Kahlschlag

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Alfred A. Knopf, 2004, Titel: 'Sunset and Sawdust', Seiten: 321, Originalsprache
  • Berlin: Golkonda, 2010, Seiten: 360, Übersetzt: Katrin Mrugalla
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 362

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Dieter Paul Rudolph
Die Macht des Trivialen

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Okt 2010

Joe R. Lansdale kann so ziemlich alles. Er bewegt sich souverän im Horror-, Western- und Krimimilieu, in der Serienkiller-Gegenwart (jüngst auch erschienen: Akt der Liebe bei Heyne) und in der Vergangenheit des südlichen USA, zwischen Noir und Fun. Zu einem jedoch ist er gänzlich unfähig: Er kann einfach nicht schlecht schreiben. Ganz im Gegenteil, er wird immer besser.

Osttexas zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, ein ödes Nest namens Camp Rapture. Hier arbeitet Pete als Deputy, in seiner Freizeit verprügelt und vergewaltigt er seine Ehefrau Sunset. Bis die aus naheliegenden Gründen dem Missbrauch mit einem gezielten Kopfschuss ein Ende macht. Selbst Sunsets Schwiegermutter zeigt Verständnis, hat sie doch ein ähnliches Exemplar von Mann zu Hause, das sie umgehend in die Wüste schickt. Und weil Camp Rapture einen neuen Deputy braucht, ernennt Petes Mutter Sunset kurzerhand zur Nachfolgerin. Gemeinsam mit ihren beiden Gehilfen, dem etwas verwahrlosten Clyde und dem umso geschniegelteren Hillbilly, kämpft sie fortan gegen die kleinen und großen Missetaten in ihrem Bezirk. Als auf dem Grundstück eines schwarzen Farmers die Leichen einer Frau und ihres ungeborenen Kindes gefunden werden, wird die Sache brisant. Sunset selbst gerät unter Verdacht, war doch die Tote Petes Geliebte, das Kind möglicherweise das seine. Je näher Sunset der Wahrheit kommt, desto größer wird die Gefahr, in der Sunset und die ihren schweben. Auch privat läuft alles schief, ein Liebhaber spielt falsch, eine Tochter pubertiert und ein verschollener Vater kehrt reumütig zurück.

Schon das Setting gibt die großen Themen des Romans vor: Rassismus und Dreck, Ölrausch und Frauenfeindlichkeit, heimtückische Naturgewalten und allgegenwärtige Not. Frauen haben die Schnauze voll, Männer sehen ihre Weltbilder ins Wanken geraten. Mit solchen Sujets kennt sich Lansdale aus, seine Sprache ist direkt und lakonisch, man fühlt sich an Die Wälder am Fluss erinnert, wo Lansdale – gleiche Gegend, gleiche Zeit – schon einmal diese Palette eindrucksvoll verarbeitete, oder auch an die Erzählung Sturmwarnung, in der das mythologische Substrat dieses Landstrichs zu faszinierenden Bildern gerann. Aber Kahlschlag ist noch eine Spur ausgereifter, und das hat seinen Grund.

Denn hier greift Lansdale nicht nur auf die Muster des Krimigenres zurück. Wenn sich ein Häuflein Aufrechter daran macht, die Stadt von Bösewichtern zu säubern, dann erkennen wir hierin allemal auch ein klassisches Westernmotiv. Ausflüge in die Dark Fantasy, den Horror und den Katastrophenthriller finden sich außerdem, dazu die obligatorischen Geschichten von Liebe und Selbstfindung, wie man sie auf ihrem künstlerischen Tiefpunkt auch bei einer Rosamunde Pilcher nachlesen kann. Das alles ist natürlich zutiefst trivial, und genau das macht Kahlschlag zu einem besonderen Buch. Denn Lansdale nimmt das Triviale ernst, degradiert es nicht zum neckischen Beiwerk für "Kunstkrimis", die sich krampfhaft darum bemühen, gestenreich an die Kolportage- und Pulpwurzeln des Genres zu erinnern, und in aller Lächerlichkeit scheitern. Bei Lansdale bedeutet trivial nicht minderwertig, sondern steht für die künstlerische Rückführung eines an sich sehr komplexen Stoffes auf seine populären Wurzeln. Eine Figur wie Sunset etwa wird, so wie Lansdale sie zeichnet, transparent und im Wortsinne lesbar. Jede Figur steht für archetypische Verhaltensweisen, für das Gute, das Böse, das Verzagte und Verquere, den Mut und die Feigheit, die Hoffnung und die Resignation.

Neigte der Rezensent zum Pathos, er würde behaupten, Lansdale gebe hier den Krimi denjenigen zurück, die seine Form entscheidend prägten: den Leserinnen und Lesern nämlich, die in spannenden Geschichten im besten Sinne "trivial", nämlich verständlich und dennoch wahrhaftig, etwas über die Welt erfahren wollen, ohne sich dabei zu langweilen. Auch das ist große Kunst, im Genre der Kriminalliteratur wohl gar die größte überhaupt. Und Lansdale beherrscht sie wie kaum ein zweiter.

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Letzte Kommentare:
06.01.2016 13:41:40
Otto

Vor einigen Jahren hatte ich "Die Wälder am Fluss" gelesen und war begeistert.
"Kahlschlag" habe ich jetzt in drei Tagen durchgelesen. Es ist spannend und versetzt den Leser in die damalige Zeit des Rassismus und der ländlichen Armut und Trostlosigkeit. Abgesehen von einigen Zufällen, die überflüssig sind, ist die Handlung fesselnd. An die schnoddrige Sprache muss man sich gewöhnen, obwohl sie so deftig eigentlich nicht nötig wäre. Ich glaube, dass das Buch darunter nicht leiden würde. Auf jeden Fall ein empfehlenswerter Krimi.

09.05.2011 11:19:37
Hans

Herrlich politisch inkorrekt.Man findet alle Klischees wieder,stilistisch ein Leckerbissen,absolut schraeg; innerhalb eines Satzes so richtig tueckische Volten-ein Heidenspass-fuer Christen nix. Teilweise so richtig schoen boese-kurz:
ich wiederhole:tolles Lesevergnuegen.
P.S.(noch 26Buchstaben).
Goennt Euch dieses Lesevergnuegen!

06.03.2011 17:19:23
Torsten

Dieser Roman lebt von der Wortgewalt Lansdales.
In seinem unvergleichlichen Stil treibt er zugleich lakonisch und gewaltig die Geschichte in den furiosen, fast schon apokalyptischen Showdown. Dabei bleibt es fast nebensächlich, dass der Plot als Krimi allein betrachtet gar nichts besonderes ist. Es ist einfach faszinierend zu lesen wie hier eine Atmosphäre aufgebaut wird, in der die Helden in der Tat fast westerngleich agieren um am Ende dann auch beinahe in den Sonnenuntergang davonreiten.
Übrigens: Der Roman spielt im Texas der 1930er Jahre. Die Gesellschaft dort war damals natürlich rassistisch und auch frauenfeindlich. Lansdale gibt das wieder - seine Protagonisten stellen sogar sicher eine aufgeklärtere Ausnahme von der damals üblichen Gesellschaft dar.
Wenn man jetzt Autor und Buch als rassistisch und frauenfeindlich bezeichnet weil er tatsächliche Gesellschaftszustände abbildet, dann hat man wohl etwas Wesentliches an Literatur nicht recht verstanden.

06.02.2011 10:51:51
d.p.r.

Dieses Buch, liebe Barbara, beschreibt die gegen Frauen und Schwarze ausgeübte Gewalt und wie man sich dagegen wehrt. Was daran diskriminierend oder rassistisch sein soll, erschließt sich mir also nicht. Diskriminierend und rassistisch wäre es eher, ein heiteres Sittengemälde mit propperen Frauen und tipptopp integrierten Schwarzen zu zeichnen

05.02.2011 19:22:48
Barbara Mierwaldt

Ich bin sehr erstaunt, man kann fast sagen erschüttert, über die positiven Einschätzungen zu diesem Buch. Ist das die Art, wie ein Amerikaner, der zu der Nation gehört, die Menschenrechte und Demokratie auf ihre Fahnen schreiben, in der heutigen Zeit schreiben?
Ich finde das Buch äußerst rassistisch, diskriminierend gegenüber Frauen und absolut geschmacklos.
Ich kann leider nicht verstehen, wie dieses Buch auf die Bestsellerliste geraten konnte.