Laster und Tugend

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Pulp Master, 2010, Seiten: 338, Übersetzt: Ango Laina & Angelika Müller, Bemerkung: nicht in Originalsprache erschienen

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Jochen König
Alkohol ist auch keine Lösung

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2010

Saudi Arabien ist ein Land mit einer großen Königsfamilie. Rund 5000 "Prinzen" müssen versorgt werden. Kein Wunder, dass für die Bevölkerung nicht allzu viel abfällt und in dem an und für sich reichen Land vielfach Armut herrscht. Peter Maddox, Reporter beim "Arabian Chronicle" hat sich damit arrangiert, er sieht zwar genau hin, aber lässt die Verhältnisse für sich arbeiten. Das ergibt genügend Freiheiten, um auch mal ein verabscheuungswürdiges Mitglied (das "Frettchen") der Religionspolizei, zu provozieren. Seine bissigen Artikel sind beliebt – und milde gefürchtet -, nur nicht bei den Kollegen der "Kingdom Tribune" , deren rasender Reporter Bentley Gorman ("Außenseiter, des gesellschaftlichen Umgangs mit anderen Westlern unfähig") Maddox in gegenseitiger Antipathie tief verbunden ist.

Als die beiden am ausgebrannten Autowrack des Alkoholschmugglers McCready zusammentreffen kommt es zum Eklat. Maddox übt sich in ironischen Spitzen und beleidigt einen der Juroren der "Saudi Press Awards" (wenn auch in Abwesenheit) und verschafft sich zudem unberechtigt Zugang zu McCreadys Haus.

Fortan begibt er sich nicht nur auf die Suche nach den Mördern McCreadys, sondern darf auch zusehen, dass er über kurz oder lang nicht des Landes verwiesen wird.

Selbst seinem wohlmeinenden Chefredakteur zu aufsässig geworden, bekommt Maddox den jungen Engländer Barry Kennedy als Aufpasser zur Seite gestellt. Zunächst verhasst, gewöhnt er sich bald an den jungen Mann mit einigen Geheimnissen und kann sich letztlich gar glücklich schätzen, dass es ihn gibt.

Paul Freeman begleitet seine beiden Hauptfiguren auf ihrer Reportage/Odyssee durch fremdes Territorium mit eigenen Regeln und Gesetzen, benutzt den Initiationsritus für Barry, um dem Leser das Leben und Sterben in S.A. nahezubringen. Das gelingt ihm ausgesprochen kenntnisreich, spannend und unterhaltsam.

Er zeigt ein Land, das geprägt ist durch das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Nationen (sesshafte Einheimische, Beduinen, Inder, Fillipinos, Westeuropäer, Amerikaner etc.), und in dem religiöse Kontrollmechanismen den Alltag beherrschen.

Zu Beginn ist unklar, ob McCready Opfer eines Schmugglerkriegs geworden ist, oder von Fundamentalisten in die Luft gejagt wurde. Doch nach und nach entschleiert sich das Bild und zeigt ein Gefüge, dass von westlichem Geschäftsgebaren nicht allzu weit entfernt ist.

Hier wie dort ist Religion oft nur eine (mit heiligem Ernst vorgetragene) Maskerade, um eigene (Geschäfts)Interessen durchzusetzen. Dass im Mittelpunkt dieses Interesses der verpönte Alkohol steht, ist natürlich wieder landes- bzw. regionsspezifisch. Offiziell streng verboten, wird hinter der heimischen Tür oder in gut getarnten Pubs gesoffen, was das Zeug hält. Ein Betätigungsfeld auf dem sich Peter Maddox bestens auskennt. Freeman hat ihn hart am Rand des Klischees angelegt – versoffener Reporter mit dem Herz am rechten Fleck, der sich durch nichts und niemand beirren lässt. Er gibt ihm aber genügend Sympathien und Eigenheiten mit auf den Weg, um glaubwürdig zu bleiben. Wie die schwierige Fernbeziehung zu seiner aus Simbabwe stammenden Frau Martina und der gemeinsamen Tochter Kerry. Maddox kleiner Kampf mit dem eigenen Gewissen (England oder Saudi Arabien, das ist hier die (finanzielle) Frage), der sich immer wieder zugunsten der Heimatferne entscheidet.

Die Story entwickelt sich in nahezu klassischen Hardboiled-Bahnen; ein Hauch von "Casablanca" weht durch die staubigen Gassen, wenn der saloppe, aber integere Reporter Maddox ohne Gewissensbisse in die Kiste mit den schmutzigen Tricks greift, um zum Ziel zu gelangen. Das bei all der Religiosität, die dem äußeren Anschein nach zum Basar getragen wird, ein fast nihilistischer Pragmatismus das saudi-arabische Verbrechen beherrscht, ist geradezu eine melancholisch-sarkastische Abrechnung mit der globalisierten Welt.

Sympathischerweise verweigert sich Freeman so einem glatten, von Angst vor Terroranschlägen geprägten, Feindbild Islam. Lässt aber immer wieder einfließen wie gerne dieser von den Medien dazu gemacht würde - und wird. Stattdessen zeigt er eine Religion, die so ist wie die Menschen die sie verbreiten. Wenn verlogene, profitorientierte Männer ohne Moral, dank Vetternwirtschaft oder überzeugende Heuchelei in tragende Positionen kommen, ist ihre Religionsausübung dem Charakter entsprechend. Womit wir wieder global wären: denn für welche Form der Religion trifft das nicht zu?

So ist "Laster und Tugend" ein kompakter, kluger und unterhaltsamer Roman, der Westeuropäern viel über das Leben in einer anderen Hemisphäre mitzuteilen hat, ohne zu einem besserwisserischen Lehrbuch in Völkerverständigung auszuarten.

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