Sterbenskalt

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Dietmar Wunder

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Wolfgang Franßen
Mit der Zeit

Rezension von Wolfgang Franßen Jul 2010

In den Vermisstenlisten weltweit besteht einer der überzeugendsten Gründe für das überraschende Verlorengehen eines Menschen darin, dass jemand sein altes Leben verlassen wollte, um sich ein neues aufzubauen. Nicht selten binden sich da zwei Schicksale aneinander, die vor allem einem zu entfliehen suchen: der eigenen Familie. Viele von denen kommen nie in diesem neuen Leben an. Tana Frenchs neuer Kriminalroman Sterbenskalt handelt wie bereits Grabesgrün von Menschen, die einem nahe stehen und die einfach verschwinden und nie wiederkehren.

Die Zurückgebliebenen fragen sich, was ist aus ihnen geworden ist? Sind sie jetzt glücklicher?

So auch Frank Mackey, der es zwar geschafft, seiner eigenen Familie mit einem gewalttätigen, saufenden Vater und einer äußerst ruppigen Mutter, samt weiterer Geschwister zu entfliehen, aber leider nicht mit seiner großen Liebe Rosie, die am Tag der Tage zur verabredeten Zeit nicht erschien. Sie wollten nach England, sich Bands anschauen, er sich als Roadie verdingen, ihre Träume leben.

Als Rosies Koffer mitsamt der heimlich angesparten Fährtickets auftaucht, kurz darauf ihre Leiche gefunden wird, bricht in Frank Mackey wieder all sein Hass auf das Viertel auf, in dem er groß geworden ist. Seine Abscheu vor einer Familie, deren Nähe er seit zweiundzwanzig Jahre zu meiden verstanden hat. Zwischen ihm und Rosie war alles geplant gewesen. Nur Rosie kam nicht. Frank hat die Jahre danach im Glauben verbracht, dass sie ohne ihn losgezogen ist.

Wieso wurde ihm sein Glück verwehrt?

Tana French versteht es, wie Val McDermid einen Plot langsam zu stricken, und ist ebenso episch breit und literarisch wie PD James. Sie sorgt dafür, dass man ein atmosphärisches genaues Bild der Personen erlangt, die sich scheinbar harmlos, zufällig im Netz eines Verbrechens verfangen. Vor allem versteht sie sich auf Familien. Und seien es nur zusammen gewürfelte Schicksalsgemeinschaften wie in Totengleich, die vor allem eines beabsichtigen, sich ihrer Vergangenheit zu entziehen, sich nur noch um das Jetzt und nicht länger um das Damals zu kümmern.

Auch Frank Mackey, ein Undercover-Ermittler, gehört zu diesen Versprengten. Wenn wir seine Mutter kennen lernen, wissen wir warum. Da bleibt einem Jungen nur die Flucht. Wenn Tana French das Leben in dieser Familie, die Nachbarschaft beschreibt, fühlt man sich an Frank McCourts Die Asche meiner Mutter erinnert. Nur dass es bei French gnadenloser zugeht. In dieser Familie verzeiht man nicht.

Was die Autorin subtil beschreibt, ist das weiter geben von Schuld. Bis auf den Vater, der am Ende ans Bett gefesselt ist und seinem Ende entgegen dämmert - nicht ohne die Familie weiter an sich zu binden, indem sie ihn pflegen muss - haben alle ein Schicksal erlitten, dass zum Heulen ist. Selbst über Frank wird am Ende Gericht gehalten werden, wenn er seinen Mörder gefunden hat. Der Urteilsspruch wird ihm nicht gefallen.

Für den Leser weit schlimmer Tana French lässt uns daran teilhaben, wie Frank sich selbst schuldig macht, indem er seine unschuldige Tochter Holly in die Wahrheitsfindung hineinzerrt und ihre Seele beschädigt, um einen Mörder zu überführen, gegen den es keine Beweise gibt.

Holly ist nach einer gescheiterten Ehe sein Ein und alles. Dass er selbst sie nicht schützt, sie gar dazu verleitet, Geheimnisse, Menschen preis zu geben, die sie lieben gelernt hat, macht die Geschichte erschütternd. Der höllische Kreislauf, in den die Menschen in Faithful Place sich ergeben, läuft unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.

Obwohl sich Franck Erlösung von der Aufklärung verspricht, wird ihn Einsamkeit umgeben. So erzählt Tana French vom Fieberwahn der Wahrheitsfindung. Die Menschheit befindet sich halt nicht mehr im Paradies, selbst wenn sie die Augen vor sich verschließt.

Das Drama das Tana French beschreibt handelt vom Überleben, von den dunklen Orten, die man jahrelang in sich pflegt, um sich immer wieder sagen zu dürfen, wenn das nicht eingetreten wäre, wäre ich glücklich geworden.

Nur dem ist nicht so.

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