Die Spur des Bienenfressers

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Jonathan Cape, 2009, Titel: 'Tail of the Blue Bird', Seiten: 170, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2010, Seiten: 244, Übersetzt: Uta Goridis

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Wolfgang Franßen
Wenn deine Familie nicht für dich kämpft, wer dann?

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2010

Dass die westliche Kultur dem schwarzen Kontinent nicht unbedingt ein Segen ist, eher dazu neigt, Überlieferungen niederzuwalzen, wissen wir nicht erst seit der Aufarbeitung der Kolonialkriege und den anerkennenswerten Versuchen von Autoren wie Henning Mankell unser schlechtes Gewissen für Afrika zu wecken. Nii Parkes geht in seinem ersten Kriminalroman Die Spur des Bienenfressers einen anderen Weg. Er nimmt den Umbruch Afrikas ebenso wenig Ernst wie das westliche Bestreben sich selbst und alles andere als global zu betrachten.

Von Maden zerfressen und von Fliegen überhäuft wird in einer Hütte auf einer Strohmatte ein Stück Fleisch ohne Knochen gefunden, das nicht nur einen üblen Geruch verströmt, vielmehr von Verwesung befallen ist und gleich nach der Entnahme von Flüssigkeits- und Gewebeproben aus Gründen der Hygiene verbrannt wird. Sind es Reste von einem Tier? Oder doch menschliches Gewebe?

Was liegt näher, als den mysteriösen Fall mittels der berühmten Vorbilder aus dem Fernsehen zu lösen? In den Siebzigern waren es der "Denver Clan" und "Dallas", die Achtziger prägten "Miami Vice", in den Neunzigern bewegte "Baywatch" die Gemüter, seit der Jahrtausendwende dringt der Schrecken, das Perverse mittels Mattscheibe in unsere Wohnstuben: CSI heißt die Droge. Egal ob in Las Vegas, Miami oder in New York. CSI klärt jeden Fall mittels modernster Ermittlungsmethoden. Die Kunde davon ist bis ins ferne Ghana vorgedrungen – man kennt nun auch dort die Blue-Merge-Technologie - und hat im Land die Ansicht auf den Kopf gestellt wie eine ordentliche Polizeiarbeit auszusehen hat.

Der 1974 in Großbritannien geborene Autor, der sich als Poetry-Slam-Meister einen Namen gemacht hat, erzählt die Geschichte von Kayo, einem Gerichtsmediziner, der gerne Guinness trinkt und sich zum Forensiker erkoren sieht. Da leider die Geliebte eines Ministers in die Angelegenheit verwickelt ist, was möglichst vertuscht werden soll, genießen die Ermittlungen höchste Priorität. Was für Kayo wiederum bedeutet, er wird unter Druck gesetzt seine Anstellung aufzugeben, obwohl ihm sein Arbeitgeber die Freigabe verweigert, und landet schließlich unter dem Verdacht staatsfeindlicher Aktivitäten im Gefängnis, um gefügig gemacht zu werden. Drahtzieher ist Inspektor Donkor, der dem Minister schon gesagt hat, dass der Fall gelöst ist, bevor die Ermittlungen richtig in Gang kommen.

Soweit reicht der amerikanische Traum dann doch nicht, um gleichzeitig mit CSI die Menschenrechte einzuführen, wenn es gilt, für jeden ein bisschen Karriere herauszuschlagen. Für Kayo heißt das: Er kann Leiter einer neuen forensischen Abteilung werden.

In mitunter poetischen Bildern, die die Überlieferungen und verwurzelten Riten, den Glauben ans Übersinnliche und die ehernen Stammesgesetze nachzeichnen, überlässt Nii Parkes seinen Gerichtsmediziner Kayo der Sehnsucht nach der neuen fernsehgerechten, wie der brüchigen, sich selbst überlassenen alten Welt. Kayo versucht zu vermitteln, vertraut sich den Alten an und bedient die modernen Machthaber, obwohl er die Aufklärung des Falles nicht den Errungenschaften von CSI zu verdanken hat.

Dies alles ist eine wunderbare Farce, äußerst amüsant und wird von einem Fall gespiegelt, in dem das Leben von Mensisi, eines ehemals zwölfjährigen Mädchens, nacherzählt wird, in dem sich eine Tragödie griechischen Ausmaßes zwischen Vater und Tochter abspielt, bei der jene, die sie miterleben und wie gelähmt zuschauen, nicht ohne Schuld sind.

Der Schrecken, die Abscheu verschwindet allzu leicht, wenn nur vom Gräuel erzählt wird, wenn er zum Hauptnachrichtenpunkt degradiert wird, bis die nächste Katastrophe über einen hereinbricht. Nii Parkes Bilder privater menschlicher Verwerfung hingegen bleiben haften.

 

Für Sie ist es vielleicht die Geschichte, die Sie brauchen. Aber ob es die Wahrheit ist, kann ich nicht sagen. Ich habe einfach nur erzählt. Man muss sich auf dieser Welt genau überlegen, welche Geschichte man erzählt, denn davon hängt vieles ab. Zum Beispiel, wie wir leben.

 

Die Spur des Bienenfressers

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Letzte Kommentare:
13.05.2012 20:32:31
Krimitante

ein typischer "wer war´s" krimi ist dieses buch sicherlich nicht. parkes setzt hier geschickt die westliche sichtweise der afrikanischen erzählweise gegenüber, indem er die handlung aus zwei erzählperspektiven aufrollt: der eines, in der europäischen welt studierten jungen gerichtsmediziners kayo und der des, in dem dorf lebenden, noch immer den alten riten anhängenden, alten jägers opanyin opku. die lösung des falles jedoch muss vor den karriereerfüllten, korrupten, durch amerikanische krimi-serien verstellten, augen des auftraggebenden polizisten bestehen. gar nicht so einfach für den jungen kayo, da den richtigen weg zu finden. wer mal "krimi-anders" lesen will und neugierig ist auf fremde kulturen, kommt hier auf seine kosten. wer einen ausgesprochnen krimi/thriller sucht, sollte dieses buch nicht lesen.