Der letzte Beweis

  • Blessing
  • Erschienen: Januar 2010
  • München: Blessing, 2010, Seiten: 575, Übersetzt: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
  • München: Heyne, 2012, Seiten: 576, Übersetzt: Klaus Timmermann & Ulrike Wasel
Der letzte Beweis
Der letzte Beweis
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Andreas Kurth
92°

Krimi-Couch Rezension von Andreas Kurth Jul 2010

Wenn nur der Angeklagte die Wahrheit kennt ...

Meisterhafte Perspektivwechsel

Gerichtsthriller sind ein ganz spezielles Genre. Und entweder wird der Leser von Beginn an von der Geschichte gepackt, oder er steigt schnell wieder aus. Scott Turow versteht es in seinem neuen Buch geradezu meisterhaft, den Leser von Beginn an für den Ausgang der Story zu interessieren. Bis dahin ist es zwar ein langer Weg, aber der Autor nutzt vor allem im ersten Teil des Buches die Perspektiv- und Erzählerwechsel, um stets neuen Schwung in die Handlung zu bringen. In diesem ersten Teil geht es um die Zeit vor und nach dem Tod der Ehefrau von Richter Rusty Sabich. Der Prozess gegen ihn wird im zweiten Teil des Buches geschildert. Besonders hilfreich und leserfreundlich sind die kleinen Zeitleisten am Beginn jeden Kapitels im ersten Teil, die dem Leser die Orientierung trotz der Zeitsprünge und Perspektivwechsel einfach machen. Im zweiten Teil fallen die Zeitleisten weg, denn nun wird chronologisch erzählt.

Alte Schlacht wird erneut geschlagen

Richter Rusty Sabich sitzt einen ganzen Tag lang an seinem Ehebett, in dem seine tote Frau liegt. Erst dann ruft er die Polizei. Er ist aussichtsreicher Kandidat für einen Sitz am obersten Gerichtshof des Staates – aber jetzt wird Sabich zum zweiten Mal in seinem Leben des Mordes angeklagt. Alle Indizien, die von der Staatsanwaltschaft gesammelt wurden, sprechen gegen ihn. Er wird also mit Hilfe seiner Verteidiger beweisen müssen, dass er unschuldig ist. Vor rund 20 Jahren hatte Richter Sabich eine Affäre mit einer Kollegin, die dann brutal ermordet wurde. Sein alter Widersacher in der Staatsanwaltschaft von Kindle County, Tommy Molto, hatte damals unnachgiebig versucht, Rustys Schuld zu beweisen – aber der Prozess endete mit einem Freispruch, und Molto wurde bestraft, weil er Beweise manipuliert hatte. Jetzt bleibt der Tod von Rustys Ehefrau Barbara zunächst unklar, aber Rusty hatte erneut eine Affäre, diesmal mit seiner Referendarin Anna. Ein eindeutiges Mordmotiv. Molto will deshalb auf jeden Fall zu Ende bringen, was er damals begonnen hat – Rusty Sabich für immer hinter Gitter bringen.

Eine gute Fortsetzung

Scott Turow wird von Rezensenten gerne als eine "Instanz des Justizthrillers" bezeichnet, dem kann ich durchaus zustimen. Sein Bestseller "Aus Mangel an Beweisen" ist ein Art Klassiker - er hat das Genre massiv beeinflusst. Mit "Der letzte Beweis" führt er die spannende Geschichte um Sabich und Molto fort - fesselnd von Anfang an. Der Leser glaubt zu ahnen, was als nächstes kommt – und wird bis zum Ende immer wieder überrascht. Ein hervorragend eingesetztes Stilmittel sind dabei die unterschiedlichen Erzähler. Mal ist es der Richter selbst, mal sein Sohn Nat, dann wieder der Oberstaatsanwalt oder Rustys Geliebte Anna. Das Geschehen wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert, und der Leser lernt die Hauptakteure eingehend kennen. Turow haucht seinen Figuren viel Leben ein, und macht so die Geschichte flüssig und doch enorm spannend.

Egoisten, Schwächlinge und Idealisten

Es geht bei diesem Thriller auch um einen Machtkampf in der Justiz, um bedingungslose Treue und schändlichen Verrat, persönliche Schuld und Vergebung. Der Autor zeigt Egoisten, Schwächlinge, Idealisten und ihr Scheitern in einer ungerechten Welt. Wie nur wenige andere Autoren versteht sich Scott Turow darauf, ein hochgradig verzwicktes Gerichtsverfahren zu schildern – und er scheut sich auch nicht davor, seine Figuren bis an den Rand ihres seelischen Abgrunds treten zu lassen. Das Sahnehäubchen ist dabei das durchaus überraschende Ende – und der Leser wird auch noch zum Nachdenken eingeladen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Turow mit seinem nächsten Thriller nicht wieder so viel Zeit lässt.

Der letzte Beweis

Scott Turow, Blessing

Der letzte Beweis

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