Pray - Du kannst nicht entkommen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Headline, 2009, Titel: 'Don´t look back', Seiten: 384, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2010, Seiten: 534

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Michael Drewniok
Irrer Serienkiller mit künstlerischer Seele

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2010

Ein neuer Fall bringt die Mordkommission der Polizei im kalifornischen Pasadena und ihre Leiterin, Lieutenant Alex Delillo, rasch unter Druck. Ein irrer aber sehr bedacht vorgehender Killer meldet sich mit einem Paukenschlag: Ausgerechnet in einem großen Sportstadium deponiert er die Leiche der vor drei Jahren spurlos verschwundenen Kari Bishop – tief gefroren und in einen Schlafsack gesteckt.

Dylan Harrison, Delillos Partner und derzeitiger Lebensgefährte, hatte den Fall damals vergeblich bearbeitet. Nun macht er sich Vorwürfe, zumal der Täter Folgemorde ankündigt: Unweit der Leiche findet die Polizei die Kopie einer Radierung des spanischen Künstlers Francisco de Goya (1746-1828), der in seinem Spätwerk politische und soziale Missstände seiner Zeit aufgriff, anprangerte und dabei die Kirche nicht ausklammerte.

Die Polizei vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Mord und einer Klage, die drei Jahre zuvor gegen die Erzdiözese von Los Angeles geführt wurde. Ihr wurde die Duldung und Vertuschung von Kindesmissbrauch durch Geistliche vorgeworfen. Kari Bishops Vater, ein Anwalt, vertrat damals die Anklage, doch der Prozess wurde durch einen Vergleich vermieden, bei dem die Kirche viel Geld fließen ließ.

Offensichtlich will sich eines der Opfer nicht mit dem erkauften Schweigen abfinden. Nächstes Mordopfer wird ein TV-Reporter. Weitere Goya-Kopien werden gefunden. Die Ermittlungen hat der Mörder in seinen Racheplan einkalkuliert, denn auch Delillos Chef und verehrter Mentor ist in den Missbrauchs-Skandal verwickelt und wird kurz darauf von Goya entführt. Nun wird die Fahndung erst recht zum Wettlauf mit der Zeit, zumal der Papst nach Pasadena kommen wird – die ideale Zielperson für einen wütenden Killer mit einer Mission …

Der Mensch als Schachfigur

Kritik an der Kirche ist beileibe kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Missstände gibt es bekanntlich weiterhin in deprimierender Zahl fest- und abzustellen. Heutzutage müssen diejenigen, die dies versuchen, immerhin nicht mehr fürchten, von einem Rollkommando der Inquisition verschleppt zu werden – es sei denn, man gehört zu denen, die davon ausgehen, dass der Vatikan eine Art Geheimorden betreibt, dessen Mitglieder genannte Kritiker heimlich, still & leise aus dem Verkehr ziehen. Auch diese Theorie ist alt, aber seit Dan Brown solche kirchlichen Munkeleien auf ein globales und multimediales Niveau erhob, hat sie sowohl Befürworter als auch Trittbrettfahrer in erstaunlicher Kopfstärke bekommen.

Die (Beinahe-) Gewissheit, vor Killern des Vatikans in relativer Sicherheit zu leben, schürt den angenehmen Schauder angesichts immerhin möglicher Geheimnistuereien einer Kirche, die seit zwei Jahrtausenden existiert und deren Repräsentanten zur Verschwiegenheit neigen, wenn es darum geht, Außenstehenden Einblicke in eine Geschichte (oder Gegenwart) zu gewähren, die nie frei von dunklen Flecken war (und ist). Hinzu kommt das durchaus erschreckende Selbstverständnis einer angeblich für Gott sprechenden Institution, die ihre Existenz höher gewichtet als das sterbliche Individuum.

Diese Realitäten werden mit Spekulation aufgeladen zur unterhaltsamen Fiktion, die wie gesagt ein zahlenreiches und vor allem zahlungskräftiges Publikum findet. Dan Brown wurde inzwischen quasi geklont, die Zahl seiner Epigonen nimmt weiterhin zu. Dem steht eine Palette von Situationen, Schauplätzen und Figuren entgegen, die zumindest im "reinen" Kirchen-Thriller bei nüchterner Betrachtung eine geringe Variationsbreite aufweist. Dieser wird deshalb gern mit anderen Genres verschnitten.

Der serienkillende Genius

Scott Frost kombiniert ihn mit dem klassischen Cop-Krimi. Die daraus erwachsende Herausforderung besitzt doppeltes Gewicht, weil der Verfasser dabei auf einen Plot zurückgreift, der seinerseits zum Klischee geronnen ist: Zu Dan Brown gesellt sich Thomas Harris, dem wir nicht nur Hannibal Lecter, sondern eine Heerschar notorisch genialer aber chronisch irrsinniger Serienkiller verdanken, die seit zwei Jahrzehnten über die Buchhandlungen dieser Welt herfallen; ein Ende ist keineswegs in Sicht.

Dieses Mal nennt sich der fromme Unhold "Goya", denn er orientiert sich bei seinen Taten an den düsteren Grafiken und Gemälden des gleichnamigen Künstlers. Man könnte vermuten, dass moderne Serienkiller wie Goya vor allem deshalb so sorgfältig planen, weil sie um Publicity und Unterhaltungsgehalt ihres Wirkens wissen. Sie investieren jedenfalls so viel Zeit darin, sich mehrdeutige Sprüche auszudenken und mysteriöse Zeichen auszulegen, dass man sich außerdem fragt, wie sie die eigentlichen Übeltaten zwischen solche Rätselspielchen einschieben können. Trotz mehrjähriger Vorbereitungsphase kann Goya nicht überall gleichzeitig sein; darüber hinaus müsste ihm das Schicksal mehr als ein Quäntchen Glück gewähren, um die auf vielen Ebenen gleichzeitig ablaufenden Aktivitäten unter Kontrolle zu halten.

Die Ermittlung ist das Ziel

Da Pray jedoch ungeachtet aller Klischees (und trotz eines denkbar bescheuerten deutschen Titels) erstaunlich gut funktioniert, muss Verfasser Frost etwas anders machen als der übliche Brown/Harris-Imitator – anders bzw. richtig. Hat der Leser das erste, etwas zäh anlaufende Viertel dieses Romans hinter sich gebracht, weiß er worin die Unterschiede liegen.

Frost ist kein Künstler, sondern ein Handwerker. Diese Bezeichnung kommt hier mit Respekt und Anerkennung zur Verwendung, denn Frost weiß dies offensichtlich gut. Er hat nie den Ehrgeiz, das Rad neu zu erfinden. Nicht einmal durch das zwanghafte Ausdenken neuer, noch nie beschriebener Folter- und Mordmethoden macht er sich lächerlich. Pray ist drastisch genug, wo es der Handlung dient, denn diese steht jederzeit im Vordergrund.

Was selbstverständlich sein sollte, ist es auch oder gerade im modernen Thriller leider keineswegs. Dieser begräbt seine Plots gern förmlich unter plakativer Gewalt, übt sich in aufgesetzter Gesellschaftskritik und schlägt Unmengen von Seifenoper-Schaum. Pray ist keineswegs frei von diesen Übeln. Gerade deshalb fällt Frosts allgemeine Zurückhaltung angenehm auf. Er hätte sich in persönlichen Schicksalen förmlich suhlen können. Seine Hauptfigur ist weiblich und mit beruflichen wie privaten Schwierigkeiten reichlich geschlagen. Im dritten Band der Serie – die uns in Deutschland aus unerfindlichen Gründen bisher vorenthalten wurde, weshalb sich der Leser zahlreiche Andeutungen, die auf Band 3 zielen, zusammenreimen muss – wurde Alex Delillo u. a. vergewaltigt und leidet unter den Folgen.

Wider den Strich gebürstet

Sie leidet – aber dies wird nicht zur Handlung, sondern fließt ein und bleibt später unerwähnt, weil es nicht von Relevanz ist. Die Jagd auf den Killer, das Entdecken und Entschlüsseln von Spuren tritt in den Vordergrund. Hier kennt sich Frost, der als Drehbuchautor bekannt wurde, eindeutig aus, hier gelingt ihm eine an Irrungen & Wirrungen reiche und trotz bekannter Elemente spannende Geschichte, die vor dem inneren Auge des Leser in der Tat wie ein Film abläuft.

Dieser verläuft außerdem nicht so stringent wie erwartet. Goya ist nicht der verbitterte Rächer, den seine Verfolger lange auf ihn projizieren. Auch andere Spuren werden zunächst falsch interpretiert, was das Geschehen fatal beeinflusst. Frost gelingt das Kunststück, die daraus resultierende Unsicherheit zu wahren.

Das Finale offenbart abermals die Dominanz der Handlung. Endlich zeigt sich der geniale Goya – und entpuppt sich als beinahe unwichtige Nebenfigur. Frost geht sehr richtig von der Prämisse aus, dass der "reale" Goya mit der überlebensgroßen Gestalt, die seine Verfolger aus ihm gemacht haben, nicht mithalten kann. Folgerichtig findet das eigentliche Finale ohne ihn statt.

Scott Frost gelingt ein ungewöhnlicher Spagat: Obwohl eindeutig als "Bestseller des Monats" für die Abverkaufs-Tische moderner Buch-Supermärkte geschrieben, ist Pray ein Pageturner im positiven Sinn, und obwohl Originalität nirgendwo durchschimmert und auch gar nicht versucht wird, schlägt man diesen Thriller nicht mit dem dumpfen Gefühl zu, um viele Stunden Lese- und Lebenszeit betrogen worden zu sein. Man wurde einfach gut unterhalten, und manchmal ist es genau das, was eine gelungene Lektüre ausmacht.

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