Connor auf einem letzten Rundgang durch seine Gärten unerwarteten Besuch. Eine ihm unbekannte Asiatin stellt ihm Fragen zu Ereignissen aus seiner Vergangenheit, der er schon längst vergessen glaubte.

Am Folgetag wird Connors Leiche in einer Schlucht auf dem Campusgelände gefunden. Aufnahmen aus Überwachungskameras zeigen, wie er sich in den frühen Morgenstunden von der Brücke in die Tiefe stürzt. Auf den Bildern ist im Hintergrund auch die geheimnisvolle Asiatin zu sehen. War es Selbstmord? - darüber rätseln nun Angehörige, Freunde und Kollegen. Schnelle Erkenntnisse wird es nicht geben, denn Connor hat viele Geheimnisse mit in den Tod genommen, aber es existiert ein Testament, doch das ist verschlüsselt.

Es beginnt eine atemraubende Suche, die immer weitere Kreise zieht, die auch vor dem Weißen Haus nicht haltmacht. Paul McEuen hat ein Debüt hingelegt, bei dem ein Dan Brown sich in den Hintern gebissen hätte vor Freude, wenn ihm so etwas je gelungen wäre.

McEuen ist von Hause aus Physiker an der Cornell-University mit dem Schwerpunkt auf Nanotechnologie, einer Disziplin, deren praktische Anwendung er im Roman vorstellt. Bei der Mykologie beriet ihn eine fachkundige Kollegin. Die Campus-Polizei informierte ihn über polizeiliche Abläufe. Man kann schon fast von einer Gemeinschaftsproduktion der Cornell-University sprechen, was man dem Plot durchaus anmerkt. Hier bewegt sich jemand auf heimischen Terrain.

Bei Wissenschaftlern als Romanautoren besteht leicht die Gefahr, dass sie ihre Geschichte mit ihrem Fachwissen überfrachten. McEuen beschränkt sich auf das, was für seinen Plot unabdingbar ist und das wird verständlich erklärt. Kein unnötiges Geschwafel, keine Längen. Das ist ökonomisches Erzählen. Nach 385 Seiten kommt McEuen auf den Punkt.

Die einzelnen Bausteine greifen ineinander wie ein gut geschmiertes Räderwerk. Kleine Episoden aus der Gegenwart und Rückblenden auf Vergangenes verzahnen sich mit dem Haupterzählstrang zu einem virtuosen Ganzen: Fluoreszierende Pilzkulturen, ein Heer wuseliger Micro-Roboter, ein großes Geheimnis, sympathische Helden und eine Gegenspielerin jamesbondhafter Perfektion rufen nahezu nach einer Verfilmung, die nicht plattes Action-Kino, sondern Thriller mit Niveau und Anspruch sein muss, wie es das Buch vorgibt.

Die Gefahr durch die "Todesspirale" ist zwar allgegenwärtig und hat den ganzen amerikanischen Sicherheitsapparat in Aufruhr versetzt, doch der weise Professor hat Vorsorge getroffen. In seinen versteckten Aufzeichnungen philosophiert über sein eigenes Gesetz: "Hast du das Heilmittel, hast du eine Waffe."

Ist es mittlerweile nicht so, dass man Dinge, die mit großem Aufwand beworben werden, mit einem gerüttelt Maß an Skepsis betrachtet? Dem Rezensenten ist es so ergangen, als er einen ersten Blick ins Buch warf und von dessen Internetauftritt erfuhr. Er wurde eines Besseren belehrt. Spiral hat das Potenzial, ein Weltbestseller zu werden.

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