Götterdämmerung in El Paso

  • Pulp Master
  • Erschienen: Januar 2012
  • Berlin: Pulp Master, 2012, Seiten: 318, Übersetzt: Ango Laina
  • Bozeman: Bangtail, 2015, Titel: 'El Paso twilight', Seiten: 257, Originalsprache, Bemerkung: ursprünglich unter dem Titel: Virgin in the woodworks
Götterdämmerung in El Paso
Götterdämmerung in El Paso
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Matthias Kühn
92°

Krimi-Couch Rezension von Matthias Kühn Jul 2010

Hoffnungslos in West-Texas

Schon 1993 unternahm der Piper-Verlag einen Versuch, Rick DeMarinis im deutschen Sprachraum vorzustellen; das ging leider ziemlich in die Hose. Was unter anderem dadurch belegt wird, dass viele Exemplare des Romans Das Jahr des Zinkpennys heute in Antiquariaten herumstehen. Dieser Roman ist also in gewisser Hinsicht lieferbar.

Knapp zwanzig Jahre danach versucht sich der nicht genug zu lobende Pulp-Master-Verlag erneut daran, Rick DeMarinis bei uns ins Spiel zu bringen schon zum zweiten Mal nach Kaputt in El Paso im Jahr 2007, übersetzt von Angelika Müller und Ango Laino.

Kaputt in El Paso so könnte auch Götterdämmerung in El Paso heißen; denn was da dämmert, ist nicht etwa Hoffnung oder sonst ein zartes Pflänzchen, da dämmern höchstens Richard Wagners Götter auf dem alten Plattenspieler von Luther Penrose, einem hundertfünfzig Kilo schweren Schriftsteller mit einer Fünfzehnkilokatze. Dieser weltfremde, unberechenbare, drogenessende, tendenziell paranoide Kerl, der kaum sein Haus verlässt, heult sich regelmäßig bei seinem Freund aus, dem Privatdetektiv J.P. Morgan, der den Roman erzählt. Der Unterschied zwischen den beiden ist gewaltig der wohlhabende Schriftsteller neigt zu depressivem Rumhängen, der Schnüffler achtet halbwegs auf sich und seinen Körper ist aber immer pleite, wie es sich für einen echten amerikanischen Detektiv gehört.

Aus dem Ausheulen soll nun ein professionelles Verhältnis werden: Luthers Frau Clara ist verschwunden. J.P. will sich aber nicht von seinem Freund engagieren lassen, auch wenn er das in Aussicht gestellte Geld dringen bräuchte. Und so gibt er vor, beschäftigt zu sein, obwohl er sich höchstens um seine mit Visionen gesegnete Mutter kümmert:

 

In Wirklichkeit hatte ich überhaupt nichts zu tun. Sundown Fidelity hatte mich ausgemustert, zugunsten einer Firma von der Westküste, deren Ermittler allesamt Juraexamen hatten und Anzüge von Hart Schaffner Marx trugen. [...] Sie gingen den Schlagworten der Westküsten-Bude auf den Leim: Mehr Ressourcen, mehr Flexibilität, globale Datenbanken, diverse Ermittler etc. pp. Und ihnen gefielen die Anzüge. Ich lieferte keine Schlagworte, sondern Ergebnisse und meine besten Klamotten beschränkten sich auf eine gebügelte Levis, Stiefel aus Straußenleder und mexikanische Hochzeitshemden locker sitzende Guayaberas, die ich stets im Dutzend in Juárez kaufe.

 

Natürlich weiß Luther, dass sich J.P. herausredet; er weiß, dass er "ohne Ehrgeiz und wenig erpicht aufs Hamsterrad" ist. Aber er weiß auch, dass dieser ehemalige Polizist und Versicherungsdetektiv seinem alten Freund einen Gefallen nicht abschlagen kann. J.P. wird nicht Luthers Frau in dessen Auftrag hinterherschnüffeln, aber wenn Carla vielleicht sogar in Gefahr ist, muss er einspringen. Er nimmt also an, jedoch nur um zu belegen, dass es sich nicht um eine Affäre handelt, die Luthers Gattin aus El Paso vertrieben hat. Und natürlich ist Carla in großer Gefahr.

J.P. ist nicht der Einzige, der hinter Carla und ihrem Begleiter her ist Luther hat einen weiteren Detektiv auf den Fall angesetzt hat, den schleimigen Hamilton Scales, der wiederum Leute für sich arbeiten lässt, denen alle Beteiligten besser aus dem Weg gehen sollten.

Und kaum hat J.P. Carla gefunden, wird aus dem vermeintlichen Ehekrimi eine Art Thriller mit internationalem Plot. Wobei das Wort Thriller auf die falsche Fährte führen können: Bei diesem Buch darf sich niemand gemütlich zurücklehnen, um sich eine groteske Story erzählen zu lassen, in der schließlich ein Fall gelöst wird und sich alle freuen.

Gegen eine solche entspannte Art der Lektüre stehen zum einen die Figuren: Die sind nicht witzig wie in vielen amerikanischen Thrillern, sie sind äußerst bedrohlich. Die Problematik ist so real, dass es beängstigend werden könnte, Götterdämmerung in El Paso zu lesen. Zum anderen haut die negative Weltsicht rein, die ohne jedes Augenzwinkern immer wieder verbreitet wird; ganz egal, ob die Erkenntnisse von J.P. kommen wie diese hier:

 

Unsere ureigenen Dämonen stecken in unseren Genen. Wir halten sie unter Verschluss. Wenn sie dort ausbrechen, nennt man das "vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit".

 

Oder ob sie von Luther stammen:

 

Luther hängt einer Theorie an, mit der ich mich anfreunden kann: Vor Tausenden von Jahren seien auf dem europäischen Kontinent und in den Steppen Asiens Menschen ausschließlich für die Kriegskunst gezüchtet worden. Sie seien stark gewesen, intelligent, schnell und furchtlos. Die Züchter dieser Krieger hätten sich potente junge Männer herausgepickt, deren Antrieb zu beherrschen und zu zerstören, anderen den Schädel einzuschlagen und Beute zu machen stark ausgeprägt gewesen sei. Die Vorstellung von zivilem Verhalten habe sich noch nicht entwickelt.

 

Genau einem Nachkommen dieser Züchtung sieht sich J.P, dessen Initialen übrigens völlig sinnlos für nichts stehen, schließlich gegenüber als er den Fall eigentlich schon für abgeschlossen hält. Und von da an, nach etwa einem Drittel des Buches, geht es richtig ab. Da tauchen skrupellose Nazischläger auf (siehe obige Theorie), Öko-Aktivisten, Menschenschmuggler und Veteranen des Desert Storms in Kuwait und im Irak, zu denen auch J.P. Morgan zählt. Es gibt brennende Oldtimer und nackte Leichen mit gebrochenem Genick und man ist sich als Leser zu keiner Zeit sicher, welche Überraschung als nächstes kommt. Denn DeMarinis hält sich nicht an die bekannten Plot-Regeln. Es kommt, wie es kommt. Und es kommt heftig.

Der Roman spielt zwar unter anderem in Las Vegas, Albuquerque und Phoenix, seine eigentliche Hauptfigur aber ist El Paso eine eigentlich beschauliche Wüstenstadt, wo die Menschen einigermaßen ruhiggestellt sind, weil das Grundwasser, wie DeMarinis schreibt, Lithium enthält. El Paso liegt aber an einer der gefährlichsten Grenzen der Welt, die in diesem Buch eher den Eindruck einer Front macht:

 

Grenzen, sagte sie, seien eine Erfindung der Politik, imperialistischer Kriege und gerechtfertigt mit pseudorationalen Erklärungen wie dem Manifest Destiny. Die Waffe am Kopf, sei Mexiko durch den Vertrag von 1848 nahezu halbiert worden. Was einst Mexiko gewesen war, sei mithilfe brutaler Gewalt US-Territorium geworden. [...] Viele, die illegal die Grenze passierten, hofften, bei Verwandten unterzukommen, bis sie Arbeit gefunden hätten.

 

Einen kleinen literarischen Hinweis versteckt Rick DeMarinis im Buch: Er lässt einen der Nazischläger, die mit großem Vergnügen und ohne Rücksicht Illegale jagen, aus Winslow/Arizona kommen. Was Tempo und Spannung angeht, kann es DeMarinis durchaus mit Don Winslow aufnehmen, ein direkt verwandter Autor ist er aber doch nicht: Götterdämmerung in El Paso ist wesentlich kraftvoller und dunkler nein, es gibt eigentlich keine Hoffnung. Und die Leute sind immer kurz davor, einfach auszurasten. Aus Gründen, die auf den ersten Blick nichtig scheinen. Wasserverschwendung zum Beispiel, in einer Wüstenstadt natürlich ein Vergehen, das der Choleriker J.P. so darlegt:

 

"Der gedankenlose Verbrauch von jungfräulichem Wasser ist moralisch verwerflich genauso gut könnte jemand das Blut seiner Kinder verhökern, um seine Crackabhängigkeit zu finanzieren. [...] Rasenflächen, Golfplätze und künstliche Seen müssten nicht nur hier, sondern überall im Südwesten verboten werden.

 

Ein immer wieder verstörendes Buch ist das und ein echter Glücksfall.

Götterdämmerung in El Paso

Rick DeMarinis, Pulp Master

Götterdämmerung in El Paso

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