God's Pocket

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Random House, 1983, Titel: 'God´s Pocket', Seiten: 274, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2010, Seiten: 367, Übersetzt: Jürgen Bürger & Kathrin Bielfeldt

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Jochen König
Überwältigendes Debüt eines großen Autors

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2010

Ein Journalist wird von einem aufgebrachten Mob mit Baseballschlägern brutal zusammengeschlagen, weil diese Herrschaften einen seiner Artikel nicht leiden konnten. Was macht der Journalist, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde? Er kehrt seinem Beruf den Rücken zu, entscheidet sich Schriftsteller zu werden und baut genau jene schmerzhafte Episode in sein Romandebüt ein. Fernab jedes Selbstmitleids, sondern als fast logische Konsequenz eines großen Missverständnisses.

Der ehemalige Reporter heißt Pete Dexter und der unangenehme Zwischenfall findet seinen Platz in God’s Pocket, einem ziemlich übel beleumundeten Viertel Philadelphias, und gleichzeitig der Titel von Dexters Einstand als Autor.

1983 im Original erschienen, darf sich der Liebeskind-Verlag das Verdienst zuschreiben das Erstlingswerk 27 Jahre später in vorzüglicher deutscher Bearbeitung (dank des verlässlichen Jürgen Bürger und seiner Co-Übersetzerin Kathrin Bielfeldt) heraus gebracht zu haben.

Dass Pete Dexter kein sich vorantastender Anfänger war, als er God’s Pocket verfasste, merkt man jeder Seite an. Poetisch, sprachgewaltig und nie geschwätzig, trifft der Roman punktgenau in Herz, Magengrube und Gehirn des Lesers. Der oft strapazierte Begriff "lakonisch" findet in Dexter seinen Meister; denn die Zurückhaltung, der respektvolle Umgang mit JEDER seiner Figuren ist von individueller Finesse.

Dabei ist Leon Hubbard, der Ausgangspunkt des Romans, ein ziemlicher Kotzbrocken. Ein 22-jähriger unmotivierter Hilfsarbeiter mit einem unangenehmen Faible für diverse Drogen und sein Rasiermesser, mit dem er nach Belieben herumfuchtelt und seinen Mitmenschen Angst einjagt oder zumindest Verwunderung hervor lockt. Bis er eines Tages nicht nur die Luft zerschneidet und als Reaktion darauf, sein Hinterkopf von einer Eisenstange zerschmettert wird. Obwohl Leon auf der Baustelle eines Krankenhauses niedergeschlagen wird, kommt jede Hilfe zu spät. Den ermittelnden Polizisten erklärt der Vorarbeiter Coleman Peets, dass es sich bei Leons Tod um einen bedauerlichen Unfall handelte. Trotz einiger Zweifel lässt Officer Eisenhower diese Variante der Geschichte durchgehen und auch der anwesende Bauarbeiter-Trupp nickt fast einhellig ab...

"Und ganz egal, was jeder Einzelne tut, wir sind immer noch hier, und was immer wir sind, genau das sind wir."

Doch in God’s Pocket, dem Heimatviertel Leons entwickelt sein Tod eine Eigendynamik, die weitere Gewalt und Leichen nach sich ziehen wird. Seine attraktive Mutter Jeanie glaubt nicht an einen Unfall, und sein Stiefvater Mickey – dem Kontakte zur Mafia nachgesagt werden – muss sich nicht nur um die Beerdigung, zu der ihm das Geld fehlt, sondern auch um eine mögliche Aufklärung kümmern. Widerwillig und eher beiläufig setzt er einige Hebel in Gang und sorgt so für Entscheidungen, die einige Leben nachhaltig verändern werden. Unter anderem sein eigenes.

Derweil wird der ausgebrannte Starkolumnist der Philadelphier Tageszeitung Daily Times Richard Shellburn auf den "Unglücksfall" angesetzt. Träge und wehleidig macht er sich an die Arbeit, und blüht auf, als er Jeanie Hubbard Scarpato kennenlernt. Tage voller Wein und Rosen bekommen plötzlich einen Sinn und inmitten all der Gerüchte und Geschichten, der Lügen und des allgegenwärtigen Todes keimt ein wenig Hoffnung auf. Fragt sich bloß für wen?

God’s Pocket ist ein Debüt von traumwandlerischer Sicherheit. Ein genau austarierter Roman, der Form und Inhalt auf atemberaubende Weise verbindet. Hier trifft Poesie auf straßentaugliche Schnoddrigkeit, absurde Komik auf sensible Tagträume, impulsive und rabiate Gewalt auf zärtliches Innehalten. Dexter analysiert seine Figuren nicht, er gibt ihnen Raum sich selbst zu erklären, ohne ein Wort zu viel zu verschwenden. Das könnte leicht in eine theoretische Versuchsanordnung, oder zum Panoptikum ausarten, aber Pete Dexter gibt seinen Figuren genügend Verankerung in der Realität, um sie jederzeit glaubwürdig und vor allem nachvollziehbar agieren und denken zu lassen. God’s Pocket ist dabei das Stigma, dass sie alle mit sich herum tragen. Ob sie es hinter sich lassen wollen wie Mickey Scarpato, der aussteigewillige und melancholische Kleinmafiosi Bird und seine wehrhafte Tante Sophie; daran verzweifeln wie der einbeinige, krebskranke Thekenphilosoph Ray, Jeanie Hubbard Scarpato und Richard Shellburn; sich wohlfühlen wie die Beleg- und Kundschaft von Mickeys Stammkneipe mit dem bezeichnenden Namen "Hollywood". Oder schlicht psychisch labile Explosionsherde sind wie Leon Hubbard, der Beerdigungsunternehmer Smiling Jack und Mole Ferrell, der zu viele Schläge auf den Kopf abbekommen hat "und berühmt dafür [ist], sich in verschiedenen Zeiten zu bewegen". Ferrell taucht zwar nur auf wenigen Seiten auf, ist dort aber sehr präsent. Ein weiteres Beispiel wie wenig Raum einem fähigen Autoren reicht, einer Figur Profil zu verleihen.

Am Rande bewegt sich der Bautrupp um den stoischen Vorarbeiter Peets, seinen langjährigen Mitarbeiter, den dunkelhäutigen Lucien "Old Lucy" Edwards jr., die zur Nemesis für Leon Hubbard werden, sowie die beiden Polizisten Eisenhower und Arbuckle. Von denen der eine ein abgeklärter und dunkel amüsierter Chronist der laufenden Ereignisse ist, während sein Kollege, der etwas tumbe Arbuckle, seinem filmischen Namensgeber alle Ehre macht. Und für eine etwas abseitige Slapstick-Pointe sorgt, die als "der zweite Tod des Leon Hubbard" in die Annalen von God’s Pocket eingehen wird.

Mag der Roman auch stellenweise vor hinterhältigem Witz nur so bersten, lustig macht sich Dexter über seine Figuren nie. Sein Kaleidoskop einer Gesellschaft, die in einem Niemandsland zwischen Gestern und Heute, zwischen Selbstbetrug, unterschwelliger Gewaltbereitschaft und der Sehnsucht nach Veränderung steckt, ist von genau beobachtender Präzision, die weit über ein kleines, schmuddeliges Viertel in Philadelphia zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinaus geht.

Das Leben ist wunderbar, man muss es nur durch die richtige Brille sehen

Leben passiert und jede Handlung, oder ihre Verweigerung, zeugt immer Konsequenzen. Das trifft besonders auf die meist kurzen, aber äußerst schmerzhaften Explosionen von Gewalt zu, die den Roman durchziehen wie ein roter Faden. Hier ist Dexter gelegentlich Optimist, denn die ausgeübte Gewalt richtet sich schon mal gegen ihre jeweiligen Verursacher. Dass der Stille nach einer schweren Verwundung oder gar dem Tod, eine weitere gewaltsame Reaktion folgt, scheint allerdings nahezu sicher – doch jeder hofft, dass sie nicht eintrifft. Und vielleicht gelingt es ja doch God’s Pocket eines Tages lebend zu entkommen.

Manchmal wächst aus Akten sinnloser Gewalt, bzw. dem Widerstand dagegen, auch große Kunst. God’s Pocket ist das beste Beispiel. Ein Buch, das 27 Jahre auf dem Buckel hat und nicht einmal in Würde gealtert ist, sondern völlig unverbraucht wirkt. Spannend, tiefgründig und sprachlich ein Genuss – ich tippe jetzt schon auf meinen Volltreffer dieses Jahres. Schwer zu übertreffen. Und das will bei der hochkarätigen Konkurrenz viel heißen...

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Letzte Kommentare:
26.11.2011 21:42:43
uk

Als Krimi ist God\'s Pocket von Pete Dexter eher mäßig, dafür hat das Buch ganz andere Quaitäten. Es ist eine hochinteressante Geschichte über die amerikanische Gesellschaft, über ein Stadtviertel in Philadelphia und seine Bewohner, eine ziemlich präzise Analyse der unteren Schicht der US-Bevölkerung. Dexter schreibt zynisch und witzig, das Ganze liest sich über weite Strecken sehr gut. Wertung: Durchaus emofehlenswert trotz einiger Längen. Ich kannte den Autoren vorher nicht, God\'s Pocket hat mich richtig neugierig gemacht auf weitere Werke von Pete Dexter.

18.01.2011 22:32:31
Schrodo

Leon Hubbard war eine Ratte, gewalttätig und unkontrollierbar. Als er vor den Augen seiner Arbeitskollegen ermordet wird, verliert niemand ein Wort darüber. Alle sind sich einig, dass Leon besser tot ist als lebendig. Und es war ja irgendwie Notwehr, eine Art Arbeitsunfall. Die Einzigen, die sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben, sind Leons Mutter und ein versoffener Reporter namens Richard Shellburn, der von seiner Zeitung losgeschickt wird, um die Ehre eines toten Jungen aus Gods Pocket wiederherzustellen. Aber in diesem Viertel kann zu viel Mitgefühl gefährlich werden, besonders, wenn sich die Mafia einschaltet.
Jetzt hab ich schon wieder ein „neues Buch“ erwischt, das vor fast 30 Jahren geschrieben wurde. God´s Pocket, ein Stadtteil in Philadelphia. Dort sind die Menschen noch einfach. Man lebt und stirbt in dieser „Heimat“. Es gibt nichts außer harter Arbeit, kleinen und großen Gaunereien, und am Ende des Tages einige Drinks in der Bar gegenüber. Mit sinnvollen, oder sinnlosen Diskussionen über Dinge die die Menschen eh nicht verstehen. Pete Dexter hat einen tollen, sehr dunklen Roman geschrieben bei dem der Zynismus beileibe nicht u kurz kommt. Er beschreibt den Alltag der Menschen, ohne dass auch nur ein wenig Spannung aufkommen würde. Das ist aber für diese Art Roman auch nicht nötig.

19.09.2010 11:05:44
Andi Recht

Grossartig, phantastisch, einmalig! Sprachgewaltig, einfühlsam, treffend.
Direkt und brutal.
Aber auch witzig - sehr witzig!

Einfach perfekt!
Unvergleichlich!

150 Grad (wenn\'s denn ginge)!

Der Schinken hat 27 Jahr auf dem Buckel. Wirkt aber noch so frisch wie am ersten Tag.

Lesen!


(Mehr wollte ich eigentlich nicht sagen, muss aber noch etwas zufügen, damit ich auf verlangten 300 Zeichen komme...)

03.09.2010 19:19:25
Blind Willi McTell

LEST DAS ERST MAL (DIE UNTEHALTUNG DREHT SICH UM EINE PERSON, DIE GERADE ZUM PINKELN GEGANGEN IST):
"Wer ist das?" fragte Mickey. Bird zuckte mit den Schultern. "Scheint nicht viel Ahnung zu haben."
"Er weiß, was er weiß", meinte Bird "und auf den Rest scheißt er".
"Das seh ich", meinte Mickey. "Aber was macht er hier? Mir gefällt das nicht."
"hat nichts mit dir zu tun" sagte Bird
"Typen wie den habe ich schon so manche Dinge machen sehn...", sagte Mickey. "Ich meine, er weiß nichts, und das ist schon ok, solange man sicher ist, das er nichts weiß. Was jetzt zum Beispiel, wo er dort steht und sich auf die Schuhe pinkelt. Der Wind bläst unterm Anhänger durch, aber er merkt es nicht mal, wegen der ganzen Geräusche, an die er nicht gewöhnt ist. Aber wenn du da jetzt rausgehst und ihm sagst, daß er sich gerade auf die Schuhe pisst, dann legt er dich um, nur um dir zu zeigen, das er weiß, was er tut."
"Das ist der Grund", sagte Bird, "warum der liebe Gott dir und mir ein Gehirn gegeben hat. Damit wir eben nicht aussteigen und ihm sagen, daß er sich gerade auf die Schuhe pinkelt."
WO HAT MAN SCHON SOLCHE GENIALEN DIALOGE GELESEN???

30.08.2010 23:11:13
Hattie Carol

Dig this:
_"Die Freiberuflerin von der Temple Univerity wurde durch das Lächeln ermuntert. Sie schob sich dichter an Shellburn heran, gab ihm einen Kuss auf die Wange und zog an seinem Schwanz. "Erzähl mir was vom Schreiben", sagte sie "verate mir einen Trick".
Shellburn schüttelte den Kopf, dadurch wurde ihm schwindelig. "Es ist wie beim Rasieren", sagte er. "Man blutet mehr, als es wehtut."_

29.08.2010 02:15:00
Mike

Ja, das kann ich alles nur unterschreiben!!
Hinterhältigster Witz der in diesem Buch vorkommt: "Wenn das Sperma seines Vaters gewußt hätte was aus ihm werden würde, wäre es den ganzen Weg nicht geschwommen sondern wäre umgedreht."
Eine wahre Fundgrube und Pulp Noir par exelence!
Lesen, lesen und nochmals lesen.

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