Anatomie der Täuschung

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte Press, 2008, Titel: 'The Anatomy of Deception', Seiten: 342, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2009, Seiten: 520, Übersetzt: Claudia Tauer

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Michael Drewniok
Medizin & Mord in nur oberflächlich feinen Kreisen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2010

Im Jahre 1889 gehört die Medizinische Fakultät der University of Pennsylvania in Philadelphia zu den fortschrittlichsten Einrichtungen in den USA. Dies verdankt sie in erster Linie dem Wirken von Dr. William Osler, der als Professor für Klinische Medizin seine Studenten unermüdlich zur Anwendung modernster Forschungserkenntnisse anleitet. Fasziniert von dem charismatischen Mediziner, hat Dr. Ephraim Carroll seine kleine Privatpraxis in Chicago aufgegeben und ist nach Philadelphia gezogen, um sich Osler anzuschließen. Zwischen den beiden Männern hat sich eine Freundschaft entwickelt, die Osler veranlasst, Carroll zu bitten, als sein Assistent eine neue, finanziell großzügig ausgestattete Stellung anzunehmen.

Die vielversprechende Zukunft wird allerdings durch ein Geheimnis der Gegenwart beeinträchtigt: In einer seiner Vorlesungen, die Osler gern nutzt, um in Anwesenheit von Studenten Leichen zu sezieren, wird der Körper einer jungen Frau präsentiert, die angeblich tot in einer Straße der Stadt gefunden wurde. Doch Osler scheint die Frau zu kennen, und Carrolls Studienkollegen George Turk geht es ebenso. Der mysteriöse Mediziner, der seine Herkunft sorgfältig geheim hält, wird wenig später in einem Versteck sterbend von Carroll aufgespürt: Turk wurde mit Arsen vergiftet und wohl zum Schweigen gebracht.

Der grobschlächtige Sergeant Borst übernimmt den Fall, läuft aber gegen eine Mauer des Schweigens, denn die feine Gesellschaft der Stadt ist involviert. Es geht um heimliche Abtreibung, Drogen und Mord. Zusammen mit der Ärztin Mary Simpson versucht Carroll, Licht in eine Affäre zu bringen, die sich als Komplott erweist, sein Leben in den Grundfesten erschüttern und mehr als einmal gefährden wird …

Historien-Krimi oder Medizin-Historie?

Anatomie der Täuschung erzählt eine Geschichte, die ihre Leserschaft spalten muss. Weder Krimi-Freunde noch das Publikum des ´historischen´ Romans können rundum zufrieden sein, denn Autor Goldstone versucht ebenso eifrig wie ungeschickt, es beiden Gruppen recht zu machen. Der daraus resultierende Widerspruch – der weiter unten näher zu beleuchten sein wird – schadet einem Buch, das inhaltlich wie formal viel zu gut geraten ist, um in einem Meer mehr oder lieblos auf den Markt geworfenen Taschenbücher unterzugehen.

Präzise ist beispielsweise Goldstones Bild einer Vergangenheit, die bar jener pseudo-dramatischen Verklärung bleibt, für die der Historien-Roman berüchtigt ist. Die Realität des Jahres 1889 ist nicht nur farbenfrohe Kulisse, sondern bietet der Handlung ein stabiles Fundament: Nur im Rahmen der beschriebenen Verhältnisse ´funktioniert´ der Plot. Als Journalist, der sich auf historische Themen spezialisiert hat, recherchierte Goldstone gründlich für seinen Roman. Wir Leser wissen dies, weil der Verfasser sich zu ausführlich des angelesenen Wissens bedient. Die Geschichte der Medizin ist ein faszinierendes Thema, dem Goldstone verfiel. Immer wieder stoppt die Handlung, weil er über Themen wie Hygiene, Operationstechnik, Drogen oder medizinische Etikette referiert, statt sie ins Geschehen zu integrieren. Der Informationsgehalt dieser Exkurse ist unbestreitbar hoch. Sie bringen dem Roman nichtsdestotrotz wenig, weil mit dem Tempo die Spannung verschwindet und mühsam neu aufgebaut werden muss.

Verbrechen mit vielen Gesichtern

Breiten Raum nimmt die Rekonstruktion des Gesellschaftslebens im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Wesentlich stärker als heute waren die Grenzen zwischen den sozialen Schichten ausgeprägt, wobei ein Absinken immer, ein Aufsteigen selten möglich war. In diesem Punkt ist Goldstones Ausführlichkeit hilfreich, denn die ´Unantastbarkeit´ einer durch Geburt, Status und Vermögen quasi sakrosankten Oberschicht ist ein wesentliches Element der Handlung.

Reiche Leute dürfen alles: Was heutzutage in gewisser Weise noch gilt, war einst akzeptierte Realität. Weder das Gesetz noch die Presse dürfen den Mächtigen von Philadelphia nahe kommen, während diese nicht nur von ihrem Recht überzeugt sind, gegen Verordnungen zu verstoßen, die nur den ´Pöbel´ betreffen, sondern ganz selbstverständlich Schläger und Killer anheuern oder Polizisten bestechen, um ihre Westen weiß zu halten. Der Schein der Ehrbarkeit genügt, kriminelles Tun wird nur geahndet, wenn der Verursacher so offen entlarvt wird, dass der öffentliche Skandal unvermeidbar ist.

Der Mechanismus dieser aus heutiger Sicht zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit arbeitet buchstäblich wie geschmiert. Er schafft dem Verbrechen eine Nische, die Goldstone seinen Lesern anschaulich schildert. Konsequent verweigert er ihnen ein Happy-End. Kein Schuldiger wird bestraft oder auch nur demaskiert, sondern stattdessen ein Sündenbock geschlachtet.

Die Resignation des ´Helden´

Ephraim Carroll erzählt in der Ich-Form die Geschichte einer großen Täuschung. Er ist der typische Jedermann, der idealistisch und durchaus naiv in ein Geschehen stolpert, das ihn gleichermaßen überfordert wie herausfordert, ihn reifen und – in unserem Fall – resignieren lässt. Carroll ist kein Held, sondern ein Chronist. Die Bombe platzt im Finale nicht, das System obsiegt.

Als junger Assistenzarzt ist Carroll ein Wanderer zwischen den Welten. Sogar der gesellschaftliche Adel wird krank, weshalb ein Arzt, der sonst wohl nicht weit über einem Hausbediensteten rangieren würde, wohl oder übel in feinen Kreisen geduldet wird. Gleichzeitig ist Carroll ständig mit der Not der Unterschicht konfrontiert, deren Angehörige in einem Land ohne organisiertes Gesundheitswesen eher widerwillig medizinisch betreut werden, wenn sie dafür nicht in blanker Münze zahlen können.

Gemeinsam mit Carroll lernen wir Philadelphia ganz oben und ganz unten kennen. Von einer pittoresken Verklärung des Elends nimmt Goldstone Abstand; vor allem die sachliche Beschreibung einer geheimen Abtreibungskammer in den Slums sorgt für ehrliches Schaudern.

Verbrechen als Frage der Definition

Unter den beschriebenen Prämissen konnte es der Verfasser vielleicht gar nicht vermieden, das Krimi-Element in den Hintergrund rutschen zu lassen: Schweigen und Manipulation sind erklärte Gegner der offenen Ermittlung. Carroll geht es folgerichtig weniger um juristische Ahndung, sondern um die Wahrheit. Als er sie gefunden hat, verzichtet er auf die Offenbarung seines Wissens. In einem Nachwort setzt sich ein gealterter Carroll noch einmal mit den Ereignissen auseinander und fasst die Entwicklungen und Veränderungen zusammen, die ´seine´ Medizin in den Jahrzehnten nach 1889 erfuhr.

Recht klischeehaft wirken dabei Carrolls(= Goldstones) Überlegungen zum Wesen der Schuld. Natürlich ist es nicht rechtens, einen kriminellen Mediziner unbestraft zu lassen, aber wird der Verzicht auf Strafe richtig, wenn dieser Verbrecher die Medizin fachlich so weit voranbringt, dass er weitaus mehr Menschen rettet als umbringt? Die Antwort bleibt Carroll verständlicherweise sich und den Lesern schuldig; nicht einmal die größten Philosophen haben sie bisher finden können.

Dieser realistische aber wenig sympathische Charakterzug ist freilich auch einer Klemme geschuldet, in die Goldstone sich selbst gebracht hat: Anatomie der Täuschung ist keine reine Fiktion. Der Verfasser lässt prominente Vertreter der zeitgenössischen Geschichte auftreten: William Osler (1849-1919), William Halsted (1852-1922) oder Thomas Eakins (1844-1916) führten gut belegte Leben. In ein Mord-Komplott waren sie nachweislich nicht verwickelt, weshalb das bekannte Krimi-Finale mit der dramatischen Überführung der Schuldigen ausfallen musste.

Farbiges Nebenfiguren-Personal

Während Ephraim Carroll ein recht biederer, leicht larmoyanter, sogar langweiliger Zeitgenosse ist (und in seiner Rolle sein muss), gibt Goldstone dem Schriftsteller-Affen tüchtig Zucker, wenn er ´sein´ Philadelphia mit bunten Paradiesvögeln und Schurken bevölkert. Figuren wie "Kadaver-Charlie", der Herr des Leichenschauhauses, der Nachtclub-Besitzer Haggens, sein Türsteher und Mann fürs Grobe Mike oder die in Haggens´ Etablissement beschäftigten Huren, die wöchentlich die Namen wechseln, wirken in ihrer rauen, oft brutalen Bodenständigkeit wesentlich ´ehrlicher´ als die in ihren verkrusteten Hierarchien ebenso ruhende wie gefangene High Society.

Mit der Figur der Mary Simpson zielt Goldstone über ein Ziel hinaus, das neben der Unterhaltung auch die Information seiner Leser beinhaltet. Obwohl oder gerade weil die Frau Anno 1889 weder politisch noch kulturell eine gleichberechtigte Stellung einnahm, wollte der Verfasser auf eine energische, unabhängige Frauenfigur nicht verzichten; er konnte es wohl auch nicht, wollte er seinen Roman nicht an einem weiblichen Publikum vorbeischreiben, dem die Präsenz einer handlungsaktiven Frau wichtiger als historische Akkuratesse ist. Also ist Mary nicht nur Ärztin und Frauenrechtlerin, sondern auch alleinerziehende Mutter (aber selbstverständlich hübsch). Diese ehrenwerten Eigenschaften und Carrolls zunehmendes Interesse münden jedoch weder in erotischer Zweisamkeit noch in einer finalen Ehe – so weit in Richtung Seifenoper mag Goldstone doch nicht abrutschen.

Diese Konsequenz ehrt den Autoren und prägt einen Roman, der trotz seiner Seitenstärke eines jedenfalls nie ist: geschwätzig. Die ausführlichen Abschweifungen gehen aber so stark auf Kosten der Spannung, dass Anatomie der Täuschung dennoch aus allen Krimi-Nähten platzt. Weder Fleisch noch Fisch ist dieser Roman, der aufgrund seiner Qualitäten, zu denen noch ein nur leicht historisierender, nie aufdringlicher (und in der Übersetzung gut bewahrter) Stil zu addieren ist, trotzdem eine Empfehlung verdient.

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Letzte Kommentare:
26.09.2010 17:22:25
Jürgen

Zugegeben der Einstieg in diesen Kriminalroman ist mühsam. Es dauert ca. 200 Seiten bis die eigentliche Krimihandlung in Schwung kommt. Außerdem handelt es sich um einen Ich-Erzähler. Die Geschichte wird von dem jungen Dr. Ephraim Carroll erzählt, welcher an einer Universitätsklinik bei dem berühmten Chirurgen Dr. Osler sein Wissen erweitert. Goldstone nimmt sich viel Raum, um alle Charaktere gründlich einzuführen, in all ihren Facetten. Da ist zum einen Dr. Osler, ein wissenschaftliches Genie, dem medizinischen Fortschritt aufgeschlossen. Eine Gruppe junger Ärzte, die unter seiner Anleitung arbeiten: neben Ephraim Carroll sind dies insbesondere die Ärztin Mary Simpson, Farnshaw - aus reichem Hause- und Turk - Waisenkind aus armseligen Verhältnissen. Die Motivationen der Einzelnen werden herausgearbeitet. All das macht den Anfang etwas langatmig. Dennoch, es lohnt sich weiterzulesen.

Eines Tages befindet sich unter einer Gruppe von Toten, welche die Ärzte obduzieren, eine junge Frau. Der Professor hält inne und bricht die Autopsie ab, aber auch Turk verhält sich merkwürdig. Zunächst aber lässt Goldstone den normalen Tagesablauf der Betreffenden weiterlaufen. Scheinbar geschieht nichts Wesentliches, eine Einladung von Turk an Ephraim, eine Abendgesellschaft zu welcher der Professor Ephraim mitnimmt. Der Leser lernt die Familie Benedict kennen, auch die Lachtmanns, alles Mitglieder der Gesellschaft von Philadelphia. Man erfährt von Rebecca Lachtmann, die sich angeblich in Italien aufhält, lernt den Maler Eakins kennen. Und hier ab S. 167 wird es wieder spannend. Rebecca ist gar nicht in Italien. Der junge Arzt Ephraim erhält den Auftrag nach ihr zu forschen.

Verteilt über den Text sind kursiv gedruckte Berichte, jeweils 1-2 Seiten lang, einer unbekannten Person, die sich offensichtlich in einer Notlage befindet. Gegen Ende des Buches erkennt der Leser, um wen es sich handelt.

Bemerkenswert sind die detailgetreuen Beschreibungen von Goldstone. Eine Operation oder eine Autopsie werden in aller Ausführlichkeit, fast minutiös, wiedergegeben, natürlich inklusive medizinischem Wortschatz. Er geht darauf in seinen Anmerkungen am Ende des Buches ein, wo er genau zwischen Fakten und Fiktion unterscheidet, denn die wesentlichen Charaktere in diesem Buch haben tatsächlich gelebt.

Der Autor thematisiert den Wandel in der Medizin, die Rolle von Drogen, neue medizinische Errungenschaften werden aufgeführt, auch Fortschritte in den Arbeitsmethoden, die eine geringere Sterblichkeit zur Folge hatten. Darüber hinaus stellt Goldstone in diesem Kriminalroman aber auch soziale Problemfelder (Kinderarbeit) sowie die Rolle der Frau zu Ende des 19. Jahrhunderts dar. Die begrenzten beruflichen Möglichkeiten, beispielhaft gezeigt an der Ärztin Mary Simpson, die mit ihrem unehelichen Sohn in einer wegweisenden Lebensgemeinschaft von "gefallenen" Frauen mit ihren Kindern lebt. Die Wohltäter, von deren Geld der Erhalt des Krankenhauses abhängig ist, sind nicht durchgängig von Dr. Oslers Meinung überzeugt, dass auch Frauen eine medizinische Ausbildung anstreben dürfen und sogar sollen. Des Weiteren zeigt Goldstone hier aber auch die traurigen Alternativen von ledigen Müttern: illegale Abtreibung oder ausgestoßen aus der Gesellschaft? Kein Wunder, dass Abtreibungsärzte ihre Kundschaft hatten.

Interessant auch die von Goldstone aufgeworfene Frage, ob man über charakterliche Schwächen bei denen hinwegsehen soll, die der Welt großen Nutzen bringen. Rechtfertigt eine herausragende Leistung auch Lügen und Manipulationen? Was bedeutet Integrität?

Wo findet ein Arzt Erfüllung? Bei seiner Tätigkeit für die sozial Schwachen? Oder ist es legitim dem Ruf des Geldes zu folgen? Auch Ephraim muss sich diese Fragen stellen.

Alles in Allem handelt es sich für mich bei dem vorliegenden Buch um ein stimmiges Werk, welches die Atmosphäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts hervorragend wiedergibt.

16.09.2010 16:13:59
Stefan83

Das ausgehende 19. Jahrhundert ist spätestens seit Caleb Carrs „Die Einkreisung“ eine äußerst beliebte Epoche, um dort einen packenden Kriminal -oder Historienroman anzusiedeln. Das scheint auch dem amerikanischen Autor Lawrence Goldstone nicht entgangen zu sein, der uns in seinem Debütwerk „Anatomie der Täuschung“ ins Philadelphia des Gaslichtzeitalters zurückführt. Aber gehört sein Buch wie die aus der Feder Carrs auch in das Genre der Spannungsliteratur? Ginge man nach dem deutschen Verleger Knaur, der es als „Pageturner“ und „messerscharfen Kriminalroman“ bewirbt, bestünde daran kein Zweifel. Aber wie so oft verspricht auch hier der Buchdeckel mehr, als der Inhalt dazwischen letztlich halten kann, denn nach gut 520 Seiten Lektüre steht eins unverrückbar fest: „Anatomie der Täuschung“ ist wohl alles, jedoch ganz sicher kein reiner Kriminalroman. Ein Grund also, das Buch erst gar nicht zu lesen? Nicht unbedingt, brilliert Goldstone doch dafür auf andere Art und Weise. Kurz zur Story:

Das Philadelphia des Jahres 1889. Dr. Ephraim Carroll, ein talentierter, junger und aufstrebender Arzt, befindet sich gemeinsam mit einigen Kollegen im Sezierraum der städtischen Universitätsklinik, um dort den Obduktionen beizuwohnen, welche niemand geringerer als der weltberühmte Chirurg Dr. William Osler höchstpersönlich durchführt. Osler, als Mentor und Vorbild von Carroll sehr geschätzt, zeigt anhand mehrerer Leichen verschiedene Krankheitsbilder auf und stellt dabei seine Schüler immer wieder auf die Probe. Ein normaler Unterrichtstag also … Zumindest so lange, bis ein weiterer Sargdeckel gelüftet wird und die Leiche einer jungen Frau mit unbekannter Identität zum Vorschein kommt. Dr. Osler bricht urplötzlich und ohne ersichtlichen Grund die Obduktion ab und erklärt die Untersuchungen zur Überraschung aller für beendet. Auch Dr. Carroll wundert sich über das Verhalten des sonst so abgeklärten Professors. Und mit jedem Tag der vergeht, kommen ihm mehr Zweifel. Hat Dr. Osler die Tote gekannt? Wenn ja, wer war sie?

Carroll beginnt eigene Nachforschungen anzustellen, in deren Verlauf er mehr über seine Ärztekollegen herausfindet als ihm lieb ist. Stets in der Angst, seine Laufbahn als Mediziner aufs Spiel zu setzen, wird er in ein dunkles Geheimnis mit hineingezogen, das ihn von der High Society Philadelphias bis tief in die düstersten Gossen der Stadt führt. Als dann auch noch ein Kollege von ihm vergiftet wird, ahnt Carroll, dass neben seiner Karriere noch etwas weit Wertvolleres in Gefahr ist … sein eigenes Leben.

An der Seite von Ich-Erzähler Dr. Ephraim Carroll in eines der dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte eintauchen zu dürfen, war für mich leider ein über weite Strecken ziemlich ambivalentes Lesevergnügen. So gelingt es Goldstone zwar, und dies sogar sehr gekonnt, die düstere Atmosphäre dieser Zeit einzufangen, allerdings wird dafür auch an gleicher Stelle ein Großteil der Spannung geopfert. Auf den ersten gut 200! Seiten kommt die Handlung kaum voran, konzentriert sich der Autor lediglich darauf, Carrolls Geschichte zu erzählen und die restlichen Charaktere samt all ihren Facetten ausführlich vorzustellen. Von Dr. Osler, dem methodisch agierenden, wissenschaftlichen Genie über die engagierte Ärztin Mary Simpson bis hin zu George Turk, der sich aus armseligsten Verhältnissen hochgearbeitet hat.

Goldstone hat ein Kaleidoskop verschiedenster Figuren eingebaut, anhand derer er nicht nur die unterschiedlichen moralischen Motivationen aufzeigt, sondern auch den Wandel der Medizin. So geht er zum Beispiel näher auf die neue Rolle von Drogen bzw. Opiaten bei der Betäubung ein, beschreibt er den Fortschritt der Hygiene bei Operationen in Form von Gummihandschuhen. Während ältere Ärzte noch in Rekordzeit ihre Patienten öffnen und wieder zunähen, zeigt die nachfolgende Generation ein neues Verständnis der Chirurgie. Die alten Methoden sind überholt, die Fortschritte spiegeln sich deutlich in der Zahl der Überlebenden wieder. Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Detailtreue Goldstone die Beschreibungen vornimmt. Operationen und Autopsien werden in aller Ausführlichkeit und minutiös dargestellt, wobei nicht an medizinischen (und damit lateinischen) Fachausdrücken gespart wird. Und hier kommen wir leider zum entscheidenden Punkt: Für angehende Mediziner und praktizierende Ärzte werden diese Passagen sicherlich von großem Interesse sein. Die Aufmerksamkeit des Otto-Normal-Lesers droht jedoch bei soviel Fachchinesisch schon bald abzuschweifen.

Goldstones Begeisterung für das medizinische Thema in allen Ehren. Ein gewissenhafter Lektor hätte hier kürzend eingreifen müssen, um zumindest ein kleines Maß an Spannung aufrechtzuerhalten. So dümpelt die Geschichte besonders in der ersten Hälfte äußerst träge vor sich hin, was zudem dadurch verstärkt wird, dass Ich-Erzähler Dr. Carroll ein ziemlich biederes Persönchen geworden ist. Eigentlich ja ein junger Mann, verhält er sich äußerst konservativ und geht mit einer Vorsicht ans Werk, die jedem Chirurgen zu Ehre gereichen würde. Nicht selten musste ich mir seufzend in die Haare greifen, wenn er wieder einmal mit seinen Entscheidungen haderte und ihm die Tränen in die Augen traten. Ständig auftretende Ängste, endlose Wiederholungen und rührige Selbstbemitleidungen ziehen den Plot völlig unnötig in die Länge und hätten beinahe dazu geführt, dass ich das Buch zugeklappt hätte.

Ich habe es nicht getan und wurde mit einem Ende belohnt, das wenn schon nicht sehr überraschend, so zumindest äußerst intelligent in Szene gesetzt worden ist. Goldstone gelingt es endlich die Szenerie zu verdichten und dem Ganzen etwas Fahrt zu verleihen. Nicht zuletzt deshalb, weil er reale Persönlichkeiten wie Professor William Halsted oder Thomas Eakins geschickt mit einbaut und in seinem Nachwort die Nähe zur Wirklichkeit hervorhebt. Durch die Tatsache, dass viele der hier beschriebenen Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, gewinnt das Buch eine nachträgliche Faszination, welche mich aber wohl auch nicht dazu bewegen kann, „Anatomie der Täuschung“ ein weiteres Mal zu lesen.

Insgesamt ist Lawrence Goldstones Debütwerk ein hinsichtlich der Informationsfülle und Atmosphäre lohnen- und lesenswerter historischer Roman, der den Diskussionsansatz „Moral in der Medizin“ auf interessante Art und Weise thematisiert. In Punkto Spannung wird dem Leser jedoch über große Strecken nichts geboten, weshalb die Ungeduldigen unter den Krimifreunden sich lieber eine andere Lektüre suchen sollten.

16.09.2010 15:55:08
Anja S.

also: mir hat dieser ungewöhnliche Krimi ganz ausgezeichnet gut gefallen. Ein ungewöhnliches Thema, gut recherchiert, denn Osler und Halstead gab es wirklich und sie waren wohl auch so, wie der Autor sie beschreibt, gerade kein Happy End, eine klug durchdachte Geschichte und recht spannend.
natürlich kommen Fans von Karin Schlächterin nicht auf ihre Kosten, aber Leser mit einem gewissen Anspruch durchaus.
und ja, in Amerika konnten Frauen viel früher Medizin studieren als in Europa, die Figur der Mary Simpson ist also nicht völlig überzogen.