Kalte Haut

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2012
  • München: Goldmann, 2012, Seiten: 450, Originalsprache
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Jochen König
77°

Krimi-Couch Rezension von Jochen König Aug 2010

It's an angry world, And no doubt everything will go as planned

Dr. Robert Babicz kehrt nach vier Jahren in seine Heimatstadt Berlin zurück, nachdem er in den USA daran beteiligt war, den sogenannten "Bonekiller" dingfest zu machen. In der Bundeshauptstadt muss er sich seiner schmerzlichen Vergangenheit stellen. Beginnend mit dem frühen Tod seiner Eltern und endend beim Wiedersehen mit seinem Bruder Max, seinem ehemals besten Freund Hagen und später noch seiner ehemaligen Verlobten "Bo". Während der seinerzeit sang- und klanglos aus Berlin geflohene Robert versucht, die Scherben seiner Vergangenheit zusammenzukehren und sich eine neue Gegenwart aufzubauen, beginnt eine grauenhafte Mordserie. Wenn er nicht in Haft wäre, läge die Vermutung nahe, der "Knochenmann" sei Babicz gefolgt.

Gleichzeitig ermittelt die türkische Kommissarien Sera Muth im Fall einer niedergestochenen jungen Türkin. Ein gefundenes Fressen für die Kampagne des Innensenators Lothar Lahnstein, dessen Forderung "Schluss machen mit multikultureller Verblendung!" die Titelseiten der Berliner Presse insbesondere des "Kurier" verunstaltet. "Ehrenmord" ist das Stichwort und der untergetauchte Noch-Ehemann der jungen Türkin der Hauptverdächtige. Dies bringt Muth auf Konfrontationskurs mit dem männlichen Teil ihrer großen Sippschaft. Doch sie will sich nicht beirren lassen, weder durch Lahnsteins ausländerfeindliches Auftreten, noch durch die reaktionären Ressentiments ihrer Familie gegen berufstätige und selbständige Frauen. So sitzt sie zwischen den Stühlen, bis sie von dem Fall abgezogen wird, um sich mit Robert Babicz zusammen um den wesentlich aufsehenerregenderen "Knochenmann" zu kümmern. Dessen erstes Opfer der Sohn des Innensenators ist. Bald stellt sich die Frage: Stecken (religions)politische Gründe hinter der Ermordung oder verfolgt der Killer ganz eigene Ziele?

Einmal darf geraten werden&

Was als Beschreibung intoleranter Verhältnisse, die Gewalt von Männern gegen Frauen geradezu fördert, beginnt, entwickelt sich zu einer Mixtur aus psychologischem Thriller und der immer temporeicher werden Jagd nach einem Serienkiller, dessen mörderisches Verhalten in Hochgeschwindigkeit aus dem Ruder läuft.

Im ersten Teil bezieht Feige zwar klar Position gegen die Hetztiraden des Berliner Innensenators, stellt der schwer verletzten Adile Gökcan die Journalistin Tania Herzberg entgegen, deren stalkender (Ex-)Mann Ralf ebenfalls ein Pulverfass ist, dessen Lunte verflucht schnell brennt. Doch Marcel Feige lässt auch keinen Zweifel daran, dass eine von Männlichkeitswahn geprägte türkische Kultur wenig mehr als Gewalt und Leid mit sich bringt. Als Prellbock dient die Kommissarin Sera Muth, die einerseits ihren eingeschlagenen (beruflichen) Weg konsequent voran schreitet, andererseits den diktatorischen Ansprüchen ihres Vaters und Onkels höchst wankelmütig gegenüber steht.

Ständige familiäre, zwanghaft-freundliche Infiltration schwächt.

Doch anstatt diesen Konfliktstoffen weiteren (berechtigten) Raum zu gönnen, verändert "Kalte Haut" nach rund 150 Seiten die Zielrichtung. Zwar steht Seras Beziehung, ihrer Familie gegenüber schamhaft verschwiegen, zum verheirateten Restaurantbesitzer Gerry, immer wieder zur Disposition, doch Robert Babicz und sein mörderischer Schatten fordern mit Gewalt immer mehr Spielfläche. Die Marcel Feige ihnen auch zugesteht. Leider geht bei der ausladenden Reise in Babicz´ Geschichte, seinen Beziehungen, alten wie neuen, und den blutigen Taten des "Bonekillers", der Mordversuch an Adile Gökcan ziemlich unter, bevor er im Schlussdrittel viel zu beiläufig noch einmal Erwähnung findet. Bis dahin hat sich Tania Herzbergs Ehegeschichte ebenfalls unspektakulär erledigt. Viel auffälliger steht Tania aber im Focus des Serienkillers, der ihr augenscheinlich die Leichen zuführt und um sie herum gruppiert.

Wenn man den etwas zu ausladenden und in diversen Beziehungsgeflechten herumirrenden Mittelteil mit Nachsicht betrachtet, ist die vielseitige Beschäftigung mit dem "Knochenmann" dramaturgisch und spannungstechnisch ausgefeilt. So etwas wie der Mittelbau des Thrillers: Hier schreibt jemand, der sein Handwerk versteht, und bei dem Leser gut aufgehoben sind, der aber seine Möglichkeiten nicht konsequent auslotet.

Die Beschreibungen der gefolterten und gehäuteten Opfer suhlen sich nicht in blutgeilem Voyeurismus; Feige respektiert all seine Figuren, er lässt ihnen ihre Würde selbst in Dummheit, Intoleranz, Wahnsinn und Tod. Die sachte Spannungssteigerung tut dem Roman gut, macht die Auflösung umso überraschender und zum Genuss für den literarisch bewanderten Leser. Denn der Täter wird nicht wie ein blutbesudeltes Kaninchen aus dem Hut gezogen, sondern mit vielen Hin- und Querverweisen für aufmerksame Beobachter aufgebaut. Nicht nur Edgar Allan Poe lässt grüßen.

Zwei Bücher zum Preis von einem.

Während der Erzählstrang um die populistische, blindwütige Politik des Berliner Innensenators und ihren Einfluss auf das alltägliche Leben eine Vertiefung verdient hätte das Opfer bekommt zwar Beschreibungen, aber keine einzige unmittelbare Szene zugestanden - , driftet der "Knochenmann"-Part weg von allgemeinpolitischen Zuständen zur persönlichen Apokalypse. Marcel Feige ist dabei ein eloquenter und weitgehend stilsicherer Führer durch sämtliche Untiefen.

Ändert nichts daran, dass Kalte Haut ein recht disparates Vergnügen bleibt. Lesenswert allemal, aber Beschränkung auf der einen Seite, und Vertiefung auf der anderen, hätten aus einem ordentlichen Buch zwei Großartige machen können.

Neben den vorhandenen literarischen Finessen muss noch der hervorragende "Soundtrack" des Romans hervorgehoben werden. Manchmal etwas zu offensichtlich, aber immer passend, lässt Marcel Feige Musik unterschiedlichster Natur Handlung und Protagonisten kommentieren.

Kalte Haut

Marcel Feige, Goldmann

Kalte Haut

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