Rattentanz

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: Bookspot, 2009, Seiten: 837, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 837, Originalsprache

Couch-Wertung:

60°
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Jürgen Priester
Mensch, Michael, komm auf den Punkt!

Rezension von Jürgen Priester Aug 2010

Die ganze Welt stürzt ins Chaos ... die ganze Welt? Nein! Ein kleines Dorf wehrt sich tapfer. Rattentanz ist die Geschichte dieses kleinen Dorfes und gleichwohl auch die Geschichte, in der die Menschheit samt ihrer ausgeklügelten Technik vorgeführt wird; und die Ratten beginnen auf den Tischen zu tanzen.

In Michael Tietz' Roman verursacht ein Computervirus den weltweiten Ausfall aller relevanten Systeme für Elektrizität, Wasserversorgung und Telekommunikation. Ein Jahr zuvor hatten zwei Schüler das Virus entwickelt, um damit an einem bestimmten Tag den Schulcomputer außer Gefecht zu setzen. Ein Programmierfehler schickte das Virus auf eine Reise rund um den Globus und an einem anderen Tag X kam es zu einem totalen Blackout.

Unmöglich!? Richtig! Das weiß auch Autor Michael Tietz, wie er in seinem Nachwort zugesteht. Aber ist nicht das Unmögliche nur so lange unmöglich, bis es eintrifft? Erzählt Tietz nun eine phantastische Geschichte? Oder von einer anderen Realität, die viel näher ist, als man glauben möchte?

Wenn wir uns vergegenwärtigen, was zur Explosion der Bohrplattform im Golf von Mexiko geführt hat, dass dort Warn- und Sicherungssysteme außer Betrieb gesetzt wurden um nicht die Nachtruhe der Besatzung durch Fehlalarme zu stören, dass vielleicht durch diese Kleinigkeit die größte Ölpest aller Zeiten ausgelöst wurde?

Wenn man weiter bedenkt welch unsichere Kantonisten heutzutage über Atomwaffen verfügen, dass die Detonation einer Atombombe in der Stratosphäre einen elektromagnetischen Puls ausstrahlt, der alle Elektronik mit einem Schlag schachmatt setzt? Okay, Gedankenspiele – aber unrealistische?

Michael Tietz interessiert gar nicht so sehr der Auslöser der Katastrophe, sondern was geschieht danach. Eine Menschheit ohne Elektrizität, Wasserversorgung und Kommunikationsmittel.

Wellendingen, Schwarzwald. 23 Mai 6.59 Uhr. Die Welt ist noch in Ordnung.
Wellendingen, Schwarzwald. 23.Mai 7.00 Uhr. Das Chaos beginnt.

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Wellendingerin Eva Seger schon auf der Arbeit im Krankenhaus im nahegelegenen Donaueschingen. Ihr Mann Hans weilt seit Tagen geschäftlich in Südschweden. Tochter Lea ist bei Nachbarn im Dorf untergebracht.

Als um Punkt sieben der Strom ausfällt, ist auf der Intensivstation, auf der Eva Krankenschwester ist, die Hölle los. Zwar springen sofort die Notstromaggregate an, aber deren Kapazitäten können keinen vollwertigen Betrieb gewährleisten. Improvisationstalent ist gefragt, denn schon bald treffen die ersten Verletzten aus der Stadt ein. Dort zeigen sich, wie Augenzeugen berichten, Anzeichen einer kollektiven Paranoia, ausgelöst durch die zahllosen Unfälle, Plünderungen, Raubüberfälle und dem Fehlen jeglicher Ordnungsmacht. Die Gerüchteküche brodelt so heftig, dass sich auch das Krankenhauspersonal nach und nach absetzt, um sich um seine Angehörigen zu kümmern. Nur Eva Seger, unsere Heldin, versucht mit der Unterstützung des verletzten Polizisten Joachim Beck zu retten, was noch zu retten ist. Doch nach einer kräftezehrenden Auseinandersetzung mit drei Ganoven macht auch sie sich auf um zu ihrer Tochter nach Wellendingen zu kommen.

Die Dörfler waren in der Zwischenzeit nicht untätig. Sie nehmen die Katastrophe erstaunlich unaufgeregt hin. Obwohl in der Nähe des Ortes ein Flugzeug abgestürzt ist und sie die vielen Toten in einem Massengrab beerdigen mussten, konzentrieren sie sich schnell auf die Notwendigkeiten – z.B. das Melken der Kühe beim letzten ortansässigen Bauern. Da keiner weiß, wie lange dieser stromlose Zustand andauern wird und Informationen von außerhalb nur sporadisch durch Flüchtlinge oder Heimkehrer übermittelt werden, richtet sich die Dorfgemeinschaft auf eine längerfristige Notsituation ein - Lebensmittel werden rationiert, die Zufahrtstraßen zum Dorf blockiert, ein nächtlicher Wachdienst eingerichtet, ein provisorischer Dorfrat wird gewählt. Die Angst vor auswärtigen Marodeuren ist groß, doch der "Feind" sitzt schon längst bei ihnen am Tisch.

Auch Hans Seger, der - wir erinnern uns - auf Geschäftsreise in Schweden weilte, hat sich unlängst auf den Weg nach Hause gemacht. Da die Öresund-Brücke zwischen Schweden und Dänemark eingestürzt ist, hat er sich für den Seeweg über die Ostsee entschieden, um dann von Rügen via Berlin in Richtung Schwarzwald vorzudringen. Unter den gegebenen Umständen ein abenteuerliches Unterfangen, aber er hat Weggefährten gefunden, die ihm zur Seite stehen. Ob sie es denn schaffen?

Nach der Lektüre von gefühlten 1.000 Seiten bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Auf der einen Seite mangelt es Tietz nicht an guten Ideen und manche Szenen sind fast genial. Doch alles wird vom zähen Brei seiner Weitscheifigkeit erdrückt. Von der Kunst des effizienten Erzählens hat Tietz nichts gehört. Es geht hier nicht um eine epische Breite, sondern um die ellenlange Aufzählung und Beschreibung jeder kleinsten Banalität. Mal ehrlich! Wer will schon wissen, welche Zitze von Bauer Allbickers Kuh entzündet ist oder was die Großmutter vor 50 Jahren auf einem Kaffeekränzchen erzählt hat. Einen Tiefpunkt nicht nur sprachlicher Natur erreicht Tietz bei der Vorstellung der Silvia Hochmuth:

 

Silvia war hässlich, vielleicht sogar wirklich die hässlichste Frau der Welt, wie Hans und Malow bei ihrem Anblick dachten. Oder, wenn nicht die hässlichste, so doch eine aus der vordersten Riege der Hässlichen.

 

Dann wird diese Hässlichkeit noch auf einer ganzen Buchseite en detail zelebriert. Unter dieser exzessiven Detailverliebtheit leidet der ganze Plot. Selbst der an sich temporeiche Auftakt im Krankenhaus wird durch die immer wiederkehrenden, seitenlangen inneren Monologe des Thomas Bachmann, der in einem Aufzug festsitzt, zerstört. Der Clou, dass Thomas Bachmann drei Stimmen in seinem Kopf hört, die miteinander streiten, hat sich spätestens nach der zweiten Sequenz abgenutzt und man ist geneigt die Restlichen nur zu überfliegen.

Dabei kann Michael Tietz es doch viel besser. Hans Segers Odyssee von Malmö quer durch die ganze Republik steckt voller brillanter Ideen, die selbst dem Altmeister Stephen King zur Ehre gereicht hätten. Segers und Malows Konfrontationen mit dem Bösen oder dem Wahnsinn in Menschengestalt erzeugen Bilder nachhaltiger Intensität. Ein Handlungsstrang, dem man mehr Raum hätte gönnen sollen, da hier die Auswirkungen der Katastrophe sehr plastisch und phantasievoll geschildert werden.

Doch Tietz ist viel zu sehr auf das Geschehen in "seinem" kleinen Dorf fixiert. Wellendingen, ein Hort der Ruhe und Sicherheit, erlebt eine Renaissance des vorindustriellen Landlebens – Ackerbau und Viehhaltung wie vor 150 Jahren. Da es seltsamerweise keinerlei Bedrohung von außen gibt, können sich die Dorfbewohner ganz den internen Problemen und Intrigen widmen, die zum Teil künstlich aufgebauscht und unglaubwürdig wirken wie der Alkoholentzug von Frieder Faust oder die obsessive Liebe von Evas Ex-Ehemann Martin Kiefer. Michael Tietz scheint ein viel zu guter Mensch zu sein, als dass er das "wirklich" Böse ergründen oder in die Abgründe der menschlichen Seele blicken könnte.

Viel gewollt, viel geschrieben und keiner hat ihn gebremst. Es ist schade, dass Michael Tietz' hehre Absicht uns auf die Fragilität unserer Zivilisation aufmerksam zu machen, in einem solchen Mammutwerk versteckt ist. Einiges in diesem Roman ist selbstredend Spekulation, es geht immer um die Frage: Was ist, wenn? Was ist, wenn die Erde sich weiter erwärmt? Was ist, wenn der Meeresspiegel weiter steigt? Was ist, wenn der Golfstrom zum Stillstand kommt? Keiner weiß es! Wissenschaftler können alles hochrechnen, nur menschliches Verhalten nicht. Wir Menschen wähnen uns solange auf der sicheren Seite bis es zu spät ist. Dabei hat unsere Vergangenheit so viele Beispiele parat, aus denen wir lernen könnten. Ob die Dorfgemeinschaft in Wellendingen etwas aus der Katastrophe gelernt hat, zeigt sich am Ende der Geschichte, wenn der "Verführer" vorfährt. Wohl nichts! Sie sehnen sich genau nach dem, was sie gerade als entbehrlich erkannt haben und sie reproduzieren ihre eigene Vergangenheit mit all ihren Fehlern, wagen nichts Neues. Darum hat Michael Tietz' Roman nichts Utopisches, sondern eher etwas Historisches - mit viel Wohlstandsmüll.

Wie in seinem Nachwort zu lesen ist, arbeitet er schon an einem Nachfolgeroman. Wahrscheinlich ist er schon fertig. Es wäre zu wünschen, dass er die vielen gutmeinenden Stimmen, die seine Langatmigkeit beklagen, ernst genommen und sich selbst gesagt hat: Mensch, Michael, komm mal auf den Punkt!

 

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