Das Wesen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer, 2010, Seiten: 355, Originalsprache

Couch-Wertung:

80°
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Jörg Kijanski
Das Psychoduell des Jahres!

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2010

1994 wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Sie wurde ermordet und in einem kleinen Waldstück abgelegt. Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich schwierig, doch vor allem der leitende Ermittlungsbeamte Bernd Menkhoff kommt mehr und mehr zu der Überzeugung, dass der angesehene Psychiater Dr. Joachim Lichner der Täter sein muss. Dieser beteuert bis zum Schluss seine Unschuld, doch die Indizien sind recht eindeutig, so dass er zu 15 Jahren Haft verurteilt wird.

2009: Kurz vor Dienstschluss erreicht Menkhoff ein anonymer Anruf. Ein kleines Kind soll aus einer Wohnung verschwunden sein. Menkhoff und sein Partner Alexander Seifert staunen nicht schlecht als sie vor der angegebenen Wohnung stehen und ihnen Dr. Lichner die Tür öffnet. Seine zweijährige Tochter soll verschwunden sein, aber Dr. Lichner bestreitet eine Tochter zu haben. Eine Nachbarin bestätigt den Polizisten jedoch, ein kleines Mädchen gesehen zu haben und so wandert Dr. Lichner kurzerhand in Untersuchungshaft. Aber wo ist das kleine Mädchen oder existiert es gar nicht? Eine Überprüfung der Geburtsbescheinigung im Krankenhaus ergibt, dass diese offensichtlich gefälscht wurde und selbst die Nachbarin ändert plötzlich ihre Meinung. Man habe ihr für die Falschaussage Geld gegeben. Während Menkhoff glaubt, dass Dr. Lichner ein perfides Spiel mit ihnen treibt, ist sich sein Partner zunehmend unsicherer, ob damals tatsächlich der wahre Mörder verhaftet wurde. Mehr und mehr gerät Dr. Lichners frühere Lebensgefährtin Nicole Klement in den Fokus der Ermittlungen, nicht zuletzt, da sie kurz nach dem Urteilsspruch längere Zeit mit Menkhoff liiert war.

Es sind schon sehr eigenwillige Figuren, die Arno Strobel in Das Wesen auf seine Leser loslässt. Ein völlig besessener Polizist, der in seinem Streben nach Gerechtigkeit gänzlich blind ist für Argumente die Dr. Lichner entlasten könnten. Nein, der muss es sein, alles andere geht nicht. Getreu dem Motto, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Auf der anderen Seite ein arroganter Narziss, der mit seinem ständigem Sarkasmus die Polizisten zur Weißglut treibt. So einen "verrückten" Psychiater gab es schon lange nicht mehr, doch gelingt es diesem, Menkhoffs Partner, den Ich-Erzähler Seifert, zunehmend an seiner Schuld zweifeln zu lassen. Dazu Nicole Klement, aber lesen Sie besser selbst.

Der Leser erfährt zunächst in zwei parallel verlaufenden Erzählsträngen von den Ermittlungen im Jahr 1994 sowie dem aktuellen Fall. Diese zweigleisige Erzählweise endet auf Seite 200 mit dem damaligen Urteilsspruch und man bekommt eine böse Vorahnung, dass irgendetwas gründlich schief gegangen sein könnte und Menkhoff hieran nicht ganz unschuldig war. Arno Strobel versteht es geschickt durch immer wieder neue Wendungen die Ermittler und damit natürlich auch die Leser zu verwirren, wie beispielsweise durch die erwähnte Zeugenaussage oder die gefälschte Geburtsurkunde. Der Buchtitel "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" (Paul Watzlawick) schwirrt einem plötzlich durch den Kopf.

 

"Langsam fängt die Sache an, mir gewaltig auf die Nerven zu gehen. Was läuft da nur für eine verdammte Scheiße?"

 

Der Leser wird auf eine wahre Achterbahnfahrt geschickt, deren Höhepunkt zweifellos das Psycho- bzw. Rededuell zwischen Menkhoff und Dr. Lichner ist. Als dann im späteren Verlauf alles klar zu sein scheint, nimmt die Handlung nochmals eine überraschende Wendung bis hin zu einer Auflösung, die einem den Atem raubt. Der Erzählstil treibt ebenso voran wie zahlreiche blendend gesetzte Cliffhanger. Akzeptiert man die Lösung (na ja), so hat man vermutlich das Psychoduell des Jahres gelesen. Erinnerungen an das starke Debüt von Sebastian Fitzek (Die Therapie) werden wach. Wer außergewöhnliche Plots mag (die vielleicht ein wenig unrealistisch erscheinen mögen) sollte hier zugreifen.

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